Zwischen
Empowerment
und Exzess
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Peaches in der Live Music Hall in Köln | Foto © Ansgar Skoda
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Bewertung:
Bevor die Queen of Electroclash am Dienstagabend die Bühne der Live Music Hall in der Domstadt übernimmt, heizt Lynks die Menge auf. Hinter dem Pseudonym (Lynks Afrikka war ursprünglich von einem Deodorant abgeleitet) steckt der britische Musiker, Produzent und Drag-Künstler Elliot Brett. Er tritt mit einer handgefertigten Maske und in einem eng anliegenden, aufwendigen und skurrilen DIY-Kostüm auf. Mit seiner Kunstfigur verkörpert Brett eine narzisstische, befreite Popstar-Persona. Seine flinke Choreografie zu Sprechgesang und Electro-Punk erinnert ab etwa 20 Uhr an die Drag-Kultur. Seine Texte klingen catchy, leichtfüßig und authentisch.
Lynks verarbeitet satirisch gesellschaftliche Absurditäten. „I Didn't Come Here For Art“ ist eine ironische Hymne auf die Clubkultur. Nach und nach legt der Künstler in einer schillernden Performance, während der er sich lässig auf einem roten Sessel fläzt, reizvoll Kleiderschichten ab. Die Menge fährt kreischend auf die Show ab.
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Gegen 21 Uhr betritt dann Peaches die Bühne, eine Künstlerin, die seit über zwei Jahrzehnten subversiv Grenzen von Geschlechterrollen und Sexualität sprengt. Hinter Peaches steckt die 1966 in Toronto geborene Merrill Nisker, Tochter einer jüdischen Familie polnisch-ukrainischer Herkunft. Die Wahlberlinerin war in der Hauptstadt Mitbewohnerin von Leslie Feist, zusammen mit dem gemeinsamen Freund Chilly Gonzales. 2025 erschien mit No Lube So Rude das erste neue Album nach zehn Jahren. In Köln performt sie den Titelsong, der explizite Inhalte humorvoll verhandelt. Der anzügliche Albumtitel wirbt für Gleitmittel beim Date, das mögliche Annäherungen lockern könnte.
Auch das zu wuchtig verzerrten Bässen live schroff dargebotene „Fuck Your Face“ handelt von Reibung, Körpern, Begehren. Die queere Dancepunk-Ikone setzt sich zeitgemäß mit ihrer Menopause, mit dem Altern, der Selbstliebe und selbstbestimmtem weiblichen Begehren auseinander, ähnlich wie zuletzt Sophie Ellis-Bextor. Auf größere Zusammenhänge übertragen thematisieren die neuen Songs der heute 59-Jährigen jedoch auch aktuelle Kulturkämpfe, Verwertungslogik, die Warenförmigkeit von Kunst und politische Rückschritte.
Sexuell aufgeladen und sehr körperlich ist die Show. Die Ikone queerer Befreiung und feministischer Selbstermächtigung beginnt in einem voluminösen haarigen Ganzkörperanzug mit Plüsch-Genitalien. Schnell wechselt sie zu einer fast skulpturalen Robe, um sich Schicht für Schicht zu entblößen. Schließlich performt sie in ihrem ikonisch knappen Nude-Look, den sie jedoch durch futuristische Bodysuits wieder ablöst. Unterstützt wird die Performance durch Laser-Lichtshows (verantwortlich für das Lichtdesign: Bryan Schall) und eine dynamisch agierende Entourage der Tänzer Natasha Vergilio und Daniel Rakin de Moura. Die beiden Performer, laut Selbstaussagen in den sozialen Medien seit vier Jahren liiert, winden sich in bizarren Fetisch- und Haarkostümen in provokanten Choreografien. Die Kostüme sind ein Statement, wie etwa ein überdimensionaler Vagina-Kopfschmuck während des Vortrags von „Vaginoplasty“.
Die Show lebt von der Interaktion, wenn Peaches nicht nur die Bühne dominiert. Frei nach dem Motto „Jesus walks on water, Peaches walks on you“ besteht sie auf einem Crowd-Walk über das Publikum. Ich stütze und trage mit vielen anderen Fans die Künstlerin, während sie über uns hinweg läuft. Wenn Peaches ihre Show visuell überreizt, spielt sie auch mit der Idee, dass der Körper nur eine veränderbare Masse ist. Sie nutzt schrille Schockmomente, um die Grenze zwischen Mensch und bizarrer Skulptur zu verwischen. So ruft sie plötzlich aus: „I can’t move my neck“ und tritt sichtlich entsetzt ab. Wenige Augenblicke später erscheint ein kopfloses Wesen auf der Bühne, mit einem Abbild ihres Kopfes. Dieser körperlose Kopf bestreitet nun dem Anschein nach die nächsten Songzeilen. Bei anderen Künstlern gäbe es hier wohl im Vorfeld eine Triggerwarnung.
Bis zuletzt stellt Peaches mit ihrem charakteristischen Sprechgesang Forderungen und Statements auf und demonstriert Macht, etwa wenn sie Sekt ins Publikum und auf gezückte Handy-Kameras schüttet. Im Rhythmus der Beats bewegt sich das mehrheitlich weibliche, recht heterogene Publikum, bis die Schwarte kracht. Unerschrocken entgrenzt sich Peaches mit roher Energie, voller Glanz und Eskapismus. Natürlich darf zuletzt das unvermeidliche „Fuck the Pain Away“ aus ihrem zweiten Album The Teaches of Peaches (2000) nicht fehlen. Mit einer letzten Zugabe beweist die Musikerin eine körperliche Ausdauer, die ihresgleichen sucht. Die Kanadierin verabschiedet sich schließlich im Fünf-Finger-Kostüm mit dem Broadway-Hit „People“ aus Funny Girl, einem halbautobiografischen Rückblick auf das Leben und die Karriere der Komikerin Fanny Brice, die Barbra Streisand Ende der 60er verkörperte. Kein Wunder, dass Peaches’ Auftritte 2024 Sujet mehrerer Dokumentarfilme waren.
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Peaches in der Live Music Hall in Köln | Foto © Ansgar Skoda
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Ansgar Skoda - 30. April 2026 ID 15827
Weitere Infos siehe auch: https://www.teachesofpeaches.com/
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