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Bremer Theater, 17. Februar 2007

Die Macht des Schicksals

Giuseppe Verdi

Die Macht der Macher

„Auch das Schicksal ist endlich nur eine spätere Vaterprojektion.“ Sigmund Freuds kleines Geheimnis, verborgene Ideen von Kunstwerken und Philosophie des 19. Jahrhunderts, wie hier über Dostojewski, frei auszusprechen, hat auch für die Verdische „Forza del Destino“ nach Piave-Libretto eine gewisse Gültigkeit. Noch jüngst erblickt Musikwissenschaftler Roger Parker die Leonora – zerrissen zwischen der Liebe zu dem Mestizen Alvaro und der zu der väterlichen Welt des Marchese di Calatrava („Padre“ und „Patria“) – als ein recht „passives Opfer“. Vergisst jedoch nach Ursachen dafür zu fragen und konzediert dem Werk Spuren von „Misogyne“. Dabei hätte das vom sterbenden Marchese mit einem Lebensfluch belegte Wesen ein wenig Ursachenforschung verdient. Vielleicht war ihr „der Vater hart, gewalttätig, grausam“ (Freud)? Folgt man der neuen Bremer Inszenierung von David Mouchtar-Samorai (Regie), Heinz Hauser (Bühne) und Urte Eicker (Kostüme) war er – und nicht nur er – es. Zerbricht bereits das Kind: Die kleine Leonora di Vargas (Judith Schillner).
Die Forza von Leonora aus zu begreifen gleicht Harry Kupfers Ambition bezüglich Senta im Bayreuther „Holländer“ von 1978. Durch spotlightartige Einblendungen wird diese Neuansicht bereits in der – dank der frisch aufspielenden Bremer Philharmoniker – federnden Sinfonia vorbereitet. Gleichsam eine visuelle Umdefinition musikalischer Motive: Was bislang Liebe Alvaros war, kommt zu Leonora. Was als Konflikt galt, wird zu böser Kindheitserinnerung. Und wann ruhen diese schlimmen Kindheitserinnerungen der Leonora? Erst spät. Zunächst einmal werden sie nach dieser psychodramatischen Lesart des Melodramas dauernd reaktiviert: Durch einen herumzerrenden Alvaro, durch den verfluchenden Marchese, durch die sie durchbohrenden Franziskanermönche, den vergewaltigenden Bruder Don Carlo und noch durch die zuletzt sich Duellierenden: Carlo und Alvaro. Erst ganz und wohl auch zu spät halten sich die beiden Leonoras im Arm, kommen zusammen. Ruht die Kindheit endlich im Schoss der immer noch zitternden Leonora, während die Streicher sie flirrend zum Himmel geleiten. Aber was heißt hier noch Himmel? Kein Jenseits. Angeboten wird eine diesseitige Pieta: Versöhnung mit dem traumatisierten Innenleben der Vergangenheit im Augenblick der Gegenwart. Kein kleines Zeichen.




Dieser gelungene, wenn auch nicht unproblematische Ansatz verdankt seinen Erfolg einerseits zu einem Großteil der gesangsdramatischen Darbietung Sabine Hogrefes: Glockenrein in der Höhe, etwas unkonturierter in der Mittellage versinnbildlicht sie das geschundene Femininum bis in den einzelnen Ton und darstellerisch problemlos ob der langen szenischen Präsenz. Das schauspielmodische Hineinweinen im letzten Akt ist nicht nur angesichts des larmoyant vorgetragenen „Pace, mio Dio“ überflüssig, sondern wäre wohl gegebenenfalls von Verdi komponiert worden. Andererseits ist das unter der nächsten Intendanz so gut wie abgeschaffte Ensemble in Bremen eine verlässliche Bank: Die im Kern ein wenig an Bongossi-Holz erinnernde Kehle des Gast-Tenors David Yim bewältigt die Partie des Don Alvaro ohne Ermüdungserscheinungen, kraftvoll und durchaus textverständlich. Man vermisst lediglich ein wenig agilità und in der Romanze eine stärkere Beseelung des Tons. Karsten Küsters verkörpert einen durch und durch glaubwürdigen Marchese. Gesanglich hätte man sich von ihm auch den Franziskaner-Abt Guardian gewünscht, mit dem der junge Bass Kristjan Moisnik überfordert ist. Ihm gab man einfach eine kleine Zigarre in die Hand – scheinbar als Ersatz für die (noch) fehlende Schwärze der Stimme. Die stille Kritikerkritik – zu Leonoras Friedensappell zeichnet Guardian kalt alles teilnahmslos in seinen Stadelmaier-Block mit – spielt Moisnik jedoch besser als die meisten Rezensenten, die ich so kenne. Loren Lang ist zwar kein Spielbass, bringt aber den Bruder Melitone grob, witzig und auch abgründig; George Stevens gibt einen durchaus weichen Don Carlo mit punktuell zu starkem Vibrato. Eine von der Regie billig weggeworfene Preziosilla wird von Yaroslava Kozina mit einigem gesangsscharfen Essig versehen. Angesichts einer Krankheitsflut zieht sich der Ersatz-Chor mehr als ansehnlich aus der Affäre. Gestützt, aber auch gefordert werden die Stimmen von Stefan Klingele am Bremer Pult. Die Philharmoniker bringen einen eigenen Verdi, der unaufgesetzt leicht, durchaus auch mit lockerem Schwung gleichwie der nötigen Rauheit, Schroffheit und mit einer gewissen Nuance Rustikalität daherkommt. Vor der Pause hat man mal das Gefühl von Unkonzentriertheiten bei den Streichern, aber das nimmt sich gering aus gegenüber einem insgesamt ungetrübten Höreindruck – gerade der Solisten (Klarinette, Harfe, Trompete). Die Nummern 9-11 und 24-25 blieben aus.
Nicht allein wegen dieser Streichungen (z.B. des „pane, pan per carità“ vom Chor), und auch nicht allein wegen etlicher Sperenzien wie zwei besoffenen Schlachtergesellen, morschen Bodyguards, fragwürdigen Choreografien oder einem insgesamt verschlafenen ersten Akt bleibt ein übler Nachgeschmack im Hals. Denn etwas davon, was eine prägnante Kurzformel von einem gelungenen Drama sadistisch-lustvoll „Quäle die Heldin“ nannte, ist auch in diese Regiearbeit miteingezogen, etwas davon, was Verdi der Leonora ersparen wollte, weil letzten Endes nicht sie, sondern (fast) alle anderen das Problem sind. Indem man ihre Seele – wie hier durch Unterstellung eines „Wiederholungszwangs“, der aber, mit Adorno gesprochen (Extrablatt), besser zu „Tristan“ in der übernächsten Premiere gehörte – pathologisiert, verführt es die Betrachter leicht zu einer Perspektive, die Soziologen „Blaming the victim“ nennen und meinen, man mache das Opfer pietätlos zum Täter. Macht des Schicksals? Oder der Macher?


Wolfgang Hoops - red / 23. Februar 2007
ID 3015
Theater am Goetheplatz

Giuseppe Verdi
DIE MACHT DES SCHICKSALS


Stefan Klingele - Musikalische Leitung
David Mouchtar-Samorai - Inszenierung
Heinz Hauser - Bühne
Urte Eicker - Kostüme
Thomas Eitler - Chöre

Weitere Infos siehe auch: http://www.bremertheater.com





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