London Symphony Orchestra
Bratschenkonzert von Sofia Gubaidulina
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Bewertung:
Das London Symphony Orchestra gastierte gestern Abend unter seinem seit 2024 (in der Nachfolge von Sir Simon Rattle) amtierenden Chefdirigenten Sir Antonio Pappano - zuletzt erlebte ich es beim MUSIKFEST BERLIN vor drei Jahren, da hatte es Mahlers Neunte im Gepäck, und Rattle (damals noch sein "Chef") dirigierte.
Im ersten Programmteil gab es das Bratschenkonzert von Sofia Gubaidulina († 2025), zu dem der Musiker und Autor Volker Hagedorn im digitalen Programmheft einen wunderbaren Essay verfasste, aus dem ich gern zitiere:
"Da steht einer und ruft, flüstert, erprobt, umspielt immer denselben Ton, das D, 31 Mal, in allen Lagen, über alle verfügbaren Oktaven, beginnend mit jenem D auf der C-Saite, das zum ureigenen Timbre der Viola gehört. Die Violine hat diese Saite nicht, und auf dem Violoncello lässt sich dieses D zwar mühelos spielen, als leere Saite nämlich, aber das ist ein anderer Klang, nicht so dicht. Von hier geht es hinauf: d, d’, d’’, d’’’… Einzeltöne, variable Länge, wachsender Klang. Sehr einfach, man könnte es fast für einen Trick der Komponistin halten, die Hürden zu überwinden, die sie selbst geschaffen hat mit ihrem ersten Konzert für ein Soloinstrument, dem Violinkonzert Offertorium für den Geiger Gidon Kremer. Mit diesem Werk war sie 1981 gleichsam über Nacht berühmt geworden.
[...]
Zu Wellen der Viola im Diskant, zwischen d und es im Flageolett, entsteht nach dem Solo eine delikate Aura, geschaffen von zwei weiteren Streichersolisten, dazu ein heller Glöckchenklang, vom kleinsten Becken erzeugt, der etwas Sakrales hat. So gehört, wirken die Töne des Solisten wie eine Art Anrufung – und tatsächlich erhält der einsame Rufer eine Antwort, so rätselhaft wie einprägsam.
In tiefer Lage setzen die Streicher zu einer Linie an, die nicht vollendet wird. Von der Bewegung her könnte es das Fragment eines klassischen Themas sein, von der Wirkung her wirkt es wie ein Versuch zu sprechen, einen Ausdruck zu formulieren. In einer Sinfonie von Sibelius würde dieser Angang vielleicht nach und nach zum großen Bogen ergänzt werden. Bei Gubaidulina geschieht das nicht, sooft die Passage auch erscheinen wird: Was wie ein Fragment anmutet, ist schon der vollständige Ausdruck des Wesens, das der behutsam und beharrlich reagierenden Viola gegenübersteht wie ein geheimnisvolles Wäldchen auf einer großen Insel."
[...]
Wir sind hier in einer archaischen Welt ohne Menschen. Ihre Gestalten haben zwar ihren Ausdruck, ihre Symbolik, ihre Entwicklungen und Reaktionen, bleiben aber geschichtslos, selbst beim Einsatz dreier Wagner-Tuben nebst Kontrabasstuba. Gleichsam durch die Bäume schimmern sie warm wie Buntsandsteinfelsen in der Spätnachmittagssonne. Ein Choral fern der Zivilisation, der sich berückend mit der Viola verbindet: Um das C des Solisten herum spielen die Tuben einmal im Quintabstand, ein a-Moll entsteht, ein As-Dur, keine 'Romantik', nur ein sanftes Harmonieren. Gar nicht sanft ist der Ausbruch eines 'più mosso', von Achteln getrieben, dramatische Steigerungen, die an die gewiefte Filmkomponistin Gubaidulina denken lassen, ein bisschen auch an Strawinskys Le sacre du printemps – doch gibt es hier kein Opfer.
Diese 250 Takte sind ein Tanz der Kräfte, der die Viola mit sich reißt. Danach durchmisst sie zum dritten Mal mit Einzeltönen die Oktaven – diesmal ausgehend von Cis –, gerät schließlich außer Rand und Band, um am Ende, erschöpft und verwandelt, für immer in dieser Welt beseelter Wesen zu bleiben. Sofia Gubaidulina hat der Viola ein Konzert geschenkt, dessen Mysterien uns auch nach inzwischen weit über hundert Aufführungen faszinieren können."
(Quelle: In einer archaischen Welt. Sofia Gubaidulinas Bratschenkonzert von Volker Hagedorn)
Solist war der norwegische Ausnahmebratschist Eivind Ringstad (32).
Er spielt auf einer Viola von Andrea Guarneri Conte Vitale aus dem Jahr 1676.
Und was er aus seinem Instrument so alles herauszuholen in der Lage war und v.a. wie er all das machte, war atemberaubend.
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Der norwegische Bratschist Eivind Ringstad und das LSO mit dem Konzert für Viola und Orchester von Sofia Gubaidulina - beim MUSIKFEST BERLIN 2026 | Foto (C) Fabian Schellhorn
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Demgegenüber war ich während und nach der Darbietung von Bruckners Neunter (um es höflich auszudrücken:) leicht irritiert. Ich kann mich nicht entsinnen, diese Sinfonie jemals so übertrieben breitgewalzt und sinnlos dröhnend vernommen zu haben wie gestern Abend. Pappano fand, außer langsam und laut sein zu wollen, keinerlei Konzept für sie. Eine pseudoemotionale Orgie mit null Tiefgang.
Der Verriss soll selbstverständlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass das LSO sich glücklich schätzen kann mit einer Bläsergruppe, nach der sich alle anderen Orchester dieser Welt die Finger lecken würden, gesegnet zu sein.
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Andre Sokolowski - 7. September 2026 ID 16027
MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie Berlin, 06.09.2026)
Sofia Gubaidulina: Konzert für Viola und Orchester
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll
Eivind Ringstad, Viola
London Symphony Orchestra
Dirigent: Sir Antonio Pappano
https://www.berlinerfestspiele.de/musikfest-berlin/
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von Andre Sokolowski
(Frei zur Uraufführung!)
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