Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Festival

Melancholische

Gesänge in

düsteren Zeiten



Bewertung:    



Farbpunkte und Galaxien aus Licht sausen vorbei. Sechs A-cappella-Sänger gestalten mit Formbewusstsein, feinen Nuancen und dramatischen Bögen eine mal treibende und mal träumende, stets leise blitzende Klangfülle.

Ein prachtvolles Finale im Mittelrheintal: Das Londoner Ensemble The Gesualdo Six unter der Leitung von Owain Park bewegte am vergangenen Sonntagmit dem Programm England 1600 in der vollbesetzten Liebfrauenkirche in Oberwesel. Das Konzert markierte den Abschluss des diesjährigen RheinVokal-Festivals. Die Sänger im Alter von Ende zwanzig bis Mitte dreißig widmeten sich mit Lebendigkeit, Dichte und interpretatorischer Tiefe der Vokaltradition ihrer Heimat.

Das Männerensemble konzentrierte sich auf die musikalische Blütezeit unter Königin Elizabeth I. Im Fokus des Programms standen die sprichwörtlichen „reizvollen Dissonanzen“ sowie komplexe chromatische Experimente der damaligen Meister. Ein Kernstück bildeten John Dowlands schwermütige Songs of Darkness, darunter die melancholisch-intimen Meisterwerke „Flow my tears“ und „In darkness let me dwell“.

Die Formation verlieh der typisch elisabethanischen Melancholie eine berührende Intensität. Emotionale Kontraste lieferten die sehnsuchtsvollen Madrigale von John Bennet („Weep, O mine eyes“) und Thomas Weelkes („Death hath deprived me“). Neben weltlichen Liedern glänzte die Truppe mit geistlicher Polyphonie von William Byrd („Ave verum corpus“) sowie mit Motetten von Orlando Gibbons und Thomas Morley.

Countertenor Guy James zeichnete mit schwebender Leichtigkeit die oberen Diskantlinien nach und verlieh den Stücken eine gefühlvolle Reinheit. Alasdair Austin sorgte als zweiter Countertenor für weiche Klangfarben und nuancenreiche Spannungsbögen im hohen Register. Der jüngste Neuzugang im Ensemble bestimmte bei seinem Solo in John Dowlands „In darkness let me dwell“ intim ein Gefüge, bei dem die anderen Singstimmen ihn harmonisch durch sanftere und leisere Melodiebögen stützten. Joseph Wicks wirkte in einigen Madrigalen mit seinem warmen, ausdrucksstarken Tenor wir ein emotionales Herzstück der Besetzung. Josh Cooter setzte mit seiner wandlungsfähigen und strahlenden Tenorstimme präzise Akzente, die besonders in den dichten chromatischen Passagen für harmonische Reizpunkte sorgten. Bariton Simon Grant vermittelte im Mittelregister zwischen den Stimmen und schenkte dem Gesamtklang eine sonore Fülle. Owain Park bildete schließlich als Bassstimme in den tieferen Registern das unerschütterliche Fundament, während er als Leiter die Sänger feinsinnig durch die Epoche führte.

Die Komponisten Byrd, Gibbons, Morley, Bennet, Dowland und Weelkes, deren Werke zur Aufführung gebracht wurden, waren allesamt kulturelle Repräsentanten der goldenen Ära. Sie profitierten trotz konfessioneller Spannungen und persönlicher Enttäuschungen maßgeblich von der direkten Protektion, den königlichen Musikmonopolen und der ausgeprägten Kunstsinnigkeit der Monarchin. In den dargebotenen Werken manifestiert sich die um 1600 in England entwickelte, regelrechte Mode der Schwermut (Elizabethan Melancholia), da das Leiden an der Welt als Zeichen von intellektueller Tiefe und künstlerischer Sensibilität betrachtet wurde. Die Spätphase der Herrschaft von Elizabeth I. war zudem von Kriegen, wirtschaftlicher Rezession und der ständigen Angst vor einer spanischen Invasion geprägt.

Die gotische Spielstätte in Oberwesel bot einen gelungenen akustischen Rahmen für den präzisen und klangreinen Gesang der Briten. Der lichte, sakrale Raum fing die polyphonen Linien auf, ohne die Textverständlichkeit allzu sehr zu trüben. Die Ausgewogenheit der Stimmen und die präzise Artikulation erzeugten eine intime Stimmung.

Das für seine herausragenden Einspielungen unter anderem mit dem Limelight Award und dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnete Sextett gastierte nach seinem gefeierten Auftritt im August 2022 bereits zum zweiten Mal beim Festival RheinVokal in der Liebfrauenkirche vor Ort.

Trotz der unbestreitbaren musikalischen Präzision von The Gesualdo Six wirkten das recht kompakt gehaltene Programm und das eher formelle, distanzierte Auftreten der Künstler phasenweise etwas unnahbar.

Mit England 1600 lieferten The Gesualdo Six schlussendlich jedoch eine Festival-Sternstunde ab, die das Publikum sichtlich bewegt in den Spätsommer entließ. Für alle, die keine Karten mehr bekommen konnten, gibt es einen Trost: Das Konzert wurde vom SWR Kultur aufgezeichnet und wird zu einem späteren Zeitpunkt im Radio sowie online übertragen.



The Gesualdo Six in der Liebfrauenkirche Oberwesel im Rahmen des Festivals RheinVokal | Foto © Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 1. September 2026
ID 16016
Weitere Infos siehe auch: https://www.rheinvokal.de/


Post an Ansgar Skoda

skoda-webservice.de

Konzerte



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



  Anzeigen:





MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

BAYREUTHER FESTSPIELE

CD / DVD

KONZERTKRITIKEN

LEUTE

MUSIKFEST BERLIN

NEUE MUSIK

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

RUHRTRIENNALE

SALZBURGER FESTSPIELE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)