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Uraufführung

20. Juni 2009, Kölner Philharmonie

FLUSS OHNE UFER von Detlef Glanert

WDR-Sinfonieorchester / Dirigent: Semyon Bychkov

Das Holzschiff sinkt

nur einmal


Detlef Glanert ist 49 Jahre = in demselben Alter, als der Komponist Gustav Anias Horn - eine der beiden Hauptgestalten aus der haltlos-unendlichen Epopöe FLUSS OHNE UFER von Hans Henny Jahnn - seine sog. "Niederschrift", als Ich-Erzähler, nach und nach in einem Jahreskreis verfasst. Sie liest sich als die lückenlose Lebensbeichte eines zwischen den Geschlechtern hin und her gerissnen Mannes, dessen Werdegang, privat und künstlerisch, mit einer stinknormalen Anverlobung sozusagen angefangen hatte und "am Ende" (der erzählten und erzählenden Geschichte) mittendrin in einer Blutlache, abrupt und unerklärlich, abgeschlossen wird:

Horn war mit Ellena, der Kapitänstochter, liiert. Er fuhr mit ihr als blinder Passagier auf einem Holzschiff (dem Teil 1 der Epopöe; Teil 2 ist dann die Niederschrift, Teil 3 der unvollendet gebliebene Epilog - zusammen hat Jahnns Epopöe über zweitausend Seiten). Und er traf dort Alfred Tutein und war ihm, so wie umgekehrt, von jetzt auf gleich in Allem hörig. Also brachte Tutein die Horn-Braut Ellena schlicht um die Ecke. Und das Holzschiff stand von da ab unter einem poltergeistigen Syndrom...

Die Schffsbesatzung meuterte, denn auf der Suche nach der Toten (?) kam sie nebenbei fast hinter das Geheimnis einer unheimlichen Ladung auf dem Holzschiff; später, Tausende von Seiten weiter, kommt heraus, dass diese Ladung Giftgas war. Sie traf ganz überrascht auf Horn, der sich als Rädelsführer zur Verfügung stellte, und auch Tutein heizte die Irrungen und Wirrungen auf diesem "Geisterschiff" zusätzlich an.

[Man kann sich drehen, wenden wie man will - mit ein paar Sätzen ist dem Tausendseiter inhaltlich nicht beizukommen. Nur der Plot an sich, vielleicht, mag soweit stimmen. Mehr wohl nicht.]

Horn / Tutein wurden die besten Freunde. Sie warn beide schwul, doch sie begriffen sich nicht so, nicht ausgesprochen. Beide hatten sie Enormbeziehungen, natürlich, auch zu Mädchen oder Frauen. Auch leibliche Nachkommen, das eine oder andre Kind, kommen (besonders in Teil 3 der Epopöe) nachträglicher Weise vor.

FLUSS OHNE UFER also.


Das ist das Steidl-Cover zu Hans Henny Jahnns Das Holzschiff, dem ersten Teil seines dreiteiligen Riesenromans vom Fluss ohne Ufer. - Der Komponist Detlef Glanert, Jahrgang 1960, hat nach ihm ein Orchesterwerk (und eine Oper) geschrieben. Das Orchesterwerk erlebte am 20. Juni 2009 in der Kölner Philharmonie seine Uraufführung.


Glanert (Jahrgang 1960, wie gesagt) nannte sein Werk für Großorchester wie die gleichnamige Epopöe Jahnns. Zudem ist sie, erklärter Maßen, "nur" die Vorstufe für eine Oper von ihm, die im nächsten Jahr in Nürnberg seine Uraufführung haben wird: FLUSS OHNE UFER (wie gesagt).

Es ist ein atmosphärisch anmutendes Stück. Es hört sich gut und wohlsam an. Es gibt dem Hörer Schritt für Schritt die Handlung aus dem Holzschiff, eins zu eins fast, wieder = DAS ist sein Problem. Denn außer einer filmsequentisch vorgetriebenen "Berichterstattung" bringt es sich (und Glanert!) kaum bzw. überhaupt nicht in Beziehung zu dem "nachgestellten" Stoff.

Im Holzschiff gibt es einen einzigen und wirklich volldramatisch aufgeschlagnen Höhepunkt: Wenn die Matrosen, angeführt von Horn & Tutein, das Schiff im Handstreich demolieren und es so im Nu versinkt. // Genau die Stelle hört man auch bei Glanert wunderbar und eindeutig heraus. Da lässt er Schläge im Orchester schallen, dass es einem Himmel, Angst und Bange wird. Aber... Für Glanert reichte diese einmalige Expressivität noch lange nicht. Denn vorher schon, und ebenso "fast stark", werden die Vor- und Zwischenepisoden auf dem Holzschiff (die Ermordung Ellenas, zum Beispiel) himmelschreiend kommentiert.

Zu früh und viel zu ungerecht, sich jetzt schon - also vor der eigentlichen Opern-Uraufführung - über Glanerts FLUSS OHNE UFER die Birne weiter zu zerbrechen. Lassen wir uns überraschen und gedulden uns bis nächstes Jahr.
*

Das WDR-Sinfonieorchester (Semyon Bychkov) spielte außerdem an diesem Abend zwei mal Schostakowitsch: dessen 2. Klavierkonzert (Solist: Denis Matsuev) sowie die 11. Sinfonie. Und beides fulminant!!


Andre Sokolowski - 21. Juni 2009
ID 4352


WDR-SINFONIEORCHESTER (Kölner Philharmoie, 20.06.09)
Detlev Glanert: Fluß ohne Ufer (2008) für Orchester
Dmitrij Schostakowitsch: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 F-Dur op. 102 (1957)
- Sinfonie Nr. 11 g-Moll op. 103 (1956-1957) "Das Jahr 1905"
Denis Matsuev, Klavier
WDR Sinfonieorchester Köln
Dirigent: Semyon Bychkov

Die Galionsfigur
(frei nach Das Holzschiff von Hans Henny Jahnn)
Von Andre Sokolowski




 

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