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Feuilleton

Beirut in der Kölner Philharmonie: Libanon liegt anderswo.

Beirut, Kölner Philharmonie 12.08.09




Standing Ovations, zwei ausgiebige Zugabe-Sets und begeisterte Fans, die auf Geheiß des Frontmanns die Bühne des altehrwürdigen Saals stürmen und prompt zum Dancefloor umfunktionieren. Jede Wette, dass weder Mitarbeiter der Kölner Philharmonie noch Veranstalter der diesjährigen c/o pop damit gerechnet haben.

Doch beginnen wir beim Anfang: Selten zuvor hat besagte c/o pop, seit 2003 eine feste Einrichtung in Köln nach der Verlegung der Popkomm nach Berlin, solche Medienaufmerksamkeit erhalten, selten zuvor wurde die Messe mit zugehörigem Festival mit soviel Spannung erwartet.
Den Auftakt geben dieses Jahr Beirut - ausgerechnet diese aus allen Rahmen fallende Indie-Combo, und das auch noch in der Philharmonie. Das ist aus vielerlei Gründen bemerkenswert, denn jetzt, wo gerade alle Augen auf die selbstgekrönte Pop-Hauptstadt Köln gerichtet sind, überrascht uns zum Ersten der Spielort, der solche Unterarten der U-Musik nicht gewohnt ist, und zum Zweiten das Profil der Band, die mit ihrem verschrobenen, durchweg anspruchsvoll-originellen Indie-Folk nicht so recht in das vornehmlich elektronische Umfeld des Festivals passen will.

Aber die US-Musiker belehren uns eines Besseren: Engstirnig wäre es, zu denken, die Musik des 21. Jahrhunderts bräuchte ein bestimmtes Ambiente, oder etwa das gewisse Mindestmaß an BPM. Es geht auch anders - sentimentaler, ruhiger, mehr Retro. Beiruts Musik jedenfalls geht ins Blut, vergessen sind die Stereotypen, besser hätte die Wahl der Festivalveranstalter gar nicht getroffen werden können.
Mastermind und Frontmann Zach Condon kommt direkt aus dem Herzen des neuen Mekka des Indie-Folk, der Wahlheimat New York City, und klingt dabei so unamerikanisch, dass man ihn vom Fleck weg zum musikalischen Botschafter der alten Welt adeln möchte.
Sein "Orchester" ist erlesen, dabei aber relativ klein; nur sechs Mann stehen auf der Bühne. Condon spielt gewohnheitsmäßig mit wechselnder Besetzung, was dem Projekt Beirut wiederum sehr gut bekommt, bleibt es somit doch flexibel und lässt Raum für Improvisation.

Was im Studio schon so gut funktionierte, klappt - wer hätte das auch angezweifelt - auch live hervorragend. Der balkanisierte Folk mag vielleicht erst schleppend daherkommen, doch Condon und Crew brauchen nicht lange, um sich warm zu spielen. Das Endergebnis ist eine Musik, der man sich auch in der hintersten Reihen nicht entziehen kann, weil sie so schön auf der Klaviatur der Sehnsucht spielt, weil sie zum Siegeszug gegen Synthiesound und Startum antritt: das Gegenteil von Pop eben. Dass das Publikum altersmäßig im Schnitt eher unterhalb der 30 anzusiedeln ist, verwundert trotzdem nicht weiter.

Einiges von dem, was dem jungen Condon auf seinen Reisen durch Europa begegnet ist, spiegelt sich aufs Schönste in den Songs wieder. Es ist beinahe unverschämt, wie ihm augenscheinlich jedes Experiment spielerisch gelingt: Betörenden Indie-Folk versetzt er mit Balkan-Elementen und eigenwilligem Songwriting, greift hier und da auf Gypsieklänge und Polka zurück, um letztlich dann den Spagat zwischen französischem Chanson und mexikanischen Bläsern zu wagen.
Das klingt stellenweise ein bisschen so, als hätten sich die Decemberists mit Yann Tiersen zu einer Jam Session getroffen, oder als würde Altmeister Serge Gainsbourg unversehens auf eins von Beiruts anderen Vorbildern, das Kocani Orkestar stoßen. Das mag schräg und komplett unsystematisch klingen, funktioniert aber irgendwie erstaunlich gut.

Die Rechnung scheint im Live-Programm besonders da aufzugehen, wo alle Bläser zum Einsatz kommen und die Band in die Vollen gehen darf. Doch dann wieder zeigt Condon mit einem dieser seltsam anrührenden Songs, die er fast im Alleingang auf der Ukulele (O-Ton: "the best instrument in the world") bestreitet, dass es gar nicht immer der großen Geste bedarf. Das Wunderkind, dem man seine 23 Lenze kaum anmerkt, zeigt sich souverän und sympathisch, und weit weniger ernsthaft-verdrossen, als er von so manchem Bildjournalisten gerne dargestellt wird.

Dankbar ist man, dass der unverwechselbare Gesang niemals in unpassend heitere Dur-Tonarten abgleitet - soviel Melancholie muss sein. Schade nur, dass die Percussion bei dieser doch eigentlich sehr beatgetriebenen Musik zu verhalten zum Einsatz kommt, wo doch das Wechselspiel von Kontra- und E-Bass die ganze Bandbreite der Spielkunst Beiruts aufzeigt.
Glaubt man dann auf halber Strecke der Spielzeit, die Band könne sich nicht mehr steigern, sie habe bereits ihren Zenit erreicht, setzt sie noch eins drauf, schwelgt in Rhythmen und (nah)östlichen, verschachtelten Melodien - wen nimmt es da noch Wunder, dass das Publikum gegen Ende förmlich kocht?

Letztlich sieht man kaum jemanden - im Guten wie im Schlechten - unbeeindruckt. Die kritischen Stimmen dürften jedoch sehr spärlich ausfallen.
Vielleicht, aber auch nur vielleicht, ist diese Musik für manche tatsächlich zu schwärmerisch, oder auf die Dauer gar zu strapaziös, weil die Musiker mehr als ein Ass im Ärmel haben. Für die anderen aber, und das sind vermutlich die meisten im Saal, ist es Liebe auf den ersten Gig.

Jaleh Ojan - red / 17. August 2009
ID 4389


Siehe auch:
http://www.koelner-philharmonie.de/veranstaltung/104649/





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