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Konzertbericht

Treasure Island - Emotionale Heimkehr einer Nomadin



Alice Merton am 2. März 2026 in der Kölner Kantine | Foto © Ansgar Skoda

Bewertung:    



In einer Nacht, in der sich der Vollmond bereits ankündigt, werden im Publikum der Kölner Kantine einfarbige Leuchtstäbe verteilt. Viele Fans warten bereits ungeduldig. Ich unterhalte mich mit dem sympathischen Merchandise-Verkäufer, der von einer langen Anreise aus Berlin berichtet, wo die Künstlerin noch am Vorabend performte. Am Stand im Eingangsbereich des Konzertsaals können Interessierte T-Shirts, Plakate und das neue, im Januar erschienene Album Visions erwerben. Hier gibt es auch grüne Socken mit der Aufschrift des Supports.

Der Singer-Songwriter LIAS performt gegen halb neun noch unveröffentlichte, intime und emotionale Songs und begleitet sich dabei an einer Akustikgitarre beziehungsweise am Keyboard. Der in Berlin lebende Künstler heißt mit bürgerlichem Namen Elias Wuermeling und ist ein klassisch ausgebildeter Knabensolist, der u.a. Auftritte im Vatikan hatte. Seine Stücke, wie „Run Boy Run“ oder „Funeral of a Choir Boy“ sind stark von Melancholie geprägt. Dabei fließt seine stimmliche Präzision hörbar in die Pop-Arrangements ein.

*

Alice Merton eröffnet ihre Show mit dem Song „Coasting“ (dt. etwa: ausrollen lassen oder im Leerlauf fahren) aus Visions. Der Opener hinterfragt, ob der eigene Weg noch der richtige ist, wenn der Erfolg oder das Vorankommen auszubleiben scheinen. Das Lied thematisiert die innere Verunsicherung durch den Vergleich mit anderen sowie das Gefühl des Stillstands und die Angst, in einer sich immer schneller drehenden Welt den Anschluss zu verlieren. Merton zeigt hier eine verletzliche Seite, indem sie offen zugibt, sich verloren zu fühlen. Mit diesem atmosphärischen Einstieg elektrisiert sie sofort die Stimmung. Die heute 32-Jährige tigert mit einer gewissen Rastlosigkeit über die Bühne. Sie singt rau und rhythmisch abgehackt, bevor sie in den Refrains zu großen, weit schwingenden Melodiebögen aufbricht. Ihre präzise Stimme schulte Merton an der Popakademie Mannheim.

Die deutsch-britische Musikerin wird in der Kölner Kantine umringt von ihrer dreiköpfigen Band. Keyboarder Bastian Völkel, Gitarrist Regi Drake und Drummer Lucas Heiby sorgen für perkussive Dynamik, Synthesizer-Texturen, schneidende Gitarren-Riffs und bassdominierte Grooves.

Gleich zu Beginn ist der Do-It-Yourself-Popstar authentisch im Gespräch mit den Fans. Sie entschuldigt sich für die Verspätung. Es gab offenbar Probleme mit zu vielen Musikinstrumenten auf dem Bandtruck. Alice ruft aus, sie werde heute vor allem ihr drittes Album performen. „Pech gehabt, wenn ihr wegen der ersten oder zweiten Platte gekommen seid.“ (Glücklicherweise sah ich die Künstlerin bereits mit ihrem gefeierten Debüt und der Nachfolgerplatte 2020 bzw. 2021.) Das nun performte „Treasure Island“ aus Visions handelt von einem metaphorischen Sehnsuchtsort nach einer langen, schwierigen Reise. Es geht darin nicht um materiellen Reichtum, sondern um Selbstakzeptanz und das Ankommen bei sich selbst. Der reduzierte Song thematisiert dabei auch die Überwindung von Einsamkeit und inneren Ängsten.

Das Publikum darf sich inmitten des Konzertes einen Song wünschen. Ein Fan aus den vorderen Reihen reicht Alice in diesem Moment eine Fotocollage. Auf dieser ist Eva, ein im vergangenen Jahr verstorbener Fan der Pop-Nomadin, abgebildet. Alice ist emotional zu Tränen gerührt. Sie erzählt von gemeinsamen Momenten, als die viel zu jung verstorbene Mutter noch bei den Konzerten von ihr mitfeierte. Sie widmet Eva sodann den lange nicht mehr performten Song „Honeymoon Heartbreak“ und möchte auf tröstliche Weise den Angehörigen Kraft geben, Abschied nehmen zu können. Die Verbindung zum Publikum ist in diesem Moment fast greifbar.

Später teilt Alice das altersmäßig sehr durchmischte Publikum in zwei Hälften, die abwechselnd Teile des Refrains singen. Beim live dargebotenen „Marigold“ aus Visions verweist Alice auf die Symbolik der Ringelblume (Marigold), die als zentrales Symbol für das Gedenken gilt. Merton singt davon, diese Blumen an dem Ort zu pflanzen, an dem die Person alt geworden ist („I’ll just grow marigolds beside the place where you got old“), um eine lebendige Erinnerung zu schaffen. Voller Energie performt „Allie“ mit ihrer Formation noch „I don’t hold a grudge“.

Die Musikerin präsentiert ein Set, das die Brücke zwischen tanzbarem Indie-Pop und tiefschürfender Melancholie schlägt. Natürlich darf als Zugabe der Welthit „No Roots“ nicht fehlen. Die Bassline füllt den Raum, doch Alice interpretiert den Song mit neuen Akzenten. Als zweite Zugabe bietet Merton „Why so serious?“ dar.

Alice Merton ist keine One-Hit-Wonder-Künstlerin mehr, sondern eine authentische und ernst zu nehmende Musikerin, die ihre Wurzeln in der ständigen Veränderung gefunden hat. Viele ihrer neuen Songs durchzieht ein spürbarer Kampfgeist. Im vergangenen Jahr machte Alice damit Schlagzeilen, dass sie den US-Rapper Kanye West vor einem US-Bundesgericht wegen Urheberrechtsverletzung verklagte, weil er ein Sample ihres Songs „Blindside“ unautorisiert in seinem Track "Gun to My Head" verwendete. In der Domstadt verabschiedet sich die Singer-Songwriterin sichtlich gerührt mit den Worten, das Publikum habe ihr einen sonst eher emotionalen Tag versüßt.



Alice Merton in der Kölner Kantine | Foto © Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 7. März 2026
ID 15741
Weitere Infos siehe auch: https://www.alicemerton.com/


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