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Feuilleton

Friede, Freude, Eierkuchen

WELTETHOS für Sprecher, Chor, Kinderchor und Orchester von Hans Küng (Konzept und Text) und Jonathan Harvey (Musik) uraufgeführt




Das Schöne an den Religionen ist ihr humanistischer Ansatz.

Das ist wie bei Arzneien, wo man auch das Beste anzunehmen wagt; der Transporteur ist meistens dann der Arzt oder der Apotheker, und dem Arzt oder dem Apotheker traut man wohl - Hauptsache, dass sie hilft.

"Das Weltethos" - lt. Wikipedia - "ist die Formulierung eines Grundbestandes an ethischen Normen, den alle großen Religionen und Kulturen in ihren ethischen Traditionen wiederfinden und teilen." / "Das Projekt Weltethos ist ein Versuch, die Gemeinsamkeiten der Weltreligionen zu beschreiben und ein knappes Regelwerk aus den Grundforderungen aufzustellen, welche von allen akzeptiert werden. Der Initiator des Projekts ist der katholische Theologe Hans Küng" - - so lesen wir.

Weltethos heißt dann auch ein 75minütiges chorsinfonisches Werk des britischen Komponisten Jonathan Harvey, was auf ein Konzept und einen Text Hans Küng's fußt. Und die Komposition ist ein Auftragswerk der Stiftung Weltethos - das impliziert, dass sich ihr Librettist womöglich, aus verständlich ethischem Grund, fürs konzeptionell-textliche Zutun seinerseits vielleicht nicht ausbezahlen ließ; so setzen wir voraus.

[Die Stiftung Weltethos wurde 1995 in Tübingen gegründet. Ihr Präsident ist Hans Küng. Der Baden-Badener Unternehmer Karl Konrad Graf von der Gröben (†), der zum Beispiel auch erklärter Gandhi-Fan gewesen sein soll, polsterte jene zum menschlichen Zusammenschluss gewordene Idee mit einer sehr erklecklich anmutenden Summe ab; der Initialzünder für ihn war damals die Lektüre von Küngs Projekt Weltethos (s. o.). Und es folgten andere und weitere Geldgeber, Unterstützer, Prominente... Mittlerweile arbeitet die Stiftung international; die Schweiz, Österreich, Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Tschechien und Ungarn haben eigene Büros. Sie solle "den Menschen zeigen, dass es befriedigendere Werte gibt als den materiellen Genuss. Wir müssen loskommen von der gepriesenen Selbstverwirklichung und vom Wohlstandsdenken und den Menschen klar machen, dass wir zum gemeinsamen Leben in Frieden und Freiheit ethische Normen brauchen." - - - Ja, wer wollte das nicht auch und dick und fett dann unterschreiben?!]

Vorschusslorbeerig munkelte man sogar von einer neuen Neunten, die es da sehr bald zu hören gäbe.

Kurz zur Werkgeschichte, wie sie sich durchs Stöbern im Programmheft nachvollzieht: Pamela Rosenberg, die Intendanten-Vorgängerin Martin Hoffmanns, rief vor fünf Jahren den Komponisten Jonathan Harvey an und fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, ein abendfüllendes chorsinfonisches Werk für die Berliner Philharmoniker zu komponieren. Und der sagte freilich zu - und welcher Komponist würde auch so ein Angebot, das er im Leben sicherlich nur einmal kriegt, ausschlagen; nein, er würde wohl nicht richtig ticken. Doch der Haken bei dem Ganzen war: Hans Küng hatte bereits zuvor das diesem Auftragswerk [wir wiederholen es an dieser Stelle ganz bewusst noch mal, dass es sich bei dem Weltethos von Harvey um ein Auftragswerk der Stiftung Weltethos handelt] zugrunde liegende konzeptionelle und textliche Materiel an die Berliner Philharmoniker gereicht; ja und die Ex-Intendantin stand wahrscheinlich jetzt mit dieser Sache da und war in einer Art "moralischen" Zwangslage. Angeblich hätte den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle das Projekt an sich gefallen. Und so delegierte Rosenberg Konzept und Text dann weiter oder so...

