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Besprechung


21./22. Januar 2012 - Staatstheater am Gärtnerplatz / Bayerische Staatsoper

LA CAGE AUX FOLLES / DON CARLO




Falsche Damen / echte Dramen

Das hat man nun davon. Samstag ein Musical, ein tuntiges Chichi und Poupou, und Sonntag dann die rabenschwarze Oper in fünf Akten. Wie bekommt man das in einen Artikel? Wo ist der rote Faden? Die rettende Verbindung? Der Kopf qualmt heftig, doch bevor jetzt irgendetwas an den Haaren herbeigezogen wird, ist Ehrlichkeit vielleicht die bessere Alternative: Es gibt keinen Zusammenhang! Außer, dass sich beide Abende lohnen. Sogar sehr. Nun aber hübsch der Reihe nach:

Als das Berliner Theater des Westens noch nicht an einen Plastik-Veranstalter verhökert worden war, feierte dort eine Produktion zehn Jahre lang Triumphe. In über 600 Vorstellungen stand Helmut Baumann in seiner eigenen Inszenierung von La Cage aux Folles als Albin/Zaza auf der Bühne. 2007 nahm er sich am Gärtnerplatz-Theater dem Stück erneut an - und krönte Christoph Marti alias Ursli Pfister zum neuen Star im Käfig voller Narren. Mag es auch Musicals geben, die raffinierter komponiert sind, in deren Songs keine Lalala’s stecken: Das Gespann Baumann/Marti lässt derartige Makel schnell vergessen und rettet das Stück ins 21. Jahrhundert - wohlgemerkt, ohne es zu denunzieren. Schon das freche, atmosphärisch dichte Opening (Choreographie: Jürg Burth) zeigt, wohin die Reise geht: Big Show und bissige Stuten, viel Mascara und jede Menge Slapstick. Die Kostüme von Uta Loher und Conny Lüders zitieren zwar eindeutig die Achtziger, doch etwas nostalgischer Charme sei hier durchaus erlaubt.

Gaines Hall führt als herrlich schrille Sopran-Sirene Chantal die Cagelles an, David N. Russo erobert die Herzen mit seinem zuckersüß überdrehten Jacob und Thomas Peters reißt als Mercedes die bitterbösesten Pointen („Ohne mich wäre dieses Kreuzfahrtschiff hier schon lange untergegangen“). In der Rolle des Jean-Michel überzeugt - Achtung! Keine Doppelrolle - der überaus smarte Thomas Peters. Und auch Hardy Rudolz macht als Georges eine glänzende Figur. Doch die dankbarste Rolle ist nun mal der Albin - und Christoph Marti kostet aus, was auszukosten geht, fegt hier alles und jeden vom Platz. Dieser Kerl kann Theater spielen, in darstellerische Tiefen eintauchen, gekonnt die Nummern schmettern, tanzen, moderieren, witzeln, wirbeln und verführen: Ein Nachtschattengewächs, welches einem den Atem raubt, lange noch.



*




Statistisch gesehen ist der Januar der Monat der Theatermuffel. Nikolaus Bachler wird dagegen ein breites Grinsen aufsetzen, wenn er sich die allerneusten Auslastungszahlen ansehen wird. An der Bayerischen Staatsoper hat man nämlich zu einem wirksamen, sicher nicht ganz preiswerten Mittel gegriffen und die Hauptpartien einer beliebten Verdi-Oper mit dem jeweils führenden Interpreten besetzt. Bleiben wir bei der Wahrheit! Wer Namen wie Anja Harteros, Jonas Kaufmann und René Pape auf einem Besetzungszettel liest, der weiß, dass er sich seine Finger zweimal lecken kann. Kein Wunder also, dass das Nationaltheater aus allen Nähten platzt…

In seiner Interpretation von Don Carlo rückt Jürgen Rose den Verlust der individuellen Freiheit in den Fokus der Handlung. Ein jeder strauchelt hier - eingeschlossen in sich selbst - durch eine schwarze Gruft, die zwar Türen hat, aber keinen Ausgang bietet. Das eigene Lebensglück, es bleibt versagt – der Klerus und die Staatsräson verlangen es. In der Autodafé-Szene werden die Vertreter der Kirche als eigentlicher Anti-Christ entlarvt und wir - das Publikum - der Schaulust überführt. Gezeigt wird die fünfaktige Fassung in italienischer Sprache. Das sehr umfangreiche wie blitzgescheite Programmbuch (228 Seiten!!!) rundet die sehenswerte Aufführung ab.

