Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Werke von Denisov, Vieru, Rachmaninow
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Bewertung:
Vladimir Jurowski eröffnete den Saisonauftakt des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin beim MUSIKFEST BERLIN nicht mit Musik, sondern mit einer gut 20-minütigen Ansprache. Er erklärte, ordnete ein, spannte Bögen. Glocken, Stimmen, Schläge sollten die drei sehr unterschiedlichen Werke von Edison Denissow, Anatol Vieru und Sergej Rachmaninow verbinden. Man hörte ihm gern zu: Jurowski besitzt ein beeindruckendes Verständnis dieser Musik. Nur wird aus einem klugen Gedanken noch keine Dramaturgie. Überall eine Glocke macht noch keine Linie.
Am überzeugendsten war gleich zu Beginn Edison Denissows Peinture von 1970. Denissow, geprägt von seinem Lehrer Philipp Herschkowitz, einem Schüler Weberns, beschäftigte sich intensiv mit Zwölftontechnik und westlicher Avantgarde – in der Sowjetunion alles andere als selbstverständlich. Angeregt wurde Peinture durch den Maler Boris Birger.
Das Stück beginnt mit irisierenden Flächen in Holz und Blech, verdichtet sich bis an die Schmerzgrenze, bricht ins Tutti auf – und fällt dann wieder in sich zusammen. Einzelne Farben treten hervor, eine tiefe Klarinettenstimme bleibt zurück, schließlich verschwindet die Musik fast unmerklich. Trotz aller Bewegung wirkt das weniger wie eine Linie als wie ein Schichten von Farbe: vertikal, räumlich, fast bildhaft.
Das Erstaunliche: Diese Musik ist fast 60 Jahre alt und klingt vollkommen gegenwärtig. Kein historisches Dokument der Avantgarde, sondern Musik, die ebenso gut heute entstanden sein könnte.
Danach Anatol Vierus Zweite Sinfonie von 1973/74. Nach der Dichte Denissows wirkte der erste Satz zunächst fast wie ein Geplänkel: kurze Gesten, Einwürfe, wenig Zug. Im zweiten Satz wurde es interessanter. Die Musik begann zu pulsieren und zu atmen, Vogelstimmen tauchten auf, weite Klangflächen öffneten sich. Stellenweise klang das fast wie Filmmusik – langsam, atmosphärisch, mit einer über allem stehenden Melodie.
Der dritte Satz brachte zunächst Energie zurück. Das tat gut. Doch bald kehrte jener Eindruck des unverbindlichen Nebeneinanders zurück, der schon den Beginn geprägt hatte. Vieru verweigert sich bewusst der Zwölftontechnik und sucht einen eigenen Weg zwischen Modalität, Melodie und Avantgarde. Das ist historisch interessant. Musikalisch überzeugte es an diesem Abend nur teilweise.
Nach der Pause dann Rachmaninows Die Glocken op. 35 von 1913 nach Edgar Allan Poes Gedicht in der russischen Übertragung Konstantin Balmonts. Vier Arten von Glocken markieren vier Lebenszustände: Jugend, Hochzeit, Schrecken, Tod. Jurowski hatte zuvor sogar eine Verbindung zu John Donne gezogen und Rachmaninow als eine Art Vorläufer postmoderner Denkweise beschrieben.
Nun stand eine gewaltige Besetzung auf der Bühne: Rundfunkchor Berlin, ein großes Orchester und drei Solisten. Die Wirkung war entsprechend. Viel Wucht, viel Klang – manchmal zu viel. Der Chor entwickelte enorme Lautstärke, Jurowski musste immer wieder bremsen. In den großen Tuttipassagen ging Transparenz verloren.
Stärker waren die leisen Stellen. Besonders der vierte Satz: Ein langes Englischhornsolo scheint noch einmal etwas von dem zusammenzufassen, was vorher geschehen ist. Dann Alexey Markov mit einem vollen, dunklen, erstaunlich schlackenlosen Bariton. Plötzlich entstand jene Spannung, die vorher gelegentlich unter der Klangmasse verschüttet worden war. Rachmaninow kann überwältigen – aber er kann eben auch zurücknehmen.
Und vielleicht lag darin der stärkste Moment des Abends: nicht im Glockenlärm, sondern im Nachhall.
Was blieb? Drei Werke, die stärker nebeneinanderstanden als miteinander sprachen. Denissows hochkonzentrierte Klangmalerei, Vierus eigenwillige, aber nicht immer zwingende Sinfonik und Rachmaninows spätromantisches Welttheater. Die Glocken waren da, die Schläge auch, die Stimmen ohnehin. Der Zusammenhang blieb trotzdem eher Behauptung als Hörerfahrung.
Das machte den Abend nicht schwach. Im Gegenteil. Denissow zeigte, wie jung alte Neue Musik sein kann. Vieru erinnerte daran, wie viel im 20. Jahrhundert noch zu entdecken ist. Und Rachmaninow bewies, dass auch das vermeintlich Bekannte fremd werden kann.
Jurowski hatte dafür viele Worte gebraucht. Vielleicht ein paar zu viele. Die stärksten Argumente kamen danach aus dem Orchester.
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Steffen Kühn - 14. September 2026 ID 16039
MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie Berlin, 13.09.2026)
Edison Denisov: Peinture für Orchester (1970)
Anatol Vieru: Sinfonie Nr. 2 (1973/74)
Sergej Rachmaninow: Die Glocken für Soli, Chor und Orchester op. 35 (1913)
Galina Cheplakova, Sopran
Anton Rositskii, Tenor
Alexey Markov, Bariton
Rundfunkchor Berlin
(Einstudierung: Florian Helgath)
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Dirigent: Vladimir Jurowski
https://www.berlinerfestspiele.de/musikfest-berlin/
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