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Feuilleton


28. / 30. Mai 2010, Konzerthaus Berlin / Tonhalle Düsseldorf

ZWEITE SINFONIE / "DAS PARADIES UND DIE PERI" von Robert Schumann



Robert Schumann (1810-1856)


Schumanns Zweihundertster

Er kann nur froh sein, dieses Bibelalter nicht erlangt zu haben. Hundert Jahre wären schon für ihn zu viel gewesen, ja. Und nicht mal fünfzig wurde er zum Schluss.

In Endenich bei Bonn ist Robert Schumann (1810-1856) - nach dem allerletzten Forschungsstand zu urteilen - wahrscheinlich an Verdurstung und Verhungerung verreckt. Er weigerte sich, Nahrung aufzunehmen. Und das Irrenhaus in Endenich galt zu der damaligen Zeit als eine Vorzeigeadresse. Nur sehr zahlkräftige Kunden wurden hier, in der als "Heil- und Pflegeanstalt" fachkundig betriebenen Behausung, nach den allerneuesten Methoden untersucht und zwangsbetreut; und "Fontanelle" und "Klistiers" gehörten dort zum medizinischen Programm. Bei "Fontanelle" sollte aus der bakteriellisierten und in Folge aufgesägten Schädeldecke des Patienten alles Kranke wie von selbst herauseitern - und bei "Klistiers" wurden den durch den Anus in den Darmtrakt des Patienten infiltrierten Flüssiglebensmitteln Zusatzstoffe beigefügt, die einer aufräumenden Säuberung des Blutkreislaufs, also bis hoch in das Gehirn, zu dienen hätten...

Clara Schumann (1819-1896) - Gattin unsers diesjährigen Jubilars - ließ ihren Mann persönlich in die Anstalt überführen; zweieinhalb Jahre vor seinem Tod, und zwar nach dem in Düsseldorf am Rhein missglückten Suizidversuch.


Läuft unter der Kategorie TRAUMPAARE - Clara und Robert Schumann


Der zu Beklagende war manisch depressiv. In seinen Phasen glückseligster Euphorie entstanden seine Werke - und das Schattendasein dieser produktiven Zeit, also diese von Jahr zu Jahr dann zunehmenden Depressionsschübe, durchlebte er wohl auch dank unglaublicher Mengen konsumierten Alkohols; über das eheliche Sexualleben führte er (Vater von 10 Kindern; 8 blieben am Leben, 2 verstarben gleich nach der Geburt) unnebensächlich und akribisch Tagebuch. Die allgemeine Diskrepanz bei Künstlerpaaren, also dass sich meistens ein Teil von dem andern unterbuttert oder ausgeblendet fühlt, gestaltete sich bei den Schumanns als finaler Fluch; der Gatte konnte oder wollte es bald nicht mehr dulden und ertragen, dass die Gattin draußen in der Weltgeschichte pianistisch rummacht, während sich um ihn zugleich, also in ihrem hochberühmten Schatten, keiner weiter scherte, und obgleich er lange schon ein nennenswerter Komponist oder Kapellmeister gewesen war. Erschwerend - ausgerechnet in der letzten und bei Vollbewusstsein mitgekriegten schönen produktiven Zeit in Düsseldorf - kam noch hinzu, dass Robert Schumann, ein Pedant und Ordnungsfetischist an sich, mit diesem typisch rheinländischen Arschgelecktheits-Credo ("Komm ich heute nicht, dann komm ich morgen.") von den angestellten Musikern oder Choristen in dem Düsseldorfer Städtischen Theater, dessen neuer GMD er wurde, nicht und nie zurande kam - - daher auch:

"Trotz belebter Straßen an diesem Rosenmontag nahm niemand Notiz von der Gestalt, die der Oberkasseler Pontonbrücke zustrebte. Robert Schumann stieg über das Geländer und stürzte sich, nachdem er seinen Ehering ins Wasser geworfen hatte, in den Fluss. Rheinschiffer zogen den Lebensmüden an Bord", steht der 27. Februar 1854 bei Wikipedia beschrieben.

Wir lesen also in dem Allen wenig Grund zur allgemeinen Freude, und wir spüren irgendwie: Der Mann hatte es wohl, und in der Tat, in seinem doch sehr kurzen Leben überhaupt nicht leicht gehabt.



Michael Gielen ist unter anderem auch Erster Gastdirigent beim Konzerthausorchester Berlin - Foto (C) www.konzerthaus.de



Die Zweite Sinfonie (1845/186) und "Das Paradies und die Peri" (1843) ließen uns die letzten Tage an den Melancholiker mit Namen Robert Schumann schön und licht erinnern:

Michael Gielen, selber Komponist und Dirigent (wie Schumann), hat jetzt ein paar Instrumentationsretuschen an der 2. Sinfonie in C-Dur vorgenommen; und sie sollten - dem Vernehmen nach - keine Note verändern, sondern lediglich die Dynamik uminterpretieren, um dem Orchesterklang sowohl Durchsichtigkeit als auch Durchschlagskraft zu verleihen. [So ähnlich, doch viel eingreifender, hatte es schon Gustav Mahler seiner Zeit gewollt - - die Resultate dieses "Eingriffs" wiederum (also des Mahler'schen), kann man demnächst, und auch in Düsseldorf, bei einem Gastspiel des Gewandhausorchesters Leipzigs mit den Schumann-Sinfonien Nr. 1 und 3 zur Kenntnis nehmen.]

