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Konzertkritik

16. Mai 2010 - Berliner Philharmoniker

ABBADO-KONZERT



So sieht eine Waldtaube aus - und wir erinnern also an die GURRELIEDER Arnold Schönbergs, worein auch das LIED DER WALDTAUBE gehört.

Ein Wunderabend im Mai


Wenn schon nicht Sonne und Wärme, so bringt der Mai in Berlin alljährlich doch einen stets beglückenden Frühlingszyklus dreier Konzertabende mit Maestro Claudio Abbado und "seinen einstigen" Philharmonikern: mittlerweile ein schöner Brauch dieses einzigartigen Klangkörpers, eine Tradition, die, eines solchen Zauberkünstlers im Reiche der Musik für die Hauptstadt verlustig, man sich für unsere Metropole und dieses Weltrang-Orchester immer weitergeführt wünscht.

Das Konzertprogramm war originell, nicht uninteressant. Die Dramaturgie feinsinnig, wie so oft bei Abbado, einer poetisch-musikalischen Idee folgend, die vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick einsehbar wird: das Orchesterlied und die Orchestrierung von Vokalwerken, die auf starken Dichtungen beruhen – ausgehend von Berlioz´ Schubert über Brahms zu Reger und Schoenberg. So, von Vertonungen Goethes umrahmt, stand vor der Pause ein Ausschnitt aus Schoenbergs Gurre-Liedern. Ausschnitten freilich haftet immer etwas Bedenkliches an. Vielleicht war das Gesamtwerk in der Planung vorgesehen und ließ sich einmal mehr nicht organisieren; Vielleicht aber ist es doch die angedeutete Entwicklungslinie, die zu präsentieren Maestro Claudio am Herzen lag. Dieses gelang, wie dem auch sei, höchst sinnreich.

Das Einfache, das schwer zu schaffen ist. Schmunzelnd, heiter, fast ein wenig verschmitzt, betritt der Dirigent sein Pult – und dann folgt, als wäre es so gar nichts Herausforderndes: Ein Wunderabend. Der zarte Greis, ein freundlicher König, ein milder aber bestimmter Imperator der Musen, ist in seiner luziden Jungenhaftigkeit faszinierend: wie er mit schier leichthändiger Energie einen derartigen Abend klanglich wie "über den Wolken" ansetzt und stets klar, stringent und transparent - ohne bei aller sanften Drahtigkeit je kühl zu sein - bis zu einem nicht erahnbaren Kulminationspunkt führt, ist einfach erstaunlich und beglückend. Die gigantische Wucht der Orchestermassen gerät unter Abbados Gestik nie zu barbarischem Schwulst und Imponiergehabe.

* * *

Christianne Stotijn sang zunächst drei Schubert-Lieder, orchestriert von Berlioz und Reger, dann nach Schönbergs Zwischenspiel aus den Gurre-Liedern das Lied der Waldtaube. Hier erst gab die Sängerin offenbar ganzen Einsatz. Die Schubert-Lieder offenbarten in den romantischen Orchestrierungen trotz großer Reize doch eine Diskrepanz zu ihren viel eindringlicheren Originalversionen. Sicher ist es ein Allgemeinplatz, Berlioz´ geniale Orchestrierungskunst hervorzuheben – auch Reger bleibt rücksichtsvoll einfühlsam in seinen Übersetzungen – doch ist die Brillanz bei dem Franzosen schlicht bewunderungswürdig.

Ja, die Mezzosopranistin hat durchweg sehr sehr schön gesungen. Das Tembre (der Vergleich sei mir verzeihen) erinnert an den Klang der Norman. Allerdings war sie teilweise kaum noch hörbar. Es zeigte sich ((auch das im großen Unterschied zur Norman), dass sie nicht gestaltet, was da existentiell passiert in den Liedern - und nur darauf kommt es schließlich an! Gretchens Unruhe am Spinnrad teilte sich über das Orchester mit – dazwischen schwebte in seligem Wohlbefinden die allzu makellose Vokallinie von Christianne Stotijn, die vielleicht zu schön und beliebt ist, um solche verzweifelte Beklommenheit je nachzuempfinden? Wesentlicher als der verführerischste Schöngesang wäre ganz entscheidend im apokalyptischen Erlkönig jedoch die Dramatik, das grausige Geschehen – und die drei so unterschiedlich gezeichneten Protagonisten ließ die Sängerin gar vage im Nebel der Verwechselbarkeit. Erst in der Waldtaube entfaltete sie mehr Sensibilität, zeigte mehr Engagement. Doch was an emotionaler Präsenz die Stotijn auch da noch schuldig blieb: Abbado übertraf jede Erwartung und erfüllte die geforderte Tragik mit extremer Emphase, fast innerer Getroffenheit – der ekstatische Aufschrei im Finale: so schneidend, so schmerzhaft, so unabänderlich können diese jähen Akkorde wohl nur sehr selten zu erfahren gewesen sein! Ergriffen von diesem Blick in Abgründe ging man in das Foyer, wie auf einen anderen Stern…

Dann als Höhepunkt des Abends die Rinaldo-Kantate von Johannes Brahms. Das Solo sang der großartige Jonas Kaufmann und das Publikum war um dieses Erlebnis zu beneiden. Abbado präsentierte das Werk mit beispielhafter Stringenz und vermochte den Abend stetig weiter zu steigern, den Bogen weiter führend bis zum gloriosen Entsagungs-Jubel, Goethe halt.

Wenn vierzig Männer diese Kantate anstimmen, sicher, präzise und so prägnant, dass man den Text fast mitschreiben könnte, erst dann wird diese Vokalkomposition des jungen Brahms klar erkennbar. Mit ihr gedachte sich der Komponist, reich an Erfahrung mit Chorarbeit, in Wien einzuführen. Die Vollkommenheit der Meisterjahre deuten sich hier an. Oft ist Rinaldo nicht zu hören und eine adäquate Einspielung auf einem diesem Abend in der Philharmonie vergleichbaren Niveau liegt nicht vor. Es war schlicht triumphal. Dankbar und beglückt verließ man die Philharmonie in eine fast milde Mainacht…

Das Konzert wurde für den Rundfunk mitgeschnitten und ist im Internet von der Seite der Berliner Philharmoniker gegen einen Obolus noch abrufbar.

Olaf Brühl - 24. Mai 2010
ID 00000004642
BERLINER PHILHARMONIKER (Philharmonie Berlin, 16.05.2010)
Franz Schubert: Gretchen am Spinnrade D 118
Franz Schubert: Nacht und Träume D 827
Franz Schubert: Erlkönig D 328
Arnold Schönberg: Gurrelieder (Teil 1 Nr. 11; Orchester-Zwischenspiel; Lied der Waldtaube)
Johannes Brahms: Rinaldo, Kantate op. 50
Christianne Stotijn, Mezzosopran
Jonas Kaufmann, Tenor
Herren des Rundfunkchors Berlin
(Choreinstudierung: Simon Halsey)
Herren des Chors des Bayerischen Rundfunks
(Choreinstudierung: Michael Alber)
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Claudio Abbado


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-philharmoniker.de





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