Markante Stimmen,
präsente Vibes
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Emiliana Torrini besorgte den Support für die Counting Crows im Kölner E-Werk | Foto © Ansgar Skoda
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Bewertung:
Erstmals besuchte ich ein Konzert alleine schon wegen des exquisiten Supports: Die zierliche Isländerin Emiliana Torrini hatte ich zuletzt 2023 in Dortmund erlebt... Schreitend betritt sie die Bühne im Kölner E-Werk gegen 20 Uhr zusammen mit ihren beiden Gitarristen Lovísa Elísabet Sigrúnardóttir aka Lay Low und Ian Kellett, Drummer Liam Hutton und Multiinstrumentalist Simon Byrt. Eine dynamische Mischung aus organischen Beats und stimmungsvollen Klangteppichen webt sich fortan agil um Torrinis mal kraftvollen, mal zerbrechlichem, stets wiedererkennbaren Gesang. Die Musiker sorgen für feinfühlige, dezente Percussion, rhythmische Akzente und spontane Einwürfe. Intime und diskrete Kompositionen der Sängerin, wie die dargebotenen Stücke „Sunny Road“ oder „Big Jumps“, leben jedoch vor allem von dem weichem Timbre ihres schwebenden, warmen und leichten Stimmorgans, das mal kraftvoll lässig und mal sinnlich zerbrechlich anmutet.
Die heute 49-jährige Songwriterin trägt „Animal Games“ konzentriert und mit geschlossenen Augen vor. Trotzdem ist sie stets in Kontakt mit ihrer Band. Nach den ersten Songs begrüßt sie das Publikum mit erfrischend lückenhaften Deutschkenntnissen. „Wir sind eingeladen und müssen hier nicht viel denken“, meint Torrini leichthin. Zudem erklärt sie, dass der anwesende Simon Byrt ihre letzte Platte Miss Flower produzierte, ein Konzeptalbum von 2024. Hier vertonte sie mit ihrer Band leidenschaftliche Liebesbriefe und Geheimnisse von Geraldine Flower, der verstorbenen Mutter einer engen Freundin der isländisch-italienischen Singer-Songwriterin. Auf Miss Flower experimentiert Torrini mit Spoken-Word-Passagen und beim live präsentierten, luftigen „Let’s Keep Dancing“ mit der eingespielten Stimme des 80-jährigen Sängers Harold Prieto. Gegen Ende setzt Torrini wandlungsfähig und expressiv unter tosendem Beifall Glanzpunkte mit ihrem größten Chart-Hit „Jungle Drum“, der nunmehr etwa siebzehn Jahre zurückliegt.
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Auch beim Hauptact, den Counting Crows, setzen die Gitarristen pointierte Nuancen: Dan Vickrey und David Bryson lassen mit kraftvollen, schneidenden Soli aufhorchen. Musikalisch gehört die vom Alternative Rock beeinflusste Band aus Kalifornien zum Genre des Americana, einem Stil, der US-amerikanische Musiktraditionen widerspiegelt. Songs wie der Opener „Spaceman in Tulsa“ und später gespielte Lieder wie „Virginia Through the Rain“, „Omaha“ oder „Raining in Baltimore“ handeln von geografischen Orten in den USA.
Leadsänger Adam Duritz begrüßt das Konzertpublikum nach den ersten Songs mit den Worten, dass er ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Publikum schaffen möchte. Passend zum Abend und den vorangegangenen Songs von Torrini schwingt dabei die Prämisse mit: „No one listens to lyrics nowadays anyway. So let’s just speak to each other.“ Während der Performance, bei der auch Trostlosigkeit, Leere und Stillstand in Amerika Thema werden, bleibt das Grauen über die oft beschworenen dunklen Geister der Gegenwart im kontroversen öffentlichen Diskurs zu den USA ausgespart. So schließen sich die Rockveteranen nicht populären Landesgenossen wie Pearl Jam, Green Day oder Bruce Springsteen an, die während ihrer Live-Gigs politische Botschaften etwa vom Misstrauen gegen den Aufstieg der radikalen Rechten verbreiten oder sich zur umstrittenen und rückwärtsgewandten Politik Trumps und einem Abgleiten in den Faschismus in der Heimat äußern.
Der Name der Counting Crows stammt von einem alten englischen Kinderreim und einem damit verbundenen Aberglauben, der besagt, dass das Zählen von Krähen die Zukunft vorhersagen kann. Je nachdem, wie viele Vögel man auf einmal sieht, prophezeit dies Glück, Trauer oder ein anderes Lebensereignis. Das bloße „Zählen von Krähen“ steht dabei für die Suche nach Zeichen in einer unvorhersehbaren Welt. Adam Duritz erklärte in Interviews, dass der Name für ihn die Tendenz von Menschen symbolisiert, das Leben und die Zeit sinnlos oder voller Sorgen zu analysieren, statt sie einfach zu leben – man verbringt seine Zeit quasi damit, „Krähen zu zählen“.
Das oscarnominierte „Accidentally in Love“ aus dem Film Shrek 2 spielt die Band erstaunlicherweise bereits als zweites Lied. „Mr. Jones“, ihren wohl bekanntesten Hit von 1993, präsentiert das Septett dann direkt im Anschluss. Duritz bricht die Gesangslinien auf und dehnt Phrasen aus, wenn er hier von der Sehnsucht singt, jemand zu sein, um geliebt zu werden. In der zweiten Hälfte des Konzertes spielen die Indie-Folk-Pioniere ihren Hit „Colorblind“, der auch durch eine prominente Verwendung im Film Cruel Intentions bekannt wurde. In das gefühlvoll vorgetragene, harmonisch sanfte Arrangement kann man sich watteweich fallen lassen, während fast pastorale Ruhe einkehrt. Der Song beschreibt eine emotionale Abgestumpftheit und Depression, wenn sozusagen alle Gefühle wie Trauer oder Freude abgeschaltet werden und man „farbblind“ für das Leben wird, das einem nur noch wie eine graue, kontrastlose Welt vorkommt.
Die 1991 gegründete Formation beweist ein Gespür für Melodien und einprägsame Strukturen, wenn sie ihr Rockpanorama mit orchestraler Üppigkeit vielschichtig anlegt. Dabei feiern die sieben Musiker auch ein bisschen die Achtsamkeit in der Gemeinschaft, wenn sie kurze Solopassagen auskosten. Multiinstrumentalist David Immerglück rückt bei „Under the Aurora“ mit prägnanten Bassläufen und Backing Vocals ins Zentrum. Keyboarder Charlie Gillingham liefert bei den Balladen feinfühlig melodische Motive. Schlagzeuger Jim Bogios und Bassist Millard Powers peitschen als Rhythmusgruppe kantig das Publikum an und improvisieren mitunter nach spontanen Mustern. Über den weit ausladenden Arrangements schwebt stets Duritz’ einnehmende Stimme, welche mit emotionaler Unmittelbarkeit begreiflich macht, dass komplexe Gefühlswelten die Energie der Songs antreiben. So übersetzen die Roots-Rock-Ikonen ihren geheimnisvollen Kosmos, der auch um Schwermut, unerwiderte Liebe und Existenzielles aus dem Abseits kreist, einschneidend, herb und ganz wunderbar in organischen Klang oder mitreißenden Groove.
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Leadsänger Adam Duritz und Gitarrist David Immerglück (rechts) von den Counting Crows im Kölner E-Werk | Foto © Ansgar Skoda
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Ansgar Skoda - 27. Juni 2026 (2) ID 15923
Weitere Infos siehe auch: https://www.countingcrows.com
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