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Konzertkritik

Der Jubel, der keiner ist

Pittsburgh Symphony Orchestra


Bewertung:    



Manfred Honeck, seit vielen Jahren eng mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra verbunden, brachte für das Gastspiel bei den SALZBURGER FESTSPIELEN einen Klangkörper mit, der auf diese unterschiedlichen musikalischen Welten mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit reagierte.

Den überraschendsten Auftakt bildeten Erwin Schulhoffs Fünf Stücke für Streichquartett, 1923 entstanden und am 8. August 1924 in Salzburg uraufgeführt. Fast genau 102 Jahre später kehrten sie nun in der von Honeck und Tomáš Ille geschaffenen Orchesterfassung an ihren Uraufführungsort zurück. Die fünf Sätze – Wiener Walzer, Serenade, tschechischer Tanz, Tango und Tarantella – bilden eine kleine Tanzsuite, in der Schulhoff mit Traditionen spielt, ohne ihnen je ganz zu trauen.

Schon der Alla Valse Viennese kam keineswegs als eleganter Wiener Walzer daher. Honeck ließ ihn beinahe marschartig beginnen: fröhlich, aber mit einer leichten Schräglage, als würde die Musik sich über ihre eigene Herkunft lustig machen. Die Serenata setzte zunächst leise und beinahe zurückgenommen ein, bevor das Orchester plötzlich aufriss: grelle, beinahe sirenenhafte Klangballungen, eingefasst von dunkleren Farben, bis sich der Satz wieder ins Leise zurückzog.

Der Alla Czeca war dann pure Energie. Blechbläser trieben die Musik voran, knapp, hart, unmittelbar vorbei, bevor man sich eingerichtet hatte. Im Tango milonga änderte sich die Perspektive vollständig. Hier erzählte die Musik plötzlich: breit, atmosphärisch, fast episch – Passagen, die ohne Weiteres auch in einem Film bestehen könnten.

Und schließlich die Tarantella: Geschwindigkeit als musikalischer Zustand. Die Streicher jagten die Bewegung voran, das Blech setzte dagegen, das Schlagwerk verschärfte die Konturen. Das Ganze wirkte überraschend frisch. Gerade weil Schulhoff Harmonik und Tonalität nicht grundsätzlich hinter sich lässt, sondern sie verschiebt, überzeichnet und mit fremden Rhythmen auflädt, hört man diese hundert Jahre alte Musik heute ohne jede museale Distanz. Ein Stück, das neugierig auf mehr Schulhoff macht.

*

Mit Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43 änderte sich die Klangwelt. Alexandre Kantorow nahm Paganinis berühmtes Thema nicht einfach als Ausgangspunkt einer virtuosen Demonstration. Es blieb durch die ganze Rhapsodie hindurch wie ein Schatten präsent – manchmal deutlich, manchmal nur noch als Erinnerung.

Kantorow beeindruckte dabei weniger durch Virtuosität an sich als durch die Selbstverständlichkeit, mit der er sie beherrscht. Auch in den schnellsten, fingerartistisch kaum noch nachvollziehbaren Passagen blieb sein Spiel klar und transparent. Nichts verschwamm. Jede Linie behielt ihre Richtung.

Besonders stark waren jedoch die ruhigen Passagen. Kantorow konnte den Ton weit zurücknehmen, ohne dass die Spannung nachließ. In der berühmten Umkehrung des Paganini-Themas entsteht jene große, beinahe schwerelos romantische Melodie, die so sehr nach Rachmaninow klingt, dass man kaum glauben möchte, dass sie aus demselben Material gewonnen ist.

Kurz vor Schluss erreichte die Rhapsodie noch einmal einen wunderbar ruhigen, gefühlvollen Punkt. Eigentlich hätte sie dort enden können. Rachmaninow tut einem diesen Gefallen bekanntlich nicht. Es folgt noch einmal ein rasantes, kraftvolles Finale – und Kantorow nahm die Herausforderung mit einer technischen Souveränität an, die fast beiläufig wirkte.

Das Publikum feierte ihn entsprechend. Eine Zugabe war unvermeidlich.

*

Nach der Pause dann Schostakowitsch.

Die Fünfte Symphonie d-Moll op. 47 von 1937 lässt sich von den politischen Umständen ihrer Entstehung kaum trennen. Ein Jahr zuvor war Schostakowitsch nach dem berüchtigten Angriff auf seine Oper Lady Macbeth von Mzensk existentiell unter Druck geraten. Die Fünfte wurde zu seiner Antwort – äußerlich eine Rückkehr zu einer verständlicheren, monumentaleren Tonsprache, innerlich aber voller Mehrdeutigkeiten.

Honeck begann den ersten Satz bemerkenswert heroisch. Wo man zunächst Abgründigkeit, Unsicherheit oder Nachdenken erwarten könnte, stand bei ihm eine kraftvolle, fast monumentale Geste. Erst im weiteren Verlauf veränderte sich die Perspektive. Honeck verlangsamte deutlich, ließ lyrische und nachdenkliche Passagen entstehen und zeigte damit, dass diese Musik eben nicht auf eine einzige emotionale Aussage zu reduzieren ist.

