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Feuilleton


Philharmonie Berlin, 12. März

MATTHÄUS-PASSION (BWV 244)

Johann Sebastian Bach


J. S. Bach (1685-1750)

Viel zu untraurig

Sich Bachs MATTHÄUSPASSION zu stellen heißt nicht nur sehr gut und mit sehr guten Chören, Musikern und Sängern notentreu zu spielen - nein, es heißt vor allem auch sie sehr gut darzustellen. Nicht umsonst wird sie gelegentlich sogar in Kirchen und Theatern szenisch aufbereitet; und noch heute sind John Neumeiers Ballettversion in Hamburg oder auch die fulminante Inszenierung Ueckers/Friedrichs/Calsows an der Deutschen Oper in Berlin bestaunenswerte Großereignisse. Ganz einmal abgesehen von dem Haupteindruck, den Bachs Musik in diesem Fall auf das im Allgemeinen mehr zu unterstellende private Schlichtgemüt des bloßen Hörers - falls er willens ist sich dieser Introwelten gänzlich auszusetzen - hinterlässt, bedarf die exzessive und in ihrer Hochdramatik respektive ihrer ganzen Folgetrauer um das grauenhafte Vorgeschehen ausmachende Textvorlage schon der unbedingten und nicht nebensächlichen Erwähnung. Spätestens seit Gibsons filmisch auf den absoluten (Folter-)Punkt gebrachten Lesart seiner Sicht des Leidensweges Christi dürfte künstlerisch veranlagten und ausführenden Menschen klipp und klar geworden sein, dass man mit so einer Geschichte - über / um die alle Jahre wieder seiende Passionszeit - neben den sie weckenden Gefühlen auch Verstandesrudimente eines jeden dieses wichtigste und größte Bachwerk Hörenden und Sehenden erreichen soll und kann. So ist es also eine Frage lediglich der intelektuellen Einstellung, ob das Projekt am Schluss gelingen würde oder nicht.

Notenauszug aus der Matthäus-Passion (Nr. 54, Choral \"O Haupt voll Blut und Wunden\")


Nein, an den Mitwirkenden dieser einmaligen Aufführung in der Philharmonie Berlin wird es wohl nicht gelegen haben, dass die Ziellinie aufs für den Rezipienten Demoralisierendste erreichelt worden war: Jörg-Peter Weigle (der als konzeptionstragender Urheber dieses Desasters nur gerechter Weise an der ersten Stelle prangerisch zu stehen hat) verbringt das selt'ne Kunststück, von der ersten Note an in einem derart einheitlichen Tempo durchzudirigieren, dass gar zwei Musikstudenten, die zu meiner Rechten saßen, sich des Eindrucks nicht erwehren konnten, bei den Chorpassagen den Vergleich zu Brahmsens Liebesliederwalzer kühn und treffentlich zu wagen. Was dann wieder eine, vorsichtig gesprochen, ziemlich zuforcierte Zuspielweise impliziert, die ergo unter Aussparung von Mitgefühl, Katharsis oder Trauer abverläuft. Und selten ist es fast schon körperlich beobachtbar, wie beispielsweise eine solche Koryphäe wie Annette Markert (Alt) mit allergrößter Überwindungskraft dieses diktierte Tempo mitzumachen, und dabei nicht "hinterherzuhängen", also technisch zu versagen, sich aus reinster Solidarität fürs Unternehmen insgesamt erweichen ließ.
Sehr außerordentlich: Letizia Scherrers Stimme und Martina Dallmanns Flötenpart ("Aus Liebe will mein Heiland sterben"). Noch viel außerordentlicher: das auf historischen Instrumenten musizierende Concerto Brandenburg, und insbesondere Irene Klein an der Viola da gamba. Und außerordentlich im ganz Besonderen: der textverständliche und hochdramatisierende Evangelist des Markus Schäfer.


Andre Sokolowski - red. / 13. März 2006
ID 00000002292
Johann Sebastian Bach
MATTHÄUS-PASSION (BWV 244)

Letizia Scherrer ... Sopran
Annette Markert ... Alt
Markus Schäfer ... Tenor (Evangelist)
Scot Weir ... Tenor
Andreas Scheibner ... Bass (Jesus)
Locky Chung ... Bass

Knaben des Staats- und Domchores Berlin
Einstudierung: Michael Röbbelen

Concerto Brandenburg
www.concerto-brandenburg.de

Philharmonischer Chor Berlin

Dirigent: Jörg-Peter Weigle

Weitere Infos siehe auch: http://www.philharmonischer-chor.de






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