Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Feuilleton


9. Mai 2007, Philharmonie Berlin

Bach-Kantaten

mit Dorothea Röschmann, Thomas Quasthoff und den Berliner Barock Solisten


Dorothea Röschmann



Blut pumpt's Herz

Die geistlichen Kantaten Bach's - er hat für alle Sonntage des sog. "Kirchenjahres" eine, manchfach sogar zwei bis drei Gebrauchsmusike(n) dieser Art geschaffen - haben gegenüber den zwei Groß-Passionen beispielsweise einen Vorteil, dass sie sich dann "zeitlich" unabhängig hören und erleben lassen, weil: Die Texte sind von einer solitären Eigenart und Unverwechslichkeit... dass man es stellenweise nicht für möglich hält; zum Beispiel BWV 199:

"MEIN HERZ SCHWIMMT IM BLUT".

Vom Titel her der absolute Hammer! (Ich gebe unumwunden zu: Nur dieser Titelzeile wegen habe ich, der ich mich zwar als einen Bach-Lieber, jedoch bei Weitem nicht als Bach-Eunuch qualifizieren würde, eine extraordinäre Intensivbeschäftigung mit diesem Werke angestellt; und ausgerechnet wegen ihm dann - Titel - wollte/musste ich in das Konzert.)

Freilich ist es ein eindeutiger Kirchentext; Autor ist Georg Christian Lehms, ein Darmstädter Hofpoet, aus dessen Sammelsurium "Gottgefälliges Kirchen-Opffer" (1711) Johann Sebastian Bach, und nicht nur implizit für BWV 199, reichlich schöpfte. Lesen oder hören tut er sich dann allerdings sehr weltlich, erdnah, diesseitig. Mit andern Worten: Selbst der gottverleugnendste von allen Heiden würde/wird mit diesem Text was anzufangen wissen:
Starke Texte handeln immer von den Höhen oder Tiefen einer Liebe. Werden und Vergehen lassen sich mit DER Thematik wohl am allerbesten auf den allpersönlichendsten Punkt der Punkte bringen. Meistens geht es nur um Eine(n) der zwei Liebes-Darsteller; das Liebes-Gegenüber ist zumeist von völlig andrer "seelischer" Statur; und Liebes-Ideale (A = B) sind viel zu langweilig, dass man auch nur ein Wörtlein über sie verlöre... Ist's soweit verstanden worden?
Also lassen sich Wortungetüme wie "der Sünden Brut" und "Pein" und "Höllenhenker", "Lasternacht", "du böser Adamssamen" oder "unerhörter Schmerz" und "ausgedorrtes Herz" auch und vor allem in das Menscherlichste heben - und obgleich sie, wie gesagt, vom Hofpoeten Lehm sakral gemeint gewesen waren - - doch wer weiß das Alles schon genau?!

+ + +

Sie sang sie: Dorothea Röschmann.

Röschmann kommt ja ausgewiesner Maßen "aus der Ecke"; hat mit Jacobs,. wenn ich richtig recherchierte, nicht nur Bach gesungen und auf Platte eingespielt. Bei Barenboim war sie dann ein paar Jahre Festmitglied in dem Berliner Staatsopern-Ensemble, dort ging's auch mit Mozart richtig los. Dann kam die Blitzkarriere... Röschmann tourt seither durch alle Welt; kein Haus von Rang, dass sie sich nicht schon leisten tat.

Und ihre Stimme hat an allgemeiner Kraft, gestalterischem Intensivsein und verkultiviertem Schönklang nach und nach gewonnen. Wer sie letztes Jahr als Gräfin in LE NOZZE DI FIGARO (Salzburger Festspiele) gesehen und gehört hatte, kam aus dem Staunen nicht mehr raus; was ist in derart kurzer Zeit aus Dorothea Röschmann so geworden?!

Ja, sie ist z u gut, z u reif, z u außerordentlich - dass sie ins Bach-Fach einfach nicht mehr passt. Warum?

Es sind die Lautstärke, das Tremolo, der Gestus: alles mindestens ein Deut zu viel (für Bach's Kantaten). Man muss sich bei ihr, unangemessen, auf den Auftritt einer Operndiva ein- und umstellen. Es ist als würde Renée Fleming in die für sie umständlichen Niederungen des Barocks herabsteigen, weil sie diese mit sich veredelt & vitalisiert vermeint...

Röschmann ist selbstverständlich eine Ausnahme; daher auch hinkt der obige Vergleich; ihr (Röschmann) kauft man ja die vollbewusste geistige Durchdringung dessen ab, was und worüber sie zu singen (zu gestalten) trachtet. Also daher kein Problem - es ist "nur", wie gesagt, die stimmliche und auch Persönlichkeitsentwicklung dieser Sopranistin, die ihr jetzt zur Falle für das Bach-Fach wird.

Ihr Abend machte eines klipp und klar: Sie steht, vermute ich, vor einem generellen Rollen-Wechsel. Und ich hör sie schon als Kundry!


Andre Sokolowski - red / 9. Mai 2007
ID 3194
9. Mai 2007, Philharmonie Berlin

Johann Sebastian Bach (1685-1750):

"Ich will den Kreuzstab gerne tragen" BWV 56
Thomas Quasthoff, Bariton

"Mein Herz schwimmt im Blut" BWV 199
Dorothea Röschmann, Sopran

"Ich habe genug" BWV 82
Thomas Quasthoff

"Ich geh und suche mit Verlangen" BWV 49
Dorothea Röschmann & Thomas Quasthoff

Berliner Barock Solisten
Rainer Kussmaul, Violine und Leitung

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-philharmoniker.de





 
MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ANTHOLOGIE

BAYREUTHER FESTSPIELE

CASTORFOPERN

CD / DVD

INTERVIEWS

KRITIKEN

NEUE MUSIK

MUSIKFEST BERLIN

PORTRÄTS

PROMOTION

ROSINENPICKEN
Glossen zu Theater & Musik von Andre Sokolowski




Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2016 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de