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Katja Kabanowa an der Deutschen Oper am Rhein | Foto (C) Monika Rittershaus

Bewertung:    



Erniedrigung und Lieblosigkeit bestimmen das Leben von Katja Kabanova. Und zugleich treibt sie eine Sehnsucht um nach Liebe, Anerkennung, Zuneigung und ja – auch körperlicher Nähe. Nach Unbeschwertheit, Kindlichkeit, Sich-Fallen-Lassen. Das alles verkörpert Sylvia Hamvasi aufs Trefflichste in Tatjana Gürbacas Inszenierung von Janaceks gleichnamiger Oper. Mit ihrer Darstellung steht und fällt der Abend in Düsseldorf. Ihr gelingt es, alle Facetten der Figur Katja einzufangen: geduckt, kämpferisch, verträumt, verliebt. Auch das Kostüm spielt hier eine Rolle: Das enge Etuikleid in gedeckten Tönen, das sie trägt, als sie mit Mann und Schwiegermutter in der Kirche war, zieht sie bei erster Gelegenheit als Akt der Befreiung aus und greift zu Tüllkleidern, zusammen mit ihrer Schwägerin Varvara (Kostüme Barbara Drosihn).

Henrik Ahr (Bühne) hat der Regisseurin einen hölzernen Guckkasten gebaut. Der Raum wird nach hinten kleiner, links, rechts und ganz hinten gibt es Auslassungen, die wie Fenster wirken, aber auch als Projektionsflächen dienen