Licht, Schatten
und subtile
Zwischentöne
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Agnes Obel am 22. August 2026 auf dem Kunst!rasen in Bonn | Foto © Ansgar Skoda
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Bewertung:
Ein elegisch eleganter Fluss der Kontemplation hüllt uns ein. Vier Musiker geben mit Verve stets neue, hell leuchtende Klangschichten frei. Sich überlagernde Stimmen schillern opulent und vibrieren wuchtig über das weite Gelände der Gronau. Leise Rhythmuslinien schaffen mit trotziger Energie Raum für lässige Komplexität. Gesangsharmonien werden von experimenteller Elektronik geschreddert. Dabei prallen zartes Feingefühl und zerstückelt dröhnender Avantgarde-Pop aufeinander.
Die dänische Sängerin, Pianistin und Komponistin Agnes Obel spielte unter offenem Himmel auf dem Bonner Kunst!Rasen vor etwa 1.500 Konzertbesuchern. Den Abend eröffnete der schottische Cellist und Komponist Peter Gregson. Er verfremdet sein akustisches Cello-Spiel live fließend über modulare Synthesizer und sorgt so für raumfüllende elektronische Klänge.
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Später tritt die 45-jährige Obel mit drei Musikern zusammen auf. Sie setzt sich seitlich zum Publikum an ein mit Gesangsmikrofonen ausgestattetes Klavier und hält Blickkontakt zu zweien ihrer Musiker. Mit Klangsinn für subtile Zwischentöne spielt die Dänin das perkussive Tasten- und Saiteninstrument selbst. Obel schreibt, arrangiert und produziert ihre Musik meist allein. Bekannt ist sie für ihren ruhigen, melancholischen Stil aus Pop, Folk und Neoklassik.
Das Wetter ist erstaunlich kühl. Es hat den ganzen Tag geregnet. Vor der Bühne klafft mittig eine große Pfütze, die von den Besuchern umstanden wird. Viele im Publikum tragen Gummistiefel. Aufmunternd meint Obel, sie wolle das Publikum mit ihrer Musik erwärmen. Als Obel ihre Band vorstellt, wechselt sie fließend vom Englischen ins Deutsche und hebt hervor, dass alle auch selbst komponieren:
„They are all making their own music. Be sure of that. Aus der Schweiz aus Bern kommt mein absoluter Favorit-Schlagzeuger, Drummer, Percussionist und Composer; Julian Sartorius plays everything, die Berge, Straßen, yes, everything.
Playing the piano, synthesizer and singing and also composing her own music, she is also an educated producer and recording artist from London and Japan, give a big hand to Hinako Omori.
Und aus Süddeutschland, aus Ulm in der Nähe von Stuttgart, haben wir eine Cellistin.
Sie loopt alles live, etwa auch das Fiepen, und singt gleichzeitig und komponiert auch. Sie hat ein Projekt, das Töchter heißt; Marie-Claire Schlameus.“
Die Spielfreude auf der Bühne und die spirituelle Atmosphäre im lyrischen Dialog wird vom Publikum unmittelbar aufgenommen und gespiegelt. Obel hat ein Faible für Zwischenwelten, wenn Klangwelten mit erstaunlicher Wucht im dichten Nebel atmosphärisch kontemplativ verschwimmen.
In Bonn performt sie neben „Laymelli“ weitere Songs aus ihrem fünften Studioalbum The Meaning of Flowers, das Mitte September erscheinen soll. Obel bezeichnet die Konzertbesucher charmant als „Versuchskaninchen“. Der innig dargebotene Titelsong „The Meaning of Flowers“ wird getragen von dem Gefühl eines Neuanfangs und einer grenzenlosen, niemals endenden Liebe. Ihr neues Album widmet sie ihrer etwa vier- oder fünfjährigen Tochter, die sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Lebenspartner, dem dänischen Fotografen und Animationskünstler Alex Brüel Flagstad, hat. Flagstad gestaltete die visuellen Elemente für die Live-Show der Künstlerin: eine Multimedia-Ästhetik aus bewegten Linien und überwiegend abstrakten Welten im Bühnenhintergrund, die mit der Musik harmonieren. Obel gesteht ihren Fans, dass ihre Tochter hinter der Bühne bereits schläft.
„Laymelli“ und das ebenfalls vorgetragene „Gemini“ spiegeln das Staunen über die Entstehung neuen Lebens und die Metamorphose wider. Das dargebotene „Blood so Red“ entstand unter dem Eindruck uralter sumerischer Gedichte. Hier verarbeitet Obel ihre persönlichen Erkenntnisse rund um die Geburt und die biologischen Gesetze des eigenen Körpers. Poetische Zeilen erklingen wie beiläufig notierte Gedanken. In ihren Lyrics verwendet Obel oft sich wiederholende Phrasen oder Mantren, um – etwa mit Naturbildern – eine hypnotische, klangorientierte und fast meditative Wirkung zu erzielen. Die Lyrics der Songs sind oft nicht verständlich. Gesanglich veredelt Obel ihre Songs oft mit ungewöhnlich arrangierten Gesangslinien, die sie jedoch eher als Instrument vor einem kohärenten Sound verwendet.
Wie Sommerwind erfasst die Zuhörer ein warmer, zeitloser Sound mit fein schimmernden
Schraffuren und lange nachhallenden Melodien. Träumerisch schwebende orchestrale Arrangements, wie „Fuel to Fire“ und die Zugabe „Riverside“, werden durch sanfte Harmonien und federleicht klingende Melancholie getragen. Diese frühen Songs behandeln das Verschwinden von Dingen, die Zerbrechlichkeit des menschlichen Geistes und das Aufwachsen.
2011 erhielt die Künstlerin in ihrer Heimat in fünf Kategorien den Danish Music Award, 2016 wurde ihr der internationale IMPALA Album of the Year Award für ihr Album Citizen of Glass zuerkannt.
Während ihres kontemplativen Spiels aus atmosphärisch schwebendem Ambient-Pop wickelt Agnes Obel ihr Publikum mit Leichtigkeit um den Finger. Kleines Manko: mit weniger als 80 Minuten Spielzeit war das Konzert eindeutig zu kurz.
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Schlagzeuger Julian Sartorius, Multiinstrumentalistin Hinako Omori, Agnes Obel und Cellistin Marie-Claire Schlameus verabschieden sich von der Bühne in Bonn | Foto © Ansgar Skoda
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Ansgar Skoda - 24. August 2026 ID 15998
Weitere Infos siehe auch: https://www.agnesobel.com/
Post an Ansgar Skoda
skoda-webservice.de
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