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13. April 2009, Uraufführung am Berliner Ensemble

Rosinenpicken (56): SHAKESPEARES SONETTE

Inszenierung: Robert Wilson

Musik: Rufus Wainwright

Rufus Wainwright komponierte die gefällige Musik zu Robert Wilsons Inszenierung SHAKEPEARES SONETTE, uraufgeführt am 12. April 2009 am Berliner Ensemble. - Foto (C) www.berliner-ensemble.de



Rosinenpicken (56)

SHAKESPEARES SONETTE sind die schönsten Liebesgedichte der Welt!
Sie sind so schön wie rätselhaft zugleich. Das heißt, so rätselhaft nun wieder nicht. Es heißt zwar immer - und man kann in Bibliotheken dieser Welt Hunderte umständliche Abhandlungen über den Geheimnisgrad der SHAKESPEAR'SCHEN SONETTE nachlesen - , dass dieses Rätsel und Geheimnis einzig und allein im "Adressaten" der SONETTE auszumachen wäre; niemand also weiß, bis heute nicht, für wen denn nun WILL SHAKESPEARE die Sonette dachte; einmal ist von einem Mädchen, und ein andermal von einem Jungen permanent die Rede... Scheißegal! Der willigliche Leser wird, je nach geschlechtlicher Gerichtung, "seinen" Adressaten selber finden, und so funktionieren die SONETTE WILLIAM SAKESPEARE'S gleich und völlig unumständlich; basta.
Folgerichtig, und fast logisch, lässt Bob Wilson - der SHAKESPEARES SONETTE unter eigener Urheberschaft (gemeint ist seine Inszenierung) und der zuträglichen "seines" Komponisten Rufus Wainwrights (und gemeint ist dessen zugedichtete Musik) - größten- und meistenteils die Frauen Männer und die Männer Frauen spielen. Sieht sehr putzig aus und klappt auch ziemlich gut:

Wohl am markantesten die Rolle, die er Inge Keller - der gigantischsten der lebenden Diseusen des inzwischen fasthin ausgestorbnen (also kultivierten) deutschen Sprechtheaters - zugewiesen hat; sie muss den alten Shakespeare mimen, und sie sitzt fast ausschließlich hierzu auf einer Art von Giacometti-Thron und rührt sich weiter nicht, vielleicht gerade mal das rechte oder linke Händchen ist in unbewusster Zuckung, sonst totale steife und kreuzdurchgedrückte Haltung, preußisch sozusagen. Das Ereignis allerdings an sich: Wie (das will sagen: mit wie wenig Aufwand) sie die ihrem Stimmrauch zugedachten Verse übernimmt. Da bleibt dem Auditorium nur eines: Hören, staunen, setzen lassen!!! Unbeschreiblich, unnachahmlich, unvergessen...

* * *

Aber auch die anderen Protagonisten - und sie zähl'n zu den illustersten der in Berlin zur Zeit hörbaren Stimmen - sprachen oder spielten oder sangen die SONETTE regelrecht und gut.
Natürlich bleiben nach dem dreistündigen Abend - wenn auch nicht in puncto dargebrachter künstlerischer Qualität - nicht wenig Fragen offen, beispielsweise: Müssen Texte, die sich eigentlich beim stillen Lesen erst in ihrer vollbusigen Sensibilität, Direktheit und Erotik nach und nach erschließen, theatralisch aufgebruzzelt sein? Und diese Frage geht dann fast auch in die gleiche Richtung wie: Müssen Romane oder Filme fürs Theater herhalten? Ganz selbsverständlich: Nein, müssen sie nicht; sie sind die jeweils falschen Kräuter zum verkehrten Topf.
Recht hübsch jedoch, dass Hinz und Kunz - durch diese Wilson-Inszenierung jetzt - auch mal, ja und auch wieder mal, also vielleicht, zum richtigen und stillen Lesen der SONETTE SHAKESPEARE'S animiert sind; nichts ist wünschenswerter, momentan, als der Totalverödung (nicht nur) "deutscher Seelenladschaft" weit und breit in Fronteinsätzen zu begegnen.

Hingeh'n, lauschen, noch mal lesen.


a. so.
ID 4268
SHAKESPEARES SONETTE
von Robert Wilson (Inszenierung) und Rufus Wainwright (Musik)
Zusammenstellung der Texte: Jutta Ferbers
Übersetzt von Christa Schuenke und Martin Flörchinger
Kostüme: Jacques Reynaud
Mit: Georgette Dee, Christina Drechsler, Anke Engelsmann, Ruth Glöss, Anna Graenzer, Ursula Höpfner-Tabori, Traute Hoess, Inge Keller, Sylvie Rohrer; Dejan Buæin, Jürgen Holtz, Christopher Nell, Sabin Tambrea, Georgios Tsivanoglou.
Uraufführung: 12. April 2009 am Berliner Ensemble

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de





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