Britische Linien,
Berliner Nähe
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Die Komponistin Joanna Marsh | Bildquelle: joannamarsh.co.uk
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Bewertung:
Der RIAS Kammerchor und das Ensemble Resonanz boten gestern Abend im Pierre Boulez Saal einen konzentrierten Abend britischer Musikgeschichte. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt; bei fast 700 Plätzen ist das für ein Programm mit Vaughan Williams, Parry, Elgar und einer Uraufführung ein deutliches Zeichen. Draußen eine laue Berliner Sommernacht, drinnen jener besondere Zentralraum von Frank Gehry, der Distanz kaum zulässt und Kammermusik auch dann erzwingt, wenn Chor und Streicherapparat größer besetzt sind.
Das Programm unter dem Titel "Fantasie und Farewell" war historisch klar gebaut. Es führte von der englischen Renaissance-Rezeption der frühen Moderne über den spätromantischen Chorsatz bis zu einer zeitgenössischen Uraufführung. Der rote Faden lag dabei nicht nur in der Herkunft der Komponisten, sondern auch im Umgang mit musikalischem Erbe: Thomas Tallis als Ausgangspunkt für Ralph Vaughan Williams, geistliche und metaphysische Texttradition bei Charles Hubert H. Parry, folkloristischer Impuls bei Edward Elgar und schließlich Joanna Marshs Threadlands, das den Begriff des Fadens ausdrücklich zur Metapher von Land, Identität und Zugehörigkeit macht.
Vaughan Williams’ Fantasia on a theme by Thomas Tallis begann mit einer räumlichen Geste: Der Chor setzte zunächst unsichtbar ein. Aus dem Raum heraus entstand die Tallis-Linie, bevor die Streicher sie übernahmen. Das war mehr als ein Effekt; es machte die historische Tiefenschicht des Stückes unmittelbar hörbar. Die Fantasie selbst bleibt in ihrer Form eigentümlich offen. Sie entwickelt sich nicht zielgerichtet im symphonischen Sinn, sondern kreist um ihr modales Material. Immer wieder bildet sich ein Spannungsbogen, der sich nicht vollständig entlädt. Gerade diese Zurücknahme gibt dem Stück seine innere Spannung: Es bleibt Variation, Erinnerung, Resonanzraum.
Parrys Songs of Farewell wirkten danach deutlich statischer. Der RIAS Kammerchor sang vier Motetten aus dem sechsteiligen Zyklus mit großer klanglicher Disziplin: sauber geführte Linien, präzise Binnenbalance, deutliche Textartikulation. Die Musik ist getragen, ernst, stellenweise sakral aufgeladen. Im Gesamtprogramm blieb ihre Funktion etwas erklärungsbedürftig; als meditativer Gegenpol zu Vaughan Williams und Elgar war sie nachvollziehbar, dramaturgisch aber weniger zwingend. Die Qualität der Ausführung stand außer Frage.
Nach der Pause zeigte die Orchester in Elgars Introduction and Allegro für Streicher seine ganze physische Präsenz. Das Stück, formal an das Concerto grosso angelehnt, lebt vom Wechsel zwischen solistischen Gruppen, dichter kontrapunktischer Arbeit und vollem Streicherklang. Hier gewann der Abend an Energie. Die Streicher entwickelten eine federnde Kraft, die den Saal spürbar öffnete. Besonders in den fugierten Passagen verband sich technische Präzision mit rhythmischer Elastizität. Elgar erschien nicht als Monumentalkomponist, sondern als Meister einer beweglichen, farbigen Streicherarchitektur.
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Den Abschluss bildete die Uraufführung von Joanna Marshs Threadlands für zwei Chöre und Streicher, auf einen Text von Marsh und Mark Fiddes. Fiddes ist britischer Dichter, Autor und Creative Director; seine Arbeit bewegt sich zwischen Lyrik, Sprache und internationaler Markenkommunikation. Diese Doppelbegabung ist für Threadlands nicht unwichtig, denn der Text arbeitet mit klaren, wiederkehrenden Bildformeln, die zwischen poetischer Metapher und prägnanter Setzung stehen.
Marsh erklärt im Programmheft, der Titel Threadlands spiegele das zentrale Anliegen des Stücks: die Frage, wie unser Verhältnis zu Land, Nationalität und Identität entsteht. Der Faden ist dabei ein mehrfach codiertes Symbol. Er steht für Nähen, Fürsorge und Reparatur, zugleich aber auch für Grenzen, Besitzansprüche und Verstrickung. Fäden, so Marsh, könnten verbinden, aber auch trennen; sie könnten so stark gespannt werden, dass sie reißen. In diesem Sinn ist Threadlands eine musikalische Reflexion über weitergegebene Vorstellungen von Heimat, Land und Zugehörigkeit.
