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Konzertbericht

Prediger versetzt

in Ekstase



Nick Cave & the Bad Seeds am 25. August 2026 auf dem Kunst!Rasen Bonn | Foto © Ansgar Skoda

Bewertung:    



Er wird auch „Prince of Darkness“ (Fürst der Dunkelheit) genannt: Die australische Ikone schafft schnell physische Nähe und emotionale Verbundenheit zu seinem Publikum. Wenn er die Bühne rastlos auf und ab läuft, macht er mitunter plötzliche, expressive Bewegungen, um theatralisch wie ein Prediger die Hände der Fans zu suchen und sich über sein Publikum zu beugen. Der Funke springt schon früh über: Kantige Gitarrensounds und Grooves lassen das Publikum begeistert hüpfen. Die Besucher singen aus voller Kehle mit und lassen die Hüften schwingen. Zwei Jahre ist das letzte Konzert in Oberhausen nun her. Das Warten hat sich für die Fans in NRW gelohnt.

Nick Cave & The Bad Seeds verwandeln den Bonner Kunst!Rasen vor fast 10.000 Fans in ein episches Meer aus Rock, Gospel, Energie und Emotion. Als einer der letzten großen Stopps ihrer Europa-Tournee gerät der Auftritt zu einer zweieinhalbstündigen, kollektiven Zeremonie, die den schmalen Grat zwischen tiefer Trauer und unbändiger Lebensfreude feiert.

Mangelnde Ambitionen kann man Nick Cave und seinen Bad Seeds wahrlich nicht vorwerfen: Pünktlich um halb acht betritt die Band die Open-Air-Bühne nahe am Rhein. Im gewohnt makellosen Maßanzug eröffnet der inzwischen 68-jährige Nick Cave die Show mit einem energetischen Tritt in die Luft und dem peitschenden Befehl „Get Ready for Love“. Direkt im Anschluss folgt mit „From Her To Eternity“ ein brachialer Sprung zurück zum Debütalbum von 1984.

Für maximale Fannähe ist ein eigener Steg vor der Bühne errichtet worden. Cave sucht ununterbrochen die Nähe, hält Hände, fixiert die Blicke der Zuschauer und lässt sich zeitweise komplett auf den Händen der vorderen Reihen tragen. Nach einem anfangs humorvoll gescheiterten Crowdsurfing-Versuch frotzelt er grinsend: „What the f** is wrong with you, Bonn?“, nur um später die Tragfähigkeit und Textsicherheit der Menge ausgiebig zu loben.

Der Sound, der lautstark über die Rheinaue rollt, lebt vom ausdrucksstarken, versierten und mitunter ungewöhnlich arrangierten Zusammenspiel der Bad Seeds. Multiinstrumentalist Warren Ellis malträtiert seine Geige so vehement, dass der Bogen fliegt. Als Caves langjähriger, exzentrischer musikalischer Partner leitet er die Band wie ein Derwisch und entlockt auch dem Synthesizer aufwühlende Klänge. Der legendäre Radiohead-Bassist Colin Greenwood vertritt den gesundheitlich pausierenden Martyn P. Casey und verleiht den Songs ein tiefgründiges Rhythmus-Fundament.

Drummer Larry Mullins peitscht die Band mit wuchtigen Beats unermüdlich voran. Das Bad-Seeds-Urgestein Jim Sclavunos sorgt an den Perkussionsinstrumenten und dem Glockenspiel mit scheppernden, lautstarken Rhythmus-Akzenten für spannungsvolle Farbpunkte. Gitarrist George Vjestica spannt mit psychedelischen Verzerrungen und rastlosen Riffs den Bogen von rohem Punkrock zu elegischen Soundwänden. Die Kanadierin Carly Paradis webt an den Keyboards einen dichten Teppich aus atmosphärischen Klängen und melancholischen Melodien, der Caves Knäuel von Geschichten vor der Rheinaue-Kulisse emotional untermauert.

Ein vierköpfiges Background-Gospel-Quartett in freshen, silbernen Outfits hüllt die Songs in eine erhabene, warme Aura. Janet Ramus verleiht als stimmgewaltiges Herz des Chores Songs wie „O Children“ eine tiefe Soul-Note und glänzt im Duett bei „Henry Lee“. T Jae Cole bringt eine warme, erdige Gospel-Klangfarbe in die monumentalen Refrains ein. Wendi Rose hebt Harmonien auf eine spirituelle Ebene. Miça Townsend komplettiert schließlich das Gesangsquartett mit ihrer energiegeladenen Performance.

Das markerschütternde und düstere „Red Right Hand“ sorgt für Gänsehaut. Der Song handelt von einer mysteriösen, teils gottgleichen und teils teuflischen Herrscherfigur, die über das Schicksal der Menschen bestimmt, und erlangte weltweite Bekanntheit als ikonischer Titelsong der britischen Erfolgsserie Peaky Blinders sowie durch den Einsatz in der Scream-Horrorfilmreihe. Die Band dehnt den minimalistischen, hypnotischen Rhythmus des Songs im Mittelteil live zu einer Endlosschleife aus.

Bei „The Weeping Song“ glückt Cave mit dem Publikum – laut eigener Aussage zum allerersten Mal auf der Tour – ein rhythmisches Mitklatschspiel. Ein emotionales Highlight markiert der Song „Joy“ (vom 2024er-Album Wild God): Der tragische Verlust seiner Söhne Arthur (gestorben 2015, im Alter von 15 Jahren) und Jethro Lazenby (gestorben 2022, im Alter von 31 Jahren) scheint hier nicht mehr als lähmender Schmerz, sondern als friedvolle Akzeptanz über die Wiese zu schweben. Im Gegensatz zu diesen schmerzlichen Schicksalsschlägen treten seine beiden noch lebenden Söhne Luke und Earl als profilierte Schauspieler in die kreativen Fußstapfen ihres Vaters und schenken ihm inmitten der Trauer neue Lebensfreude.

Das Konzertprogramm auf dem Kunstrasen ist mit dem im Dezember 2025 erschienenen Live-Album Live God verknüpft und basiert im Kern auf der großen The Wild God Tour, die zur Feier ihres 2024er-Studioalbums Wild God ins Leben gerufen wurde. Nach dem monumentalen, zehnminütigen „Hollywood“ verabschiedet sich die Band, um kurz darauf für ein dreiteiliges, temporeiches Zugaben-Set zurückzukehren. Es folgen ein treibender Ausbruch und ein hypnotisches Finale mit „City Of Refuge“. Nach dem sanfteren „Cinnamon Horses“ verabschieden sich die Bad Seeds erneut.

Nick Cave bleibt für den finalen Moment ganz allein am Klavier zurück. Mit der zärtlichen Liebeserklärung „Into My Arms“ stimmt er gemeinsam mit fast 10.000 mitsingenden Menschen ein andächtiges, federleichtes Abendgebet an, das ein bewegtes Bonner Publikum in die Nacht entlässt. Das Konzert war wahrlich ein Parforceritt und ein Triumph für die lebendige Kultur der Bundesstadt.



Nick Cave & the Bad Seeds am 26. August 2026 auf dem Kunst!Rasen Bonn | Foto © Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 30. August 2026
ID 16011
Weitere Infos siehe auch: https://www.nickcave.com/


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