Im Allegretto trat ihre Doppelbödigkeit noch deutlicher hervor. Besonders das Violinsolo hatte etwas derart Ironisches, beinahe Freches, dass man sich erneut wundern konnte, wie viel musikalische Mehrdeutigkeit die sowjetische Zensur seinerzeit passieren ließ. Vordergründig ein Scherzo, dahinter immer wieder etwas Groteskes, Gebrochenes.

Ausgerechnet das Largo, häufig das emotionale Zentrum der Symphonie, blieb an diesem Abend für mich vergleichsweise blass. Honeck nahm sich Zeit, doch im Zusammenhang mit den drei übrigen Sätzen entwickelte dieser langsame Satz nicht die Intensität, die gerade seine fast schmerzhaft entblößte Musik erreichen kann. Hier blieb etwas unausgesprochen.

Umso überzeugender geriet das Finale. Honeck widerstand der Versuchung, den Satz lediglich als großen orchestralen Triumph auszuspielen. Gerade die leisen Passagen wurden sehr differenziert gestaltet: Wehmut, Nachdenklichkeit, dann wieder ein irritierendes Grummeln aus dem Orchester. Man hörte unter der Oberfläche des offiziellen Optimismus etwas ganz anderes.

Und schließlich dieser Schluss: Die Musik steigert sich, wiederholt, hämmert. Die Tonart sagt Dur, das Orchester sagt Triumph – und doch will sich kein ungebrochener Triumph einstellen. Honeck ließ spüren, was Dirigenten wie Kurt Sanderling an diesem Ende als eine Art erzwungenes Jubeln verstanden haben: nicht der Jubel eines Menschen, der triumphiert, sondern der eines Menschen, dem vorgeschrieben wird zu triumphieren. Vielleicht lag darin die stärkste Leistung dieses Abends. Honeck machte aus Schostakowitsch weder ausschließlich ein politisches Dokument noch eine bloße Demonstration orchestraler Kraft. Er ließ die Widersprüche stehen.

Das Pittsburgh Symphony Orchestra erwies sich dabei als beeindruckend präzises und zugleich äußerst flexibles Instrument: kraftvolle Streicher, glänzendes Blech, charaktervolle Holzbläser – vor allem aber die Fähigkeit, innerhalb weniger Takte von monumentaler Lautstärke zu fast körperlich spürbarer Stille zurückzugehen.

Nach Schulhoffs ironisch gebrochenen Tänzen und Rachmaninows virtuosem Spiel mit einem fremden Thema endete damit auch Schostakowitschs Fünfte bei einer Frage, die sich nicht eindeutig beantworten lässt:

Ist das am Ende wirklich Jubel?



Manfred Honeck und das Pittsbourgh Symphony Orchestra bei den SALZBURGER FESTSPIELEN 2026 | Foto (C) SF/Marco Borrelli


* *

Das Publikum im Großen Festspielhaus beantwortete die Frage ohne jedes Zögern – mit einem ganz klaren Ja. Der Beifall brach stürmisch los, als wäre der Schluss tatsächlich nichts anderes als ein triumphaler Endpunkt. Verständlich angesichts der orchestralen Wucht und der Leistung dieses Abends – und doch womöglich genau die falsche Antwort auf Schostakowitschs Musik. Denn gerade die Irritation, die Ambivalenz dieses Finales, sein Nebeneinander von äußerem Triumph und innerem Zwang, macht seine Größe aus.

Umso ungewöhnlicher war, was danach folgte. Nach einer Symphonie, deren Schluss eigentlich Stille, Nachdenken und vielleicht auch ein gewisses Unbehagen hinterlässt, setzte Honeck noch zwei Zugaben an. Zunächst erklang Edvard Griegs Morgenstimmung aus Peer Gynt – ein beinahe versöhnliches, transparentes Gegenbild zu Schostakowitschs erzwungenem Jubel. Danach folgte mit Tybalts Tod aus Prokofjews Romeo und Julia noch einmal das genaue Gegenteil: hochdramatische, rhythmisch zugespitzte, mit voller orchestraler Energie auftrumpfende Musik.

Zwei Zugaben nach Schostakowitschs Fünfter sind schon an sich bemerkenswert. In dieser Kombination wirkten sie fast wie ein zweiter Schluss des Abends – einer, der die gerade erst entstandene Nachdenklichkeit wieder auflöste und das Orchester noch einmal in all seiner Brillanz präsentieren sollte.

Man konnte sich darüber freuen. Man konnte aber ebenso fragen, ob weniger an dieser Stelle nicht mehr gewesen wäre.

Denn eigentlich hatte Schostakowitsch das letzte Wort längst gesprochen.

Steffen Kühn - 29. August 2026
ID 16010
SALZBURGER FESTSPIELE (Großes Festspielhaus, 27.08.2026)
Erwin Schulhoff: Fünf Stücke für Streichquartett (Bearbeitung für Orchester von Manfred Honeck und Tomáš Ille)
Sergej Rachmaninow: Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43 für Klavier und Orchester
Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 47
Alexandre Kantorow, Klavier
Pittsburgh Symphony Orchestra
Dirigent: Manfred Honeck


Weitere Infos siehe auch: https://www.salzburgerfestspiele.at


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de

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