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nachDRUCK # 5

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Schubert-Zyklen

11. / 21. September 2008 - DT / Staatsoper Berlin

WINTERREISE / DIE SCHÖNE MÜLLERIN



Wilhelm Müller (1794-1827)

Kurwenal

Fast nichts weiß man von ihm, nur ab und an liest sich ein lapidarer Eintrag in den Enzyklopädien. Hat mal irgendwer was Ernstzunehmenderes über ihn verfasst? wollte und will ich Dieses je studieren?? Selbst die fünfbändige Werkausgabe vom Verlag Mathias Gatza - und so felsenfest sie ihren Platz in meinem Bücherschrank erobert hat - bliebe mir sicherlich und alle Zeit verschlossen...

Wilhelm Müller, 33jährig schlicht an einem Herzschlag weggestorben, ist und bleibt für mich das hochromantische Indiz des Lieddichters an sich; "Das Wandern ist des Müllers Lust", "Am Brunnen vor dem Tore" stehen schlagschattig für dieses deutscheste der Genres.

Komponist Franz Schubert nun, zum Beispiel, hat sich jener 44 Texte für die beiden Liederzyklen Die schöne Müllerin (mit 20 Liedern) sowie Winterreise (mit 24 Liedern) einnehmend bedient; und was an dieser beispiellosen Werksymbiose Lesende wie Hörende zu gleichen Teilen fasziniert, ist eine - für den "Fall Romantik" sowieso - nicht zu erklärende, doch düsterschöne Stimmung:

Zweimal geht es eindeutig um einseitige Liebesleben.

Immer ist es so: Man ist in wen verliebt, man zeigt es oder zeigt es nicht, doch was man unbedingt dann vom Geliebten wissen möchte, ist, ob es ihm ähnlich oder auch so geht - natürlich (meistens) nicht.

Ich weiß auch gar nicht, welcher der zwei Liebes-Zyklen der wohl traurigere ist; denn zweimal geht es ja, und fast identisch zueinander, schief. Einziger Unterschied vielleicht, dass Handlung 1 im Warmen - Handlung 2 im Kalten spielt. Der Ich-Erzähler aus der Schönen Müllerin durchleidet seine unerwiderte Beziehung aktuell "in ihrer Nähe", Sonnenschein und Bächleinplätschern und viel Grünes inbegriffen - - und der Ich-Erzähler aus der Winterreise hat das Alles lange hinter sich, er kann sich nicht von seinem Liebesleid erholen, steht im Dauerschock, sieht Schnee und Eis, halluziniert...


* * *


Der Theaterregisseur Michael Thalheimer hat letztes Jahr die Winterreise für die Kammerspiele am DT in Szene zu setzen versucht. Es fielen ihm natürlich nicht viel mehr als zu erwartende Bebilderungen - Schneeflocken vom Schnürboden, sehr lange Schatten, viel viel Dunkel usw. - ein. Er nahm sich aber auch, erwartbar, ziemlich stark zurück. Zur Seite standen ihm der Operntenor und Liedsänger Daniel Kirch sowie dessen Klavierbegleiter Jürg Henneberger. Unlängst ist die Winterreise wieder aufgenommen worden; und das Unvergessliche an ihr war dieser szenische Moment:

"Drei Sonnen sah ich am Himmel steh'n" - das irrste Lied in der Romantik - wird von Daniel Kirch im schwarzen Off gesungen. /

Schnitt. //

Grüngraues Dämmerlicht, im Hintergrund ein präpariertes altes Kneipenklavier, davor im Halbdunkel der nackte und in sich zuammengekrümmte Leib eines dahinsiechenden Manns in mittleren Jahren, hinter ihm (am alten Kneipenklavier) eine schwarze Silhouette als der personifizierte Kältetod...

Kirch/Henneberger, die man erst im Nachhinein als Hauptakteure dieses Szenenbildes auszumachen in der Lage ist, interpretieren den Leiermann, Müllers Schlusslied aus der Winterreise.


*


Sonntagvormittag im übervoll besetzten Paulick-Saal der Deutschen Staatsoper Berlin. Die Matinée ist als ein Teil des sog. Barenboim-Zyklus (mit Kammermusiken an weiteren Terminen) ausgewiesen - Schuberts Die schöne Müllerin ist das Programm - - und Daniel Barenboim & Thomas Quasthoff treten auf:

Man ist sogleich gefangen von der immanenten Spannung, die von beiden unkaschiert herüberspringt; noch vor dem ersten regulären Anschlag haut der Pultstar einen Fremdton in die Tastatur, auch Quasthoff findet durch das erste Lied hindurch nicht seine Form, man bangt mit beiden, leidet diese ungewollte Panne blitzschnell mit... und dann:

Ein Wunder geschieht.

Von Lied zu Lied klettern sie sich in eine (ihre!!) Form voran. Die Textverständlichkeit - und sowieso das Textverständnis - ist phänomenal. Quasthoff vermag im Nu die autoriale Bannbreite des Ich-Erzählers, der sich zwischen sich und Müllerin und deren Vater hin und her bewegt, erschlüsselnd zu begreifen; und er nimmt so eineindeutig dann Partei für ihn, den liebesleidgequälten Ich-Erzähler, dass es mich als Zuhörer fast paralysiert...

Was Barenboim betrifft: Man kann ihn nicht genug für sein sofortiges Gespür um künstlerisches, musikalisches Wahrhaftigsein bestaunen! Und die beiden werden sicher nicht Die schöne Müllerin Tage und Wochen vorher einstudiert oder geprobt haben; hierfür sind sie, jeder für sich, dann viel zu profimäßig in das jeweils Eigne eingespannt; doch dieses unbedingte Aufeinander-Eingehen, dieses Sich-Zuhören, ihr Grundvertrauen an sich selbst und an den jeweils Anderen beeindrucken fürwahr - Quasthoff rieb sich mitunter eine Träne aus dem linken Auge...



Von Schubert in Noten gesetzte Zitat aus dem dritten Lied von Wilhelm Müller.



Abends stand für Daniel Barenboim der Tristan zusätzlich auf dem Programm. Es würde mich verwundern, wenn er nicht mal im Gespräch mit Thomas Quasthoff auf den Kurwenal - der jenes unerwiderte Verliebtsein, und im Wagnerischen Sinne, forterduldet - abhebt; die Partie des Kurwenal wäre in Quasthoffs Rollenrepertoire nur allzu folgerichtig.

Andre Sokolowski - 27. September 2008
ID 00000004007
WINTERREISE am 11. 9. 2008 / Kammerspiele DT
Daniel Kirch (Tenor)
Jürg Henneberger (Klavier)


DIE SCHÖNE MÜLLERIN am 21. 9. 2008 / Deutsche Staatsoper Berlin
Thomas Quasthoff (Bariton)
Daniel Barenboim (Klavier)

Weitere Infos siehe auch: http://www.andre-sokolowski.de





 

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