Für die Elisabeth von Anja Harteros mag man kaum Worte finden, so engelsgleich und liebesglühend klingt ihr Sopran. Doch geht’s ihr vordergründig nicht um Euphonie: Harteros singt stets mit Ausdruck, mit Charakter. Was für ein beseeltes Klagen in der Höhe! Und dann diese Tiefe, dieser Unterleib! Unglaublich. Auch mit Tiefe - aber nicht nur damit - beeindruckt Anna Smirnova. Die Russin mit dem ausladenden Mezzo singt eine Eboli, dass die Wände wackeln. Dennoch ist nicht ein scharfer Ton zu vernehmen. Das tenorale Brennen in der Brust, das geschmeidige Schluchzen und Funkeln: Keiner kann das derzeit so perfekt wie Jonas Kaufmann. Sein Don Carlo ist ein fieberhaft getriebener, romantischer Wuschelkopf: Herrlich anzusehen, herrlich anzuhören - da bleiben wirklich keinerlei Wünsche offen. René Pape trumpft gesanglich vor allem im vierten Akt auf, profiliert sich mit seinem innerlich zerrissenen Philipp einmal mehr als guter Schauspieler.

Boaz Daniel liefert einen grundsoliden Rodrigo ab, Eric Halfvarson bringt einen Großinquisitor in Hagen-Format zu Gehör und Steven Humes (Mönch) singt mit kerngesundem Balsam-Bass. Dem Dirigenten Asher Fisch gelingt das Kunststück, die Sänger auf Händen zu tragen und dabei dennoch dem Bayerischen Staatsorchester ein differenziertes Klangbild abzugewinnen. Der Vorhang fällt und ein ganzer Saal steht Kopf. Im Bewusstsein, die bislang gesanglich beste Verdi-Oper erlebt zu haben, trotte ich heimwärts und freue mich still meines Glückes.


Heiko Schon - 26. Januar 2012
ID 5710
LA CAGE AUX FOLLES (Staatstheater am Gärtnerplatz, 21.01.2012)
Musikalische Leitung: Henning Kussel
Inszenierung und Bühne: Helmut Baumann
Kostüme: Uta Loher / Conny Lüders
Besetzung:
Albin... Christoph Marti
Georges... Hardy Rudolz
Jean-Michel... Thomas Peters
Jacob... David N. Russo
Hanna von Hamburg... Jesco Himmelrath
Chantal... Gaines Hall
Mercedes... Thomas Peters
Orchester, Chor, Ballett und Statisterie
des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Premiere war am: 15. Dezember 2007
Weitere Termine: 7., 12. 2. / 16., 28. 3. / 10., 16., 20. 4. 2012
http://www.staatstheater-am-gaertnerplatz.de

DON CARLO (Bayerische Staatsoper, 22.01.2012)
Musikalische Leitung: Asher Fisch
Inszenierung, Bühne, Kostüme, Lichtkonzept: Jürgen Rose
Mitarbeit Regie: Franziska Severin
Besetzung:
Philipp II... René Pape
Don Carlos... Jonas Kaufmann
Großinquisitor... Eric Halfvarson
Mönch... Steven Humes
Elisabeth... Anja Harteros
Eboli... Anna Smirnova
Chor und Extrachor der Bayerischen Staatsoper
Bayerisches Staatsorchester
Premiere war am: 1. Juli 2000
Weitere Termine: 26. und 29. 1. 2012
http://www.bayerische.staatsoper.de

Weitere Infos siehe auch:


Post an unseren Rezensenten Heiko Schon



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