Zwischen Melancholie
und Aufbruch
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Wim stimmte die Besucher im Kölner Gloria als Support mit eigenen Liedern stimmungsvoll ein | Foto © Ansgar Skoda
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Bewertung:
Karnevalsmuffel kamen in der Domstadt während eines Konzertabends auf ihre Kosten. Viele der am Karnevalsdienstag im Kölner Gloria präsentierten Songs waren von nachdenklicher Rückschau und gleichzeitigem Vorwärtsdrängen geprägt. Mit leisen Tönen sorgten zwei Singer-Songwriterinnen, die sich als Multiinstrumentalistinnen solo selbst begleiteten, für ein Innehalten.
Wim sorgt ab etwa 20 Uhr, an den Keyboards und Effektgeräten stehend, als Support für eine intime Atmosphäre. Ihr Lied „Löwenherz“ habe sie ursprünglich für eine damals noch sehr junge Freundin geschrieben, erzählt Wim. Sie meint: „Manchmal ist es leichter, etwas für jemand anderen zu schreiben oder auch für jemand anderen einzustehen als für sich selbst.“ Während sie ihren nahbar-tiefgründigen Text singt, erzeugt sie mit diversen Loops, Synthie- und Keyboardmelodien sowie mehrfach geschichteten Gesangsspuren eine rhythmische Dynamik.
Mit ihrem Soloprojekt WIM begann die Musikerin Katharina Müller 2022, als sie ihr Debütalbum Boxer veröffentlichte. Zuvor komponierte und textete sie Soundtracks zu Fernsehserien und Hits für Künstler wie Die Prinzen, Max Mutzke, Lina Maly oder Ina Müller, mit der sie selbst nicht verwandt ist. Wim war auch am Song „You Let Me Walk Alone“ beteiligt, mit dem Michael Schulte 2018 beim Eurovision Song Contest den vierten Platz belegte. In Köln sind es eigene Liedern wie „Ich frag ja nur“ und „An manchen Tagen“, die Leichtigkeit und eine positive Energie verbreiten. Thematisch drehen sich Wims Songs um Ängste, Verlusterfahrungen, Nähe und zwischenmenschliche Beziehungen.
Nina Müller, wie Wim auch genannt wird, ist für den Konzertsupport extra aus Hamburg angereist und großer Fan des Hauptacts, wie sie erzählt. 2026 werde ihr zweites Album erscheinen, kündigt Wim an. Sie werde im Herbst ein eigenes Konzert in Köln spielen, um den 11.11. herum. Dann sollte der Karneval ja bereits vorbei sein, glaubt die Hamburgerin. Ihr Kölner Publikum belehrt sie eines Besseren. Zu guter Letzt performt Wim noch ein Lied aus der Sicht der Elbe. Sie moderiert dies mit den Worten an, dass sie, wenn sie die Nachrichten über das Weltgeschehen sehe oder lese, oft wütend und traurig werde. Dann denke sie an Flüsse, wie die Elbe, die schon viele Jahrhunderte fortbestehen und so viel gesehen und erlebt hätten. Die Elbe fließe gelassen erhaben über unruhige Zeiten, eine sinkende Moral und eine „Weltbesch***enheit“ hinweg, auch wenn uns Menschen das Wasser bis zum Hals stehe, so heißt es in Wims Lied. Mit ihren bodenständig-sympathischen Lyrics und sensiblen Botschaften stimmt Wim wirkungsvoll auf den Hauptact des Abends ein und wird mit enthusiastischem Applaus von der Bühne verabschiedet.
