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Konzertbericht

Favourite Songs

- Class of 2005



Paul Smith, Frontmann der britischen Indie-Rock-Band Maximo Park, am 08. März 2026 im Kölner E-Werk | Foto © Ansgar Skoda

Bewertung:    



Der Konzertabend wurde aufgrund der hohen Nachfrage früh in eine größere Location verlegt. Im Vergleich zum anfangs noch gebuchten Carlswerk Victoria ist das E-Werk die größere der beiden Hallen in Köln-Mülheim. Dicht gedrängt warten hier etwa 2.000 Fans gegen 20 Uhr vor der Bühne oder auf der Empore auf Maximo Park...

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Als Support für ihre "20th Anniversary Tour" wählte die britische Indie-Rockband die Formation Art Brut (dt.: „rohe Kunst“, hier gemeint im Sinne von Kunst von Outsidern) aus. Während Maximo Park mit ihrem Albumdebüt A Certain Trigger 2005 Erfolge feierte, veröffentlichte im gleichen Jahr auch Art Brut ihr Debüt Bang Bang Rock & Roll.

Die Londoner Band Art Brut verströmt kurz nach 20 Uhr den charakteristischen Zeitgeist der britischen Indie-Szene der 2000er Jahre. Auch Art Brut veröffentlichten eigene Platten bei einflussreichen Indie-Labels. Leadsänger Eddie Argos tritt als exzentrischer Entertainer mit markantem, intellektuellem Sprechgesang, zerzausten Haar und verknitterten Hemd auf. Flankiert wird er von Gründungsmitglied Freddy Feedback (Friederike Siebels) rechts am Bass und links von Olga Karatzioti-Bakopoulou an der Gitarre. Direkt hinter ihm ist Tobias Humble am Schlagzeug platziert, während vorne links Ian Catskilkin an der Lead-Gitarre agiert.

Argos interagiert viel mit dem Publikum, wenn er seine Anekdoten zwischen den Songs erzählt. Lieder wie „Formed a band“ und „My little brother“ klingen wie künstlerisch zelebrierte Manifeste. Der Frontmann ruft im Song „Modern Art“ enthusiastisch dazu auf, im Angesicht moderner Kunst ein bisschen „flach zu atmen“. Kalkuliert tolpatschig performt er mit offenem Hosenschlitz, womit er eine unperfekte und fehlbare ‚Anti-Rockstar‘-Persona und einen gewissen authentischen Dilettantismus markieren möchte. Die Stimmung im Saal kocht, wenn der Brite über peinliche Situationen und das eigene Scheitern singt. Der eingängige Song „Emily Kane“ handelt von einer verpassten Jugendliebe. Musikalisch sorgen Art Brut in Köln für Nostalgie und liefern gewohnt simple und kantige Riffs und Hooks.

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Schlagzeuger Tom English, Sänger Paul Smith und Bassist Paul Rafferty von Maximo Park im Kölner E-Werk | Foto © Ansgar Skoda


Gegen 21 Uhr geht es hochenergetisch mit Maximo Park weiter. Stillstand ist nun keine Option mehr. Auch nach über zwanzig Jahren Bandgeschichte prägt die Formation aus Newcastle eine ekstatische Rastlosigkeit. Der charismatische Frontmann Paul Smith trägt anfangs noch eine Anzugjacke, später nur noch ein kurzärmeliges Hemd, einen dunklen, tief ins Gesicht gezogenen Hut und eine rote Designerhose. Er gleitet voller akrobatischer Energie an seinen vier Bandmitgliedern vorbei.

Multiinstrumentalist Duncan Lloyd, der musikalische Architekt und wichtigster Songwriter der Band, verantwortet, links vorne stehend, das Gitarrenspiel und den Hintergrundgesang. Auch Schlagzeuger Tom English im Hintergrund gehört zu den Gründungsmitgliedern der Formation. Er liefert, sozusagen als Metronom der Band, das pointierte harmonische Arrangement der Percussion. Die Jazz-Musikerin Jemma Freese erweitert seit 2019 die Live-Besetzung mit ihrem energetischen Spiel an den Keyboards und Synthesizern sowie dezenten Backing Vocals. Bassist Paul Rafferty komplettiert das Quintett und setzt schließlich rechts, direkt hinter dem Leadsänger, wirkungsvoll Akzente.

