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Premierenkritik


3. November 2013 - Premiere an der Oper Bonn

TOSCA



Tosca an der Oper Bonn - Foto (C) Thilo Beu



Italien, irgendwann nach 1945

Tosca ist eine harte Nuss für Regisseure. Mit wenigen Opern verbindet man so eindeutige Settings: Innenraum einer Kirche im ersten Akt, Büro des Polizeichefs Scarpia im zweiten und Dach der Engelsburg in Rom im dritten Akt. In der Oper Bonn zeigte Regisseur Philipp Kochheim nun seine Sichtweise von Puccinis bekannter Oper. Und lässt den ersten Teil des ersten Aktes gleich mal vor einer Kirche spielen, samt Café, in dem sich Cavaradossi niederlässt. Später verschwindet die Kirchenfassade im Bühnenhimmel und gibt den Blick auf den Innenraum frei. Doch das ist noch nicht alles: Der Schluss des ersten Aktes spielt im Freien, vor einem Autowrack, aus dem zum Te Deum eine Leiche abtransportiert wird. Deren Identität erfährt der Zuschauer leider nicht. Die Engelsburg ist ein abgewracktes Hinterhofgefängnis mit meterhohem Stacheldraht, nur Scarpias Büro bleibt Scarpias Büro: hell, mit schicken Designermöbeln.

Die zeitliche Verordnung der Inszenierung ist vage: Ein Plakat von Pasolinis Film Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß verweist auf den Beginn der 1960er, Kochheim selbst spricht im Programmheft von den 1970er und 1980er Jahren in Italien, "einer Zeit, in der die Verflechtung von Staat, Mafia und Kirche so unauflöslich und undurchschaubar geworden war, dass alle Kategorien von 'gut' und 'böse' außer Kraft schienen." Kochheim versucht es demzufolge mit Gewaltszenarien (Autowrack und angedeutete Folter), aber das bleibt oftmals harmlos und ist wenig zwingend.

Diese Tosca-Inszenierung wirkt wie eine schlechte Übersetzung, die zu eng am Original klebt. Warum sollte Floria Tosca aus der Kirche kommen, um ihren Liebsten Mario Cavaradossi zu suchen, und läuft nicht einfach über den Platz vor der Kirche? Über eine Augenfarbe anhand einer Skizze zu diskutieren, die Mario in seiner Zeichenmappe hat, ist auch etwas witzlos. Und für wen schreit Cavaradossi sein "Vittoria", wenn es keine politischen Fronten gibt, sondern nur eine gewalttätige Gemengelage? Kann man alles machen, wirkt aber ein bisschen gewollt unter dem Motto "wir erzählen das jetzt mal ganz anders".

Dazu kommt, dass auch die Personenregie schwächelt. Yannick-Muriel Noah und Christian Juslin können gemeinsam zumindest im ersten Akt keinerlei Sexappeal entwickeln. Einzig Evez Abdulla als Scarpia weiß szenisch durchweg zu überzeugen: mit einer demonstrativ zur Schau getragenen Grobschlächtigkeit und Skrupellosigkeit. Die humorvollen Momente, die Priit Volmer als Mesner im ersten Akt beiträgt - ihm wird beispielsweise sein Fahrrad geklaut, und er versucht, einen Streit zwischen zwei Chorknaben zu schlichten - verpuffen dagegen recht schnell.

Musikalisch ist Tosca dagegen top. Yannick-Muriel Noah gelingt ein beeindruckendes Rollendebüt als Tosca, für ihr "Vissi d' arte" gibt es zu Recht begeisterten Applaus. Ebenfalls überzeugend und sehr präsent Evez Abdulla als Scarpia. Christian Juslin als Mario Cavaradossi komplettiert das starke Sängertrio, das im Mittelpunkt der Oper steht. Allerdings überwiegt bei ihm an der einen oder anderen Stelle Lautstärke vor Ausdruck, vor allem im ersten Akt. "E lucevan le stelle"“gelingt dann aber ganz wunderbar. Auch die weiteren Solisten und der Chor sind gut disponiert. Das Beethoven Orchester musiziert unter der Leitung von Hendrik Vestmann engagiert. In dieser Hinsicht ist Tosca an der Oper Bonn ein gelungener Abend.




Tosca an der Oper Bonn - Foto (C) Thilo Beu



Bewertung:    


Karoline Bendig - 5. November 2013
ID 7332
TOSCA (Theater Bonn, 03.11.2013)
Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann
Inszenierung: Philipp Kochheim
Bühnenbild: Thomas Gruber
Kostümbild: Gabriele Jaenecke
Choreinstudierung: Volkmar Olbrich
Einstudierung Kinderchor: Ekaterina Klewitz
Mit: Yannick-Muriel Noah (Floria Tosca), Christian Juslin (Mario Cavaradossi), Evez Abdulla (Baron Scarpia), Johannes Mertes (Spoletta), Alexey Smirnov (Sciarrone), Rolf Broman (Cesare Angelotti) und Priit Volmer (Mesner)
Chor des Theater Bonn | Kinderchor des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Premiere war am 3. November 2013
Weitere Termine: 8., 10., 16., 30. 11. / 7., 18. 12. 2013


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


Post an Karoline Bendig



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