Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Feuilleton


Staatsoper Hamburg, Premiere 26.3.2007

Billy Budd

Von Benjamin Britten


Claggert erpresst Novice | Foto: http://www.hamburgische-staatsoper.de



Das Schönste entschwindet

Die Oper „Billy Budd“ des englischen Komponisten Benjamin Britten ist vor allem deshalb von Interesse, weil dort zwei gesellschaftliche Herrschafts-, bzw. Ordnungssysteme miteinander konkurrieren: Eines, das auf Repression und Macht beruht, und eines, das Schönheit allein aus sich heraus entlässt. Das Erste ist das Stärkere, Offensichtliche, sprich: das Wirkliche. Die ästhetische Herrschaftsordnung ist verborgener, schwächer, aber: die Mögliche. Für die Aufrechterhaltung der ersten Ordnung bedarf es einer Menge armseliger Menschen, die ihre aus dem falschen Herrschaftszusammenhang entsprungenen, aber natürlich zu unterdrückenden Neigungen sadistisch nach Außen kehren, um ein Leben nach der zweiten Ordnung, in Glück und Frieden, für alle zu verhindern. Diese negative Polizeifunktion füllt Waffenmeister Claggert auf dem Kriegsschiff Indomitable par excellance: musikalisch ist seine Herkunft aus jahrhundertelanger katholischer Unterdrückungskultur kaum zu überhören – der Großinquisitor aus Verdis „Don Carlos“ lässt grüßen. Die ästhetische Ordnung wiederum wird verkörpert durch Billy Budd, den „hübschen Matrosen“. Einem realen Phänomen aus der Schifffahrt, mit dem Melville seine gleichnamige Erzählung einführt. „Alle tun alles für Billy Budd.“ So sehr lieben sie ihn, seine unschuldige Erscheinung, die um ihre (homo-) erotische Ausstrahlung nicht weiß. Claggert begehrt ihn. Übel. Denn ähnlich wie Don José bei Carmen löst er diesen Konflikt, indem er das Liebesobjekt, Billy, denunziert, damit er zum Tode verurteilt wird: Um ihn wenigstens auf diese Weise „besitzen“ zu können, was lebendig (allein aufgrund seiner repressiven Funktion) schlechterdings unmöglich wäre.


Kriegsgericht | Foto: http://www.hamburgische-staatsoper.de


Es gibt aber eine Figur im Stück, die für eine Hoffnung einsteht, diese beiden Herrschaftssysteme vernünftig zu versöhnen, weil er über beide souverän verfügt, geistig wie praktisch. Der Ersten steht er vor als Captain des Schiffs H.M.S. Indomitable, der Unbezähmbaren, der Zweiten ist er hörig, durch Lektüre und Nachsinnen. Dass nun aber der ihm bereits sinnlich auffällig gewordene Vortoppmatrose Billy den bedrohlichen Waffenmeister vor seinen Augen erschlägt, kann er nicht kompensieren. Vere, dem Namen nach schon nur die halbe Wahrheit, harmonisch auf nebelfreies C-Dur aus, handelt fortan rollenkonform nach sogenanntem Kriegsrecht, ohne Rücksicht auf die Zurechnungsfähigkeit des stotternden Billy. Und scheitert damit fundamental.
Jedoch verzeiht ihm Billy, mehr noch, vergibt ihm dies und geht sokratisch in den vom spontanen Kriegsgericht an Board verhängten Tod. „That’s all, that’s enough.“ In der von Regisseur Simon Phillips besorgten Hamburger Inszenierung wird Billy gar noch weiter erhöht, indem er nicht schlicht gehängt wird, sondern, wie im Alten Testament nur ganz, ganz wenige (Henoch zum Beispiel) entrückt wird, quasi vom Himmel selber aus der Welt entnommen wird. Das Schönste entschwindet. Der alte Vere erinnert im anschließenden Epilog sein Versagen wie seinen Lebensverlust, und er bekommt hier von Phillips ein stückweit Würde zurück, indem er sich stoisch das Leben nehmen darf.
Ergebnis: Man weint nur um Billy, aber man hat Mitleid mit Figuren wie Vere oder auch Claggert. Das ist das, worauf Britten abzielte und das ist auch das, was diese zweite Opernpremiere des Hamburger Britten-Zyklus mit Bravour einzulösen vermochte. Eben weder als diminutives Homo-Märchen noch als naturalistische Matrosen-Plantscherei: Die Darstellung der Leiden der unterdrückten Massen, des Witz und Charakters eines Billy wie der verschiedensten Typen an Board eines Kriegsschiffes (Dansker, Red Whiskers, Leutnants, Schiffsjungen) und die Herausarbeitung der Konflikte gelingen Phillips im Gegensatz zum „Midsummer Night’s Dream“ in vollkommenster Weise. Dabei behilflich sind die wunderbar stilechten Kostüme von Es Devlin, die diesmal auch „das Schmutzige“ der Seemannswelt nicht scheut, und durchaus originäre Bühnenbilder zu erzeugen versteht: wie beispielsweise durch „aufgetauchte“ alte Möbel im Stil Louis XVI oder Empire, die die Statik des ersten, falschen Herrschaftssystems optisch zementieren.


