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2. März 2007, Staatskapelle Berlin

Christine Schäfer singt FINITE INFINITY von Aribert Reimann







3. März 2007, Sächsische Staatsoper Dresden

Edita Gruberova als BEATRICE DI TENDA von Vincenzo Bellini


Kolorateusengipfel

Was verknüpft Christine Schäfer mit Edita Gruberova (oder umgekehrt)? Dass beide nicht mehr Zerbinetta singen.

Zerbinetta, diese springkräutige Lebenskünstlerin aus Straussens aberwitziger ARIADNE-Adaption - Jahre zuvor hatte er, mit ELEKTRA, noch ganz andere und schwergewichtigere Tongeschosse zur Bewältigung eines antiken Stoffes aufgefahren -, singt man wenn man jung ist. Sie ist eine Ausnahmepartie. "Großmächtige Prinzessin" heißt es da, und groß und mächtig ist der artifizielle Anspruch, dem die insgesamte Ausgestaltung dieser Riesen-Soloszene stimmlich als auch intelektuell gehorchen muss. Sie so zu singen, konnten nur die wenigsten: Die Gruberova schaffte hiermit ihren endgültigen Durchbruch, über 20 Jahre ist das her; in Dresden konnte man sie ihrer Zeit, als Zerbinetta, während eines Gastspieles der Wiener Staatsoper bestaunen und bejubeln. Als sie sie aus ihrem Repertoire entfernte, war es dann, paar Järchen hinterher, die Schäfer, die der Rolle ungeahnt verneuernde Gesichtspunkte anzugedeihen wusste. Eine Ablöserin war sie freilich kaum. Schwer vorzustellen auch, dass beide Sängerinnen sich je auf der Bühne oder gar real im Leben einmal nur begegnen würden oder gar begegneten - ich weiß es nicht, ich kann mich irren.


Edita Gruberova als Zerbinetta - Foto (C) Opernhaus Zürich


Zufälliger Weise lagen nicht mal 24 Stunden zwischen den zwei jüngsten Auftritten der beiden (Schäfer mit FINITE INFINITY von Reimann - Gruberova als BEATRICE DI TENDA von Bellini), und die Orte ihres dargebotenen Geschehens sollten schon bezeichnend sein:

Berlin, wo Schäfer ja zu Hause ist, und wo sie in den letzten Jahren so brachial Erinnerungsfanale setzte, ob mit Bach oder mit Schubert, ob als Cherubino oder Octavian, ob Violetta oder LULU... sie kann scheinbar wirklich alles, und sie schont weder das Publikum, noch schont sie sich dann selbst: Aribert Reimann widmete ihr seine sieben Lieder nach Gedichten von Emily Dickinson für Sopran und Orchester, welche ihm die Schäfer vor zehn Jahren schon in Zürich uraufführte. Jetzt hat sie sie nochmal einstudiert, und unter Michael Gielens Leitung hörten wir eine unglaublich expressive wie verinnerlichende Gesamtdarbietung dieses halbstündigen Werkes; triumphal der Klang und das Zusammenspiel von Gielen, Schäfer und der Staatskapelle ((Bruckners Fünfte nach der Pause: eine Gottesgabe! eine diesseitige Erdverheißung!! ein Geschenk an sich!!!)).


Christine Schäfer als Lulu - Foto (C) Salzburger Festspiele


Und also Dresden - Gruberovas Wiederkehr, ein "Heimspiel" im vermeintlichesten Sinn: Seit sie, halt nach der Zerbinetta-Phase, im Belcanto ihre neuen Rollen fand, veränderte sich ihre Stimme, ihre Artikulation. Was seither sie nur konnte war und ist, einen schier frei von jeder tremolanten Ausschmückung geradlinigen Ton im Pianissimo beginnend aufzuhalten, um ihn dann - hysterisiererisch gepeitscht - als einen lang und immer länger anhaltenden Quasipfiff bis in das eigentlich dann nicht mehr notlich zeichenbare Heliophile hoch- und weglichtern zu lassen; es scheint "un-menschlich", es klingt zuweilen ordinär, es reizt den inneren Gehörgang, es hat einen merkwürdigen sexualisierenden Hinzueffekt, es macht mich an mich selber stumpfig, es verursacht tiefgehendes innerliches Irresein! Es lässt zugleich und melancholisch an die dauerliche Umsetzung dieser der Gruberova so sehr eigenen Artikstik zweifeln, es ist traurig und zutiefst erschütternd sich jetzt vorstellen zu müssen, dass es diese Art zu singen eines Tages leider nicht mehr (nie mehr!!) gibt. Und doch wird Gruberova, bleibt zu hoffen, nicht das allerletzte Mal in Dresden vorstellig gewesen sein... obgleich ein nochmaliger, diesmal endigender Rollenwechsel absehbarer scheint denn je.
Edita Gruberova & Christine Schäfer.
Unvergleichlichste Naturen.

Zwei Naturereignisse.


Andre Sokolowski - red / 5. März 2007
ID 00000003041
www.andre-sokolowski.de


VI. SINFONIEKONZERT der Staatskapelle Berlin am 1./2 März 2007

Aribert Reimann: FINITE INFINITY
Lieder nach Gedichten von Emily Dickinson für Sopran und Orchester (1994/95)

Anton Bruckner: SINFONIE NR. 5 B-DUR

Ausführende:
Christine Schäfer, Sopran
Staatskapelle Berlin
Dirigent: Michael Gielen

Weitere Infos unter http://www.staatskapelle-berlin.de


Vincenzo Bellini: BEATRICE DI TENDA (konzertante Aufführung)

Ausführende:
Paolo Gavanelli (Filippo), Edita Gruberova (Beatrice), Kyung-Hae Kang (Agnese), Raul Hernandez (Orombello) und Wookyung Kim (Anichino)
Chor der Sächsischen Staatsoper Dresden
Choreinstudierung: Christof Bauer
Sächsische Staatskapelle Dresden
Dirigent: Roberto Rizzi Brignoli

Premiere am 3. März 2007 in der Sächsischen Staatsoper Dresden (Semperoper)

Nächste Aufführungen: 7. / 11. 3. 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.semperoper.de





 
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