Die nackte Brutalität
des Krieges
OTELLO von Verdi - an der Oper Bonn
|
Bewertung:
Eigentlich müsste Giuseppe Verdis vorletzte Oper (in der aktuellen Inszenierung von Leo Muscato am Theater Bonn) nicht Otello, sondern Desdemona heißen: Der Regisseur rückt sie entschieden an die Seite ihres Mannes. Sie ist hier keine Ehefrau im weißen Brautkleid, die ihr Schicksal erwartet – zumindest nicht nur. Inszenatorisch ist das gar nicht spektakulär, aber im Detail und vor allem in der Personenregie sehr gut gearbeitet. Von der ersten Szene an ist Desdemona präsent als Kriegsfotografin, dokumentiert die Heimkehr der Soldatinnen und Soldaten, hat ihr eigenes Fotolabor. Für Otello ist sie eine zuverlässige Stütze, für den machthungrigen und übergangenen Jago ein Dorn im Auge. Und so setzt er sein perfides Spiel um, ihre eine Affäre anzudichten...
Auf der Bühne ist derweil alles braun in unterschiedlichen Schattierungen, der Putz blättert pittoresk, auch zu einheitlichen Uniformen hat es nicht gereicht (Bühne: Federica Parolini, Kostüme: Silvia Aymonino). Nur Otello trägt schwarz, möglicherweise eine Reminiszenz daran, dass Shakespeares Vorlage im Untertitel „The Moor of Venice“ heißt. Ansonsten funktioniert die Geschichte auch ganz wunderbar ohne diese Zuschreibungen. Rasend wie Otellos Eifersucht kulminieren die Ereignisse bis hin zu einem scheinbar ausweglosen Ende. Das Bühnenbild unterstützt dabei, indem sich immer wieder einzelne Räume gewissermaßen in das Einheitsbühnenbild schieben lassen und so schnelle Szenenwechsel ermöglichen.
Auch musikalisch ist Otello unheimlich dicht, es bleibt kaum Pause zum Verschnaufen. Dirk Kaftan dirigiert mit Zug zum großen Ganzen und sorgt mit den hervorragenden Musikerinnen und Musikern des Beethoven Orchesters Bonn für einen musikalischen Spannungsbogen der Extraklasse. Merkwürdig mutet da lediglich der Umbau zum vierten Akt an, in dem tatsächlich einige Minuten lang nichts passiert. Dann allerdings geht es noch einmal richtig zur Sache, aber wie schon den ganzen Abend über nicht mit Karacho, sondern mit filigran austariertem Klang, mit einem präzise einstudierten Chor (das schließt den Extra- sowie den Kinder- und Jugendchor mit ein) und mit hochgradig präsenten Solistinnen und Solisten – und das sowohl szenisch als musikalisch.
Aaron Cawley überzeugt mit tenoraler Durchschlagskraft, beherrscht aber auch die leisen Töne. Kathryn Henry gibt ihrer Figur Mitgefühl mit dem Schicksal der anderen und mit ihrem Mann. Beklemmend gerät der vierte Akt, wenn Desdemona auf Otello und damit – unausgesprochen, aber doch deutlich – auf ihren Tod wartet. Wie ein Damoklesschwert schwebt der Tod über ihr, sie ahnt es, eigentlich ahnen es alle – aber niemand greift ein. Ein Verhalten, das sich beinahe schmerzhaft schon zum Ende des dritten Aktes zeigt, als Otello vor den Augen aller aus der Rolle fällt und Desdemona demütigt. „Kein Ehedrama – ein Femizid“ schreibt das Programmheft dazu. Diese Lesart ist beklemmend umgesetzt und verleiht dem bekannten Stück eine neue, aktuelle Note, ohne zwanghaft zu aktualisieren.
Dalibor Jenis gibt einen entschlossenen, finsteren Jago, Kai Kluges Cassio ist impulsiv und naiv, eine gefährliche Mischung, Susanne Blattert ist als Emilia die tragische Figur, bringt sie doch Desdemonas Halstuch ins Spiel und damit das scheinbar eindeutige Indiz für deren Untreue. Nahtlos reihen sich auch die anderen Solistinnen und Solisten in exzellente Gesamtleistung ein: Tae Hwan Yun als Roderigo, Martin Tzonev als Lodovico, Christopher Jähnig als Montano und Seogjun Jang als Herold.
*
Dieser Bonner Otello ist ein Glücksfall - unaufdringlich und dennoch überzeugend in der Inszenierung, unübertroffen im Klang und in der Darstellung. Stimmig nicht zuletzt deshalb, weil der Eindruck entsteht, jede und jeder Einzelne weiß genau, was zu tun ist. Zwei Termine stehen in dieser Spielzeit noch auf dem Programm. Es lohnt sich, Fußball kann man im Anschluss immer noch schauen.
|
Otello an der Oper Bonn, 2026 | Foto (C) Bettina Stöß
|
Karoline Bendig - 24. Juni 2026 ID 15919
Verdis OTELLO (Oper Bonn, 18.06.2026)
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Regie: Leo Muscato
Bühne: Federica Parolini
Kostüme: Silvia Aymonino
Licht: Max Karbe
Choreinstudierung: André Kellinghaus
Einstudierung Kinder- und Jugendchor: Ekaterina Klewitz
Mit: Aaron Cawley (Otello), Kathryn Henry (Desdemona), Dalibor Janis (Jago), Kai Kluge (Cassio), Tae Hwa Yun (Roderigo), Susanne Blattert (Emilia), Martin Tzonev (Lodovico), Christopher Jähnig (Montano) und Seogjun Jang (Herold)
Kinder- und Jugendchor des Theater Bonn
Chor und Extrachor des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Premiere war am 22. März 2026.
Weitere Termine: 28.06./ 03.07.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de
Post an Karoline Bendig
Premieren Musiktheater
Premieren Sprechtheater
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
BAYREUTHER FESTSPIELE
CD / DVD
KONZERTKRITIKEN
LEUTE
MUSIKFEST BERLIN
NEUE MUSIK
PREMIERENKRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|