Die Komponistin verweist zudem auf Denkweisen, die Menschen „oft ohne es zu bemerken“ erben. In Threadlands wolle sie keinen einzelnen Standpunkt darstellen, sondern den Prozess des Erbens und Übernehmens selbst reflektieren. Musikalisch zeigt sich das in der Wiederkehr und Veränderung von Material. Ideen erscheinen mehrfach, werden aber durch das Vorangegangene verschoben. Der stetige Puls der Streicher deutet auf etwas hin, das unter der Oberfläche weiterläuft und diese übernommenen Muster trägt.
Das Werk ist viersätzig angelegt. Es beginnt mit zwei Müttern, die nähen: ein Sohn, eine Tochter, verschiedene Häuser, verschiedene Gesetze, derselbe Himmel, dasselbe Land. Daraus entwickelt sich eine Dramaturgie, in der der Faden zunächst häuslich und schützend erscheint, später aber politisch und konflikthaft wird. Im dritten Teil spricht das Land selbst. Nicht der Mensch besitzt das Land; vielmehr wird der Mensch in eine größere geologische und historische Ordnung zurückverwiesen.
Die doppelchörige Anlage ist dabei das wichtigste strukturelle Mittel. Die beiden Chöre können als zwei Mütter, zwei Perspektiven, Echo, Kommentar oder kollektive Stimme erscheinen. Marsh nutzt diese Anlage weniger dramatisch als klangräumlich. Die Chorgruppen antworten, überlagern und verdichten sich. Die Streicher bilden darunter repetitive Flächen, rhythmische Impulse und harmonische Felder. Die Modernität des Stückes liegt weniger in einer radikalen Klangsprache als in dieser Schichtung: ostinate Bewegungen, pulsierende Untergründe, darüber melodisch und harmonisch relativ zugängliche Chorflächen.
Gerade daraus entsteht aber auch eine Grenze des Werkes. Threadlands ist sehr sorgfältig gearbeitet, klanglich transparent und in seinem Wort-Ton-Verhältnis überzeugend. Doch angesichts des Themas — Land, Grenze, Besitz, Gewalt, Erinnerung — bleibt die Musik für meinen Geschmack zu ausgeglichen. Die Harmonik öffnet sich in Richtung zeitgenössischer Erweiterung, ohne den Hörer wirklich herauszufordern. Die repetitiven Streicherflächen geben dem Stück Stabilität, doch selten zeitgenössische Stringenz. Der Chor bringt Farbe, Melodie und Textverständlichkeit; die Konflikte des Textes werden eher konturiert als musikalisch zugespitzt.
Das Publikum reagierte anders. Es feierte die Uraufführung mit stehenden Ovationen. Justin Doyle leitete das Konzert mit sicherem Sinn für Proportion und Klangbalance. Als Zugabe kehrte noch einmal die Fantasie des Beginns zurück. Damit wurde die Dramaturgie elegant geschlossen: Tallis, Vaughan Williams, Marsh — Fäden durch mehrere Jahrhunderte britischer Musik.
So war dies ein starkes, sehr geschlossen gebautes Programm. Nicht jede Verbindung in ihm war gleich zwingend, und Marshs Uraufführung hätte an einzelnen Stellen mehr kompositorisches Risiko vertragen. Aber der RIAS Kammerchor und das Ensemble Resonanz zeigten eindrucksvoll, wie man historisch Grundiertes in die Gegenwart verlängern kann: nicht museal, sondern klanglich wach, präzise und mit einem ausgeprägten Sinn für Raum.
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RIAS Kammerchor | Foto (C) Thomas Koy, Matthias Heyde
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Steffen Kühn - 30. Mai 2026 ID 15884
FANTASIE UND FAREWELL (Pierre Boulez Saal, 29.05.2026)
Ralph Vaughan Williams: Fantasia on a theme by Thomas Tallis for double string orchestra
Charles Hubert H. Parry: Songs of Farewell (Auszüge)
Edward Elgar: Introduction and Allegro für Streicher
Joanna Marsh: Threadlands (UA)
Ensemble Resonanz
RIAS Kammerchor
Dirigent: Justin Doyle
Weitere Infos siehe auch: https://www.rias-kammerchor.de
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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