Gielen hatte nun zu dem erwähnten Zweck ein von ihm üppig aufgestelltes Konzerthausorchester Berlin, dessen Erster Gastdirigent er ist, mit dennoch leichtem Taktstock führen wollen - was ihm auch verblüffend gut gelang. Er lässt also die "Masse" nicht dahergewuchtet kommen, sondern trennt die Stimmen (und die Lautmaße) sensibelst und penibelst. Und man sieht zwar - um ein Beispiel dieses orchestralen Aufgebots zu geben - immerhin 8 Kontrabässe, doch man hört sie sich nicht wichtig nehmen in der (un-)gewollten Ballkraft... Habe ich mich irgendwie verständlich machen können? Und falls nicht; egal.

* *


"Das Paradies und die Peri" ist ein rätselhaftes Werk. Ich brauchte mehr als dreivier Anläufe, über Jahre verteilt, um irgendeinen Zugang zu ihm zu finden. Angeblich würde es, neben der sogenannten Frühlingssinfonie, das populärste Werk von Schumann sein; aber es schließt sich halt nicht gleich auf Anhieb auf. / Die Genossinnen und Genossen vom "Wachtturm" (Sie wissen, wen ich meine) stehen ja sehr oft mit ihren Monatsheften irgendwo im Wege; und dann nimmt man doch mal eines mit und blättert durch und sieht und liest vom glückseligen Paradies... Das könnte, ungefähr, der populäre Rahmen sein, in dem sich Schumanns Peri-Nonsens aufbewahren ließe - um es ganz ganz fies jetzt auszudrücken...

Also: In dem Text - Schumann hat kräftig Hand mit angelegt - geht es um einen gefallenen Engel. Irgend so ein Mischlingswesen, halb Engel, halb Mensch; von daher also unter permanenter und überaus skeptischer Beobachtung des fittichtragenden Kollegiums. Dieser Bastard will nun endgültg ins Himmelreich, sprich Paradies. Da darf er (der Ausgegrenzte) allerdings nur hin, wenn er dem Allmächtigen - das muss dann wohl der Boss der Engeligen sein - das für ihn Liebste darreicht. Und der Mischling macht sich auf den Weg, erlebt drei "Erdenprüfungen"; die letzte besteht er dann mit ziemlicher Bravour, indem er dem Allmächtigen ein neuerliches Beispiel absoluter Reue (= Treue) gibt; und er beobachtet zu dem Behuf, rein zufällig natürlich, einen schwarzen Ritter, der - beim Anblick eines unschuldigen Knaben - endlich dann von seinem Schwert die Schnauze voll hat und, selbstredend, alle Missetaten (Mord und Totschlag inbegriffen) aus dem vorherigen Leben seiner selbst bereut und Gott dann (wieder) "treut" oder so ähnlich... Friede, Freude, Eierkuchen.

Der Text ist grauenhaft, weil allzu rührselig. (Die Nazis hatten Einiges hieraus, in ihrem pervertierten Sinne, umzudeuten gewusst, weshalb es auch bei einer offiziellen Schumannfeier in Zwickau anno 1943 - mittels Peri - zu einer propagandistischen Durchhalte-Demo kam.)

Doch die Musik ist "unschuldig"; sie tönt als warme Wonne, weil sie ehrlich (ehrlicher als das Gesummse im Getexte) ist.

Und ich entdeck(t)e hier, in der Musik, den eigentlichen Schumann: melancholisch wie er war und ist.

Die Darbietung des oratoriengleichen Werkes - beim Schumannfest in der Tonhalle Düsseldorf (www.schumannfest-duesseldorf.de )- erfolgte durch zwei Spezialensembles: dem in aufführungspraktischen Dingen erfahrenen wie geübten Kölner Kammerchor (wow! Spitze!!) sowie dem auf historischen Instrumenten spielenden Collegium Cartusianum. Einstudiert hatte sie Peter Neumann. Dass die Probezeit dann doch etwas zu knapp bemessen war, war insbesondere den Einsätzen der Bläser, die mitunter schon vergurkter als erlaubt herüber kamen, anzumerken. Von den durchweg gut singenden Gastsolisten sollen hier Johanna Winkler (Peri) oder Werner Güra lobend rauskristallisiert sein. Völlig überflüssig, weil halt über alle Maßen störend, das den Peri-Text nochmals erklärende wie kolorierende Geseiere von Wolfgang Knauer; denn der Text war im Programmheft nachlesbar, also bedurfte es des Extra-Sprechers nicht.

Alles in Allem: Schöne Feierstunden für den Jubilar.


Peter Neumann ist Gründer und Dirigent des Kölner Kammerchors und des Collegium Cartusianums - Foto (C) www.tonhalle.de


Andre Sokolowski - 1. Juni 2010
ID 00000004649
Schumann I / Konzerthaus Berlin, 28.05.2010
Schumann: Ouvertüre zu "Die Braut von Messina"
Berg: "Sieben frühe Lieder" für Sopran und Orchester
Schumann: Sinfonie Nr. 2
Melanie Diener, Sopran
Konzerthausorchester Berlin
Dirigent: Michael Gielen


Schumann II / Tonhalle Düsseldorf, 30.05.2010
Schumann: "Das Paradies und die Peri"
Johanna Winkel, Sopran
Anna Lucia Richter, Sopran
Elvira Bill, Alt
Werner Güra, Tenor
Virgil Hartinger, Tenor
Wolf Matthias Friedrich, Bass
Wolfgang Knauer, Sprecher
Kölner Kammerchor
Collegium Cartusianum
Dirigent: Peter Neumann

Weitere Infos siehe auch: http://www.konzerthaus.de


http://www.schumannfest-duesseldorf.de



 
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