Nostalgische
Zeitreise
mit Handyverbot
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Becher mit den Konterfeis des Duos wurden in der Lanxess Arena beim Getränkekauf ausgegeben | Foto © Ansgar Skoda
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Bewertung:
Ein melancholischer Countdown zurück zu den Anfängen: Bevor Placebo am vergangenen Montag die Bühne der fast ausverkauften Kölner Lanxess Arena betraten, ließ ein emotionales Intro-Video drei Jahrzehnte Musikgeschichte lebendig werden.
Der in Brüssel geborene Sänger und Gitarrist Brian Molko und der aus Göteborg in Schweden stammende Bassist und Gitarrist Stefan Olsdal lernten sich 1994 in London kennen, wo sie ihre Band auch gründeten. Der Bandname Placebo leitet sich direkt vom lateinischen Begriff für „ich werde gefallen“ ab und bezeichnet in der Medizin ein Scheinmedikament ohne pharmakologischen Wirkstoff.
Stefan Olsdal trug ein auffälliges, ärmelloses, eng anliegendes Oberteil in glänzender Lack- bzw. Latex-Optik. Während Brian Molko ein eher schlichtes Shirt („Stunt-Girl“) gewählt hatte, war Olsdals Outfit im glänzenden Fetisch-Look ein prägnanter, visueller Akzent des Abends. Am Bühnenrand verströmte Olsdal mit weit gespreizten Beinen und im glänzenden Lack-Muscleshirt eine kraftvolle Präsenz mit androgyner Rockstar-Attitüde. Musikalisch fokussierten sich das Duo mit Furor auf die beiden verhalten experimentellen Frühwerke Placebo (1996) und Without You I’m Nothing (1998). Sie präsentierten mit viel Hall in der Stimme und einem leicht verzerrten Gitarren-Klangbett fast vergessene Meilensteine wie „Teenage Angst“, „Nancy Boy“ und „My Sweet Prince“, während spätere Radio-Hits ausgespart blieben.
Ein striktes, mit Bannern und durch Security-Personal eingefordertes Handy-Verbot sorgte im Publikum für geteilte Meinungen und eine teils distanzierte Atmosphäre. Zu Beginn des Konzerts richtete Frontmann Brian Molko eine klare Botschaft an die Arena: Sie feierten eine Geburtstagsparty im Stil von 1996, als es noch keine Smartphones, sondern nur Handys ohne Kamera gab. Die visuelle Darbietung auf den Leinwänden blieb durch stark verfremdete, grobkörnige und raue Filter bewusst statisch und unnahbar. Wie die Musiker heute aussehen, war auf den Hochkant-Leinwänden rechts und links der Bühne sowie den vertikalen LED-Wänden im Hintergrund nur schemenhaft erkennbar. Das eingespielte Tour-Ensemble – bestehend aus Matt Lunn am Schlagzeug, Bill Lloyd an Gitarre und Bass, Nick Gavrilovic an der Leadgitarre sowie Angela Chan an Violine, Keyboard, Percussion und beim Begleitgesang – lieferte ein druckvolles Fundament, das den rohen Sound des Alternative-Rock-Duos trug.
Beim etwa 77-minütigen Hauptset war der Sound streckenweise matt. Die Band erschien insgesamt eher wortkarg. Bei den Zugaben „Every You Every Me“ und dem Kate-Bush-Cover „Running Up That Hill“ brach im bebenden Innenraum begeisterter Jubel aus. Hier hielt auch die Smartphone-Abstinenz nicht bis zum Schluss: Die Zurückhaltung und Disziplin, nicht zu filmen oder zu fotografieren, war im Publikum schlagartig verflogen und eine Lichterflut flammte im Innenraum auf. Trotz einer spürbaren Unnahbarkeit bewiesen Placebo vor etwa 15.000 Konzertbesuchern, dass die schwermütige, vitale und kantige Energie ihrer Anfangstage auch nach 30 Jahren noch die Kraft besitzt, eine ganze Halle kollektiv zum Beben zu bringen.
Als Support-Act heizte die belgische Punk-Band Maria Iskariot dem Publikum mit rotzigem Post-Punk und Songs aus ihrem Debütalbum Wereldwaan ein. Frontfrau Helena Cazaerck riss das Publikum mit brachialem, wütendem Geschrei aus den Sitzen und krönte die energiegeladene Show mit einem Crowdsurfing direkt in die vorderen Reihen der Kölner Halle.
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Ansgar Skoda - 6. November 2026 (2) ID 16135
Weitere Infos siehe auch: https://www.placeboworld.co.uk/
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