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Die Ausnahmekünstlerin Kat Frankie tritt danach auf. Sie singt einleitend das sphärische „Bina“ mit wandlungsfähigem und voluminösem Stimmorgan. Die Bühnenbeleuchtung ist dabei ebenso dunkel wie ihr Alt-Timbre. Der Songtitel „Bina“ trägt den Namen ihres Harmoniums und ist der Eröffnungstrack ihres Albums Please Don’t Give Me What I Want von 2012. Die 47-Jährige hängt sich, androgyn wirkend, lässig eine Gitarre um. Sie lässt filigrane Harmonien anschwellen, die fortan im Saal des Gloria schweben. Die Australierin, die seit 2004 in Berlin lebt, singt mit künstlerischer Strenge bedächtig, sanft und kraftvoll. Ihre Performance wirkt innig, hingebungsvoll und sehr konzentriert. Die Künstlerin arbeitete in Sydney als Innenarchitektin, bevor sie nach Berlin kam und hier mit Künstlern wie Olli Schulz oder Clueso zusammenarbeitete und auch im Duett live auftrat. Anfangs mutet ihr Gig ein bisschen introvertiert, unnahbar und verhalten an. Doch gleichzeitig bewahrt sich Kat eine geheimnisvolle und mysteriöse Aura. Nach dem Eröffnungssong begrüßt sie ihre Fans herzlich. Sie meint, dass dies ihre erste Solo-Konzertreise seit Langem sei. Auch spiele sie nun erstmals vor bestuhltem Publikum.
Es herrscht bei der Aufführung von „Versailles“ eine fast andächtige Stille. Kat gelingt es, abseits von Untiefen aufzufahren und ihr Publikum eine starke Sehnsucht nach Leben verspüren zu lassen. Sie schichtet und sampelt ihre Songs live, ähnlich wie der norwegische Singer-Songwriter Jarle Bernhoft. Mit Loop-Stations, Effektgeräten und gut aufeinander abgestimmten Harmonien entstehen extrem komplexe Vokalschichten und Klangwände. Flüsterleise Passagen entwickelt Kat bis hin zu gewaltigen vokal-perkussiven Ausbrüchen. Kat Frankie interpretiert ihre Indie-Hymnen „Bad behaviour“, „Please don’t give me what I want“ und „Shiny Things“ im reduzierten Gewand anders und gewinnt ihnen, experimentell umarrangiert, neue Emotionalität und Tiefe ab. Sie zeigt auch mit unvorhersehbaren Rhythmuswechseln eine ganze kreative Bandbreite als Songwriterin. Leider konnte man jedoch die Lyrics nicht immer gut verstehen.
Die Sängerin und Gitarristin produzierte ihre bisherigen Alben im Alleingang. Kat meint, sie genieße die Ruhe im Publikum. Sie erzählt, dass sie am 22. März 2027 wieder mit dem von ihr initiierten A-cappella-Ensemble Bodies in der Kölner Philharmonie spielen werde. Mit ihrem außergewöhnlichen Stimmprojekt mit sieben weiteren Sängerinnen war sie nach einem 2024 veröffentlichten, gleichnamigen Album erstaunlich erfolgreich. Doch Kat führt aus, 2027 sei noch Zukunftsmusik und nun der Worte genug, es heiße jetzt erst einmal singen. Sie gestaltet gefühlvoll filigrane Klänge, die im Raum noch lange vibrieren. Mit leiser Selbstironie meint Kat zu ihren emotionalen Lyrics: „This song is sad. It’s getting even sadder“, als sie ihren Song „The Wrong Side of Midnight“ anmoderiert. Letztgenannter melancholischer Song behandelt introspektive Fragen und erzählt von der Dualität des Menschseins. Er widmet sich der Zerbrechlichkeit des Lebens. Auch andere Songs im Oeuvre Kats behandeln Einsamkeit, Verlusterfahrungen und innige Sehnsüchte. Natürlich verlangt es das Kölner Publikum nach einem über einstündigen Auftritt nach einer Zugabe, welche Kat auch routiniert liefert. Sichtlich bewegt und von der Zuschauerbegeisterung gerührt verlässt die Künstlerin anschließend die Bühne.
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Kat Frankie bestritt ein eindrucksvolles Solo-Programm im Kölner Gloria | Foto © Ansgar Skoda
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Später konnte man auf dem Heimweg noch einigen lautstarken Jecken bei Nubbelverbrennungen beiwohnen. Colonia Alaaf. Mer dun et för Kölle.
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Ansgar Skoda - 19. Februar 2026 ID 15707
Weitere Infos siehe auch: http://www.katfrankie.com/
Post an Ansgar Skoda
skoda-webservice.de
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