Fakt ist: Das Ding im Ganzen ist nicht nur im Ganzen ganz vertan, sondern auch unter reinweg künstlerischem Vorbehalt gründlichst misslungen! Denn Hans Küng, der weltbekannte Querulant (Otto Normalverbraucher tut sich ganz spontan, wenn er den Namen Küng hört oder liest, an eine Art von Dauerfehde, die er mit dem Papststuhl hat, besinnen), ist nun mal kein Literat und Dichter. Aber Dieses wäre schon, so wie wir anmahnend befinden, eine nicht ganz von der Hand zu weisende Voraussetzung zu einem "richtig" künstlerischen Zutun und auf Augenhöhe mit dem Komponisten. Küng nun lieferte dem Harvey eine sprachlich desaströse (ältlich, staubig, hölzern klingend!!!) Plattitüden-Sammlung von erschreckend einfältigem Plump:

Die sechs angeblich wichtigsten, also vermeintlich wichtigsten Religionen (Konfuzionismus, Judentum, Hinduismus, Islam, Buddhismus, Christentum) werden je in einem Themenblock und nacheinander vorgestellt; ein Sprecher gibt da anfangs eine Art von impressionsgelad'nen Kurztext zum Besten, es folgen Flüster- oder Schreichöre mit ein paar repräsentativen O-Zitaten einiger der Religionsvertreter, danach - und zwar durchgehend bei allen abzuhandelnden und abgehandelten 6 Religionen! - nerven Mega-Plattitüden (mit der Hyper-Mega-Plattitüde "Wir Kinder haben Zukunft, wenn wir immer menschlich bleiben.") aus zig Kindermündern: "Leben! Leben! Leben in Freiheit / Wir Jungen haben Zukunft. / Wir Mädchen haben Zukunft. / Wir Kinder haben Zukunft, wenn wir Menschen bleiben." [die Hyper-Mega-Plattitüde] / "Menschen mit Vernunft und Herz. / Lasst uns Menschen menschlich sein!", ja und das Alles 6fach wiederholt = eine schier unerträgliche Gebetsmühle.

Und nichts, aber auch absolut nichts gegen "Menschen mit Vernunft und Herz" und "Lasst uns Menschen menschlich sein!" - doch, mit Verlaub, so Sätze sagen sich dann flink und flott und allerallgemeinst. Mit Sprache oder Dichtung hat das Alles - freundlichst ausgedrückt - null komma null zu tun. Es bläst nur eine gut gemeinte Absicht plappernd-kindisch auf. Auch vom Extrakt her ist die Vorlage ganz saft- und kraftlos. Und eine verkomponierte Blutleere der hochpeinlichsten Art; Jonathan Harvey ist an dem Debakel der wohl Unschuldigste, könnte man, um ihn zu "schützen", nachträglich behaupten.

Der Gesamtaufwand ist/war enorm: Der Rundfunkchor Berlin (Choreinstudierungen: Simon Halsey und Nicolas Fink) sowie die Kinderchöre des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums (Choreinstudierung: Jan Olberg) leisteten Beachtliches; die ihnen zugeteilten Parts sind alles andere als leicht zu meistern, oft gibt es zwei voneinander verschiedene Tempi - Halsey musste dann sogar, vom Komponisten vorgeschrieben, rechts neben Rattle als Co-Dirigent funktionieren...

Wer nur bloß auf die Idee kam, Dale Duesing (diesen sich über Jahrzehnte hin verdient gemacht habenden, jetzt jedoch im Status des a. D. fungierenden Alt-Opernsänger) mit dem Rezitieren der nicht unbeträchtlichen Küng-Sprechtext-Blasen in dem so schon textlastigen Großwerk zu betrauen? Einfach grauenhaft!

Am Ende brauchte man nur in die teilnahmslosen Physiognomien einiger der Musiker von den Berliner Philharmonikern zu blicken, um sich einen ungefähren Reim aufs Weltethos zu machen. Und auch ohne Sehhilfe wurde da offensichtlich: Spiel mit Leidenschaft sieht anders aus.

Höflichkeitsbeifall = Küng war zur Entgegennahme anwesend, und Harvey nicht.

Andre Sokolowski - 14. Oktober 2011
ID 00000005429
BERLINER PHILHARMONIKER (Philharmonie Berlin, 13.10.2011)
Jonathan Harvey: Weltethos für Sprecher, Chor, Kinderchor und Orchester
Dale Duesing, Sprecher
Rundfunkchor Berlin
(Choreinstudierung: Simon Halsey)
Kinderchöre des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums
(Choreinstudierung: Jan Olberg)
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Sir Simon Rattle
Uraufführung eines Auftragswerks der Stiftung Weltethos



Siehe auch:
http://www.berliner-philharmoniker.de


http://www.weltethos.org



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