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Festival

Leid und Leidenschaft

zwischen Garten,

Ölberg und Grab

Auftakt der EUROPÄISCHEN WOCHEN PASSAU


Bewertung:    



Angeblich soll Alexander von Humboldt das niederbayerische Passau zu den sieben schönsten Städten gezählt haben. Die Dreiflüssestadt an der Grenze zu Österreich besticht durch geografische Schönheit und großartige Architektur. 1952 wurden die EUROPÄISCHEN WOCHEN PASSAU von amerikanischen Offizieren und der Stadt Passau ins Leben gerufen mit dem Ziel, abwechslungsreiche Musik aus unterschiedlichen Regionen zusammen zu bringen. Das hochprozentige Programm ist vielseitig, und so sind die unterschiedlichen Austragungsorte. Das Eröffnungskonzert fand vorgestern an der Ortsspitze von Passau – dort wo sich die Donau, der Inn und die Ilz treffen - statt. Ron Williams sang Harry Belafonte. Gestern dann das erste klassische Konzert. Das Heinrich-Schütz-Ensemble Vornbach & L’Arpa festante führten die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach auf und bescherten 150 Minuten hohen und uneingeschränkten Musikgenuss.

Mit der Matthäus-Passion hat Bach alle Grenzen gesprengt und sämtliche Berührungsängste über den Haufen geworfen. Die vertragliche Vorgabe


„in Beyehaltung guter Ordnung in denen Kirchen die Music dergestalt einzurichten, dass sie nicht zu lang währen, auch also beschaffen seyn möge, damit sie nicht opernhafftig herauskommen, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere“


hat er hier wohl leicht ignoriert, denn die Matthäus-Passion ist auch eine prächtige, bombastische Oper und nicht nur ein tiefgründiges Bibeldrama mit zwei Chören, fünf Solisten und einem Orchester. Die Geschichte des Passionsweges konnte und durfte nicht als Unterhaltung für das ungläubige Volk herhalten. Christian Friedrich Henrici (Picander) erstellte das Libretto aus dem Matthäus-Evangelium, und Bach komponierte musikalische Dialoge, Auseinandersetzungen mit Arien, Choräle und großartige Instrumentalmusik, und so entstand dieses spirituelle, nuancenreiche Klangabenteuer, das die Leidensgeschichte Jesu von der Verurteilung, dem letzten Abendmahl, der Szene am Ölberg, der Verhaftung, dem Verhör, der Verurteilung durch Pilatus, der Kreuzigung bis zum Tod und der Grablegung erzählt.

Die Matthäus-Passion ist selber eine Kirche, eine Stadt, eine Gasse mit komplizierten und anspruchsvollen Bauwerken von unterschiedlichen Baumeistern und einem Volk bestehend aus Richtern, Verurteilten, Mördern, Opfern, Verrätern sowie Schuld und Unschuld, Distanz und Menschlichkeit. Ein ständiges Hin und Her von Chor und Arien, von tiefgründigen Rezitativen und satten Chorälen voller emotionaler Reflexion.

Als die „große Passion“ wurde das Werk von der Bach-Familie genannt - nicht nur wegen der überwältigenden Musik, sondern vor allem wegen der Tiefgründigkeit. Ein "Schmerzgebirge", das sich beim Hören vor ihm aufbaute, so nannte Rilke das Opus.

Lukas Siebert sang den Evangelisten - ein Nachrichtensprecher, der distanziert und schüchtern beginnt und im Verlauf der drei Stunden zu einer leidenschaftlichen Hochform aufläuft. Catalina Geyer war ihren wunderbaren Alt-Arien, darunter „Bus und Reu“, stets gewachsen. Mit ihrem herzzerreißenden „Erbarme Dich“ reagiert sie auf die Verleugnung durch Petrus und holt uns in den Zeugenstand. Ebenso tut das Benedikt Heggemann. Die Passauerin Helene Gastl singt die Partie der Mägde. Unglaublich innig die Sopran-Arie "Aus Liebe will mein Heiland sterben". Eine tröstliche Perle ist die Bass-Arie „Mache dich, mein Herze, rein“. Micha Matthäus ist Jesu. Er steht fast immer über dem Geschehen, und wir nehmen ihm die Distanz zu den Dingen ab. Nur einmal lässt er menschliche Züge zu, hadert mit dem Schicksal wenn er hofft, „dass dieser Kelche von mir gehe“.

Chor & Orchester unter der Leitung von Martin Steidler haben die Studienkirche in Passau bis in die letzte Lücke mit Musik gefüllt. Die Standing Ovation am Ende dauerten mindestens 15 Minuten. Am liebsten wären die Zuhörer auf die Kirchenbänke geklettert, um ihre Begeisterung auszudrücken.

Steidler hat seinen Chor vor über 20 Jahreen gegründet, und es ist nicht das erste (und sicher nicht das letzte Mal) dass es zu Gast bei den EUROPÄISCHEN WOCHEN PASSAU ist. Für ihn war es das Abschlusskonzert, und man konnte sehen, wie schwer es ihm fällt, dieses Ausnahmeensemble zu verlassen. Das haben auch die Choristen bestätigt mit ihrer Huldigung an ihn.



Das Heinrich-Schütz-Ensemble Vornbach | Bildquelle: heinrich-schuetz-ensemble.de


Das Heinrich-Schütz-Ensemble hat schon viele Preise gewonnen und zählt zu den beliebtesten und besten bayerischen Konzertchören. Sie proben in Vornbach/Inn bei Passau. Die Sängerinnen und Sänger haben sich prächtig mit dem Orchester l’Arpa festante aus München verstanden.
Christa Blenk - 22. Juni 2026
ID 15916
MATTHÄUS-PASSION (Passau, Studienkirche St. Michael, Passau; 21.06.2026)
Johann Sebastian Bach: Mathäus-Passion BWV 255
Helene Gastl, Sopran
Catalina Geyer, Alt
Benedikt Heggemann, Tenor
Lukas Siebert, Tenor (Evangelist)
Micha Matthäus, Bass (Jesu)
Gerrit Illenberger, Bass
Heinrich-Schütz-Ensemble Vornbach & L’Arpa festante
Dirigent: Martin Steidler
Ein Konzert der EUROPÄISCHEN WOCHEN PASSAU


Weitere Infos siehe auch: https://ew-passau.de


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