Als emotionales Kraftzentrum wirbelt Paul Smith energetisch und flink über die Bühne, als gäbe es kein Morgen. Während ausgewählter Refrains springt der heute 46-Jährige flamboyant hoch in die Luft und streckt die Beine scherenartig auseinander. Er hebt mehrfach seinen Mikrofonständer in die Höhe, wirbelt ihn herum und neigt ihn leidenschaftlich in extreme Winkel. Dies erzeugt den Eindruck, das Objekt sei ein verlängerter Teil seiner eigenen expressiven Bewegungen. Mit klar artikuliertem, charakteristischen nordenglischen Akzent zieht er die hymnischen Refrains in die Länge. In den Pausen zwischen den Songs spricht der Vater mehrerer Kinder über Verbundenheit, Tatendrang, das Älterwerden oder die Vergänglichkeit im Allgemeinen. Seine Bandkollegen unterlegen seinen Gesang durch drahtige Gitarrenriffs, filigrane Melodielinien und treibende Synthesizer-Klänge.

Die tanzbaren Post-Punk-Rhythmen sind geprägt von intellektuellen Texten. Das live bereits zu Anfang performte „Our Velocity“ (dt.: Unsere Geschwindigkeit) von 2007 war der wohl bisher größte Charterfolg der Band. Der Song thematisiert ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber kriegerischen Handlungen Großbritanniens wie in Afghanistan und im Irak. Die britische Band beleuchtet hier die Einschränkungen des Individuums, wenn die Gesellschaft es in bestimmte Bahnen lenkt. Das hektische Tempo des Songs spiegelt eine Rastlosigkeit und den Drang wider, sich in einer schnelllebigen Welt zu behaupten.

Aus dem aktuellen, achten Bandalbum Stream of Life spielt Maximo Park nur die erste experimentelle Singleauskopplung „Favourite Songs“. Dieser Song reflektiert mit der fast schon ironischen Zeile „My best years are behind me“ (Meine besten Jahre liegen hinter mir) das Altern, stellt aber sofort klar, dass Paul und seine Formation nicht ans Aufgeben denken. Der Refrain lädt dazu ein, Sorgen durch das Teilen von Musik zu vertreiben: „Tell me your favourite songs/ And I’ll tell you mine and we’ll sing along/ And all of our troubles will fade away“. Hier wird Musik als ein Zufluchtsort der Sicherheit und des Trostes beschrieben, der hilft, persönlicher Unsicherheit zu begegnen.

Maximo Park spielen die hochenergetischen Uptempo-Hits aus ihrem erfolgreichen Debüt A Certain Trigger (2005). „Apply Some Pressure“, das wohl bekannteste Lied der Band, schildert körperliche Reaktionen von Verliebtheit, gepaart mit Herzrasen, aufgestauter Energie und der Unfähigkeit, in der Gegenwart der begehrten Person ruhig zu bleiben. „Pressure“ (dt.: Druck) bezieht sich auf den inneren und äußeren Zwang, den ersten Schritt zu machen oder eine Entscheidung zu treffen, bevor der Moment verstreicht. Zentrales Thema des Songs ist die Angst vor Ablehnung. Es geht darum, Risiken einzugehen, auch wenn man dabei alles verlieren könnte. Den Refrain "What happens when you lose everything? You just start again" grölen viele im Publikum mit und im Saal entsteht ein Meer aus emporgehobenen Armen, die in die Hände klatschen. Duncan Lloyd schrieb das ikonische Riff. Drummer Tom English verantwortete das rhythmische Fundament, dynamische Pausen und Tempowechsel und den treibenden Achtel-Rhythmus auf der Hi-Hat. Auch weitere Klassiker der rastlosen, prägenden Indie-Rock-Band werden live dargeboten.

Nach einem ambitionierten Set mit achtzehn Songs und drei Zugaben verabschieden sich Maximo Park unter tosendem Applaus. Das Publikum verlässt die Konzertlocation an diesem Sonntagabend sichtlich beglückt und verausgabt.

Ansgar Skoda - 10. März 2026
ID 15750
Weitere Infos siehe auch: https://www.maximopark.com


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