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Konzertkritik


25. August 2013 – West-Eastern Divan Orchestra

WALDBÜHNENKONZERT

Dirigent: Daniel Barenboim




Walpurgisnacht in der Waldbühne

„Lebet wohl, ihr glatten Säle!“, rief Heinrich Heine einmal begeistert aus. Er wollte lieber in den Harz:

"Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunkeln Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen."

*

Berlin hat alles zu bieten – sowohl die Säle, als auch Konzerte unter freiem Himmel. Nun, auf Berge mussten die Besucher der Waldbühne nicht steigen – dafür aber viele Stufen überwinden, um zu ihren Plätzen zu gelangen. Doch es lohnte sich! Eine schönere Dekoration zum Konzert hätte auch der freiheitsliebende Dichter sich nicht wünschen können: hohe Bäume unter freiem Himmel. Die Sonne sank allmählich. Im Laufe des Abends verfärbten sich die Wolken zuerst in ein zartes Gold, dann wurden sie rosa und grau, und schließlich verschwanden in der nächtlichen Dunkelheit.

„Schwarze Röcke, seidne Strümpfe“ – daran mangelte es freilich nicht im Publikum. Heine hätte nicht wenig gestaunt über teure Stoffe wie Samt, Seide oder Gobelin, über die ausgefallenen Juwelen, die viele Damen an dem Abend schmückten. Gleichzeitig wehten aber die „freien Lüfte“ – ganz nach dem Geschmack des Dichters. Und die Liebesschmerzen in der Musik waren ganz bestimmt echt und nicht erlogen!

Daniel Barenboim, der fürsorgliche Vater in Person, führte das West-Eastern Divan Orchestra durch den Abend. Er dirigierte, wie immer, auswendig. Es reicht aus, einen Blick in die Partituren zu werfen, um sein phänomenales Gedächtnis zu bestaunen. Es sind ja nicht bloß Noten für ein ganzes Orchester, sondern auch Tempo- und Dynamikangaben. Sie wechseln ständig. Alles im Kopf behalten? Schier unmöglich. Doch Barenboim war ein Wunderkind, er war von früher Kindheit daran gewöhnt, schwierige Werke fürs Klavier auswendig zu erlernen. „Die Hand ist das äußere Gehirn des Menschen“, sagte Immanuel Kant. Das eine zu entwickeln heißt gleichzeitig das andere zu fördern – ein guter Tipp für Pädagogen!
Als Pianist ist Barenboim stets bemüht, die Halbtonstruktur des Klaviers mittels verschiedener Tricks zu kaschieren. Wenn er aber vor dem Orchester steht, genießt er es offensichtlich, dass die Instrumente intonieren und die menschliche Stimme nachahmen können. Man kann also Effekte erreichen, die ursprünglicher, archaischer wirken – und eine größere emotionale Resonanz erzeugen. Jung und engagiert waren die Musiker, reif und ausgefeilt die Interpretationen. Das merkte man insbesondere an allen „Schnitt“-Stellen: Ein neues emotionales Bild kam immer wie ein Dekorations- oder Maskenwechsel. Verdis musikalische Welt stand in krassem Kontrast zu Wagners Werken. Der Italiener überzeugte mit eindringlichem Gesang und kokettem Tanz, der Deutsche mit der Sinnlichkeit, die fast physisch zu spüren war, und überwältigender Ekstase.

Die Klangmalerei, die bei Barenboim immer eine wichtige Rolle spielt, beeindruckte ganz besonders im Liebesdrama von Berlioz. Die Symphonie fantastique, unter freiem Himmel vorgetragen, erzeugte eine fast märchenhafte Empfindung. Die vielen Stimmungen im 1. Satz entfalteten sich mit einer unnachahmlichen Klangdifferenziertheit. Der Ball, der ohne Pause den Träumen folgte, trug den Zuhörer in einem rhythmischen Wirbel dahin. Die melancholische Poesie des 3. Satzes kam besonders gut zur Geltung vor der wunderbaren Kulisse aus hochragenden Bäumen, die die Waldbühne umschließen. Je weiter durch die Symphonie fantastique, desto dunkler wurde der Himmel, und desto unheimlicher, dämonischer der Gesamteindruck. Man musste die eigene Fantasie nur ein bisschen mitspielen lassen – und schon erschien das doppelte Bühnenzelt über dem Orchester als zwei spitze Hexenhüte, und der ganze Ort verwandelte sich in den Brocken in der Walpurgisnacht. Hui, wie die bösen Geister auf ihren Besenstielen herumritten und in schallendes Gelächter ausbrachen!
Die Begeisterung des Publikums war grenzenlos, und drei Zugaben aus den Opern von Bizet rundeten den wunderschönen sommerlichen Abend ab.



Waldbühnenkonzert 2013 des WEDO - Bildquelle (C) http://www.das-waldbuehnenkonzert.de/



Bewertung:    


Leyla Jasper - 31. August 2013
ID 7101
WEST-EASTERN DIVAN ORCHESTRA (Waldbühne Berlin, 25.08.2013)
Verdi : Ouvertüre aus La forza del destino; Prelude aus La Traviata Akt 1 und 3
Wagner: Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde; Ouvertüre aus Die Meistersinger von Nürnberg
Berlioz: Symphonie fantastique op. 14
West-Eastern Divan Orchestra
Dirigent: Daniel Barenboim



Weitere Infos siehe auch: http://www.west-eastern-divan.org/


Post an Leyla Jasper



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