Seekrieg | Foto: http://www.hamburgische-staatsoper.de


Gesanglich gibt es nur Glanzlichter: Timothy Robinson hört man spontan lieber als Brittens Lebensgefährte Peter Pears. Ein rundum erfüllendes Rollenportrait des Vere. So auch der lecker ausdefinierte Nmon Ford als Billy Budd. Sein etwas unprononcierter Gesang ist angesichts der Sprachmächtigkeit eines Billy stimmig, sein Brustklang einnehmend. Im Schlussarioso „Look! ... Through the port comes the moonshine astray!“ entlässt der Gute bedrückendste Piano-Atmosphären. Auch der seriöse Bass Peter Rose vermag als Claggert zu glänzen: In der Tiefe, wie in der Höhe gibt er einen menschlich allzu unmenschlichen Waffenmeister, der schließlich gefällt wird wie eine Eiche. Dazu Peter Galliard als Red Whiskers, Conal Coad als Dansker, Carsten Wittmoser als Ratcliffe, Alexander Tsymbalyuk als Novice’s Friend und eine anrührende Interpretation von Benjamin Hulett als Novice. In der Kriegsszene begegnet einem der Männerchor mit soviel Lust, als wollten sie das ganze Haus zusammensingen: Geben darin einen wahrer Einblick in die Rhythmik des See-Krieges. Wie gewohnt, ist daneben auch die stimmungserzeugende Chorfunktion von Florian Csizmadia sehr gut erkannt und einstudiert worden. Aus dem Graben beglücken die Hamburger Philharmoniker: mit unvergessenen, sich peu à peu aufbauenden Crescendi, blitzartigen Holzbläsersplittern, einer knackigen Blechbläserleistung, schreienden nebst samtenen Akkordblöcken und einer im singulären Elend ausgehauchten Abschiedsmelodie. Insgesamt eine wahrhaftige Ehrung des englischen Meisters Benjamin Britten. Am Pult dieser Hamburger Indomitable steht die Dirigentin des Jahres: Simone Young.


Wolfgang Hoops - red / 3. April 2007
ID 3117
Benjamin Britten
Billy Budd

Staatsopber Hamburg
Großes Haus

INSZENIERUNG: Simon Phillips
BÜHNENBILD UND KOSTÜME: Es Devlin
LICHT: Nick Schlieper

nächste Vorstellungen Billy Budd: 10. 13. 17. 20. April

Weitere Infos siehe auch: http://www.hamburgische-staatsoper.de





  Anzeigen:








MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ARCHIV
Konzerte + Musiktheater

CASTORFOPERN

CD / DVD

FREIE SZENE

INTERVIEWS

LEUTE MIT MUSIK

NEUE MUSIK

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski




Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de