Stimmgewaltige
Momente
in der Mitt-
sommernacht
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Julen Achiary leitet das nach ihm benannte Trio | Foto © Ansgar Skoda
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Bewertung:
Gesang ist verdichteter Atem oder auch "Odem", so der Titel des diesjährigen ROMANISCHEN SOMMERS in Köln. Facettenreiche Musik öffnete in der Romanischen Nacht am 12. Juni den Klangraum der Kirche St. Maria im Kapitol. Erhebende Gesänge wurden getragen, Töne breiteten sich aus. Singstimmen erstrahlten und verschmolzen zu einem klangprächtigen, mehrstimmigen Ganzen.
Die Vergabe kleiner, schmaler, eng gestellter Stühle nach dem Windhundprinzip verursacht anfangs kleine Probleme in der größten und ältesten romanischen Kirche in der Domstadt. Wir überließen unsere anfangs ausgewählten Randplätze zwei später ankommenden Senioren mit Gehschwierigkeiten, die sich jedoch bald in selbst mitgebrachte Rollstühle setzten.
Der Chor des Bach-Vereins Köln unter der Leitung von Christoph Siebert sang eingangs mehrere Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy wie das Kyrie Eleison oder Mitten wir im Leben sind. Unterbrochen wurden die Chorpassagen durch instrumentale Zwischenspiele von Werken des gleichen Komponisten auf der Orgel, wie ein Präludium oder die Passacaglia, dargeboten vom Organisten Michael Bottenhorn. Während der Verse, Preisungen und Meditationen wechselten Solo- und Tuttipassagen. Die Sopranistin Marina Schuchert, die Altistin Katharina Georg, Tenor Leonhard Reso und die Bassstimme von Fabian Hemmelmann harmonierten hier mit dem oft mehrstimmigen Chor.
Der nächste Programmpunkt widmete sich traditionellen baskischen Liedern. Die Basken leben als ethnische Minderheit im Grenzgebiet zwischen dem Golf von Biskaya und den Pyrenäen. Das Julen Achiary Trio erzählte in Basa Ahaide: Der Atem der Berge, stets einfühlsam und kraftvoll, von der Mystik und Atmosphäre des Baskenlandes und bot so freien Lauf für die Vorstellungskraft. Julen Axiary, Maddi Oihenart und Claudine Arhancet führten bei ihrem ersten gemeinsamen Konzert durch die Höhen und Tiefen einer nahezu nostalgischen Reise in stilistisch eigenständige Tonwelten. Mit ausgeklügelter Akustikregie sorgte das Trio für eine zarte Komplexität in seiner Mehrstimmigkeit robuster Arrangements. Traditionelle baskische Instrumente, wie das archaische Schlaginstrument Txalaparta, eine Art Holm-Xylophon, das Saitentambourin Ttun-Ttun und die langrechteckige Kastenzither kamen zum Einsatz.
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Abschlussapplaus für das Leipziger Vokalensemble amarcord bei der Romanischen Nacht 2026 - in der Basilika St. Maria im Kapitol | Foto © Ansgar Skoda
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Gegen 22 Uhr trat das A-cappella-Vokalquintett amarcord aus Leipzig auf. Sie interpretierten Kompositionen des franko-flämischen Renaissance-Komponisten und Sängers Josquin des Préz (um 1450-1521) mehrstimmig, reduziert, meist sanft, mitunter flüchtig. Während der Motetten Ave Maria… virgo serena und Salve Regina sorgten die Tenöre Wolfram Lattke und Robert Pohlers, Bariton Franz Ozimek und die Bässe Daniel Knauft und Holger Krause für spannungsreiche Stimmkontraste sowie harmonische und klare Gesangsbögen. Melodisch und rhythmisch waren Kontrapunkt-Setzungen, wiederkehrende Motive und Muster des Zusammenklangs eindrücklich ausgearbeitet. Das Programm des Quintetts, "In aeternum", war durch marianische Hymnen der mittelalterlichen Kirche und klagende Bitten um Fürsprache vor Gott geprägt.
Von besonderer klanglicher und performativer Intensität war gegen 23 Uhr die Darbietung vom Vokalorchester NRW. Intuitiv rhythmisch, voller Körperlichkeit, mit einem dichten und warmen Geflecht aus Stimmen und hymnischen Melodien brach das Ensemble mit Hörgewohnheiten. Die Sopranistinnen Larissa Kotzwander und Amy Frega, die Mezzosopranistinnen Judith Simon, Tine Nuss und Sonja Molter, Altistin Anke Jochmaring, Tenor Tilman Brand, Bariton Christopher Klassen und Bass Simon Herwig beeindruckten mit einem breiten dynamischen und einnehmenden Spektrum aus schneidenden Vocal-Elementen, Bewegung und Flow.
Zu den vorgetragenen Stücken zählten solche Vokalwerke wie Panda und Other Worlds Revealed von Meredith Monk, We are not the same von Theo Bleckmann oder in your own time von Julia Zipprick. Spontan hervorgetretene Stimmen nahmen sich wieder zurück, um sogleich erneut im Kollektiv mitzuschwingen. Während ihres Programms "Architektur des Augenblicks" lud das Vokalorchester die Besucher zum Mitsingen im Kanon ein. Unsere linke Seite des Publikums erprobte sich dabei spontan in einer hohen, hellen Kopfstimme. Es gab stärker rhythmisierte Passagen, lebhafte Tempowechsel, knarzende Rufe und improvisiert anmutende Muster.
Mit kollektiver Energie sorgte das Vokalorchester NRW für einen Groove vielschichtiger Akzenträume. Zur Aura anschmiegsamer Farbnuancen trug auch Obertongesang bei. Ein insgesamt glanzvoller Abend mit dichten Klangteppichen, die wohlig pulsierende und berührende Momente hervorriefen.
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Vokalorchester NRW beim Abschlussapplaus gegen Mitternacht während der Romanischen Nacht 2026 - in der Basilika St. Maria im Kapitol | Foto © Ansgar Skoda
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Ansgar Skoda - 21. Juni 2026 ID 15914
Weitere Infos siehe auch: https://www.romanischer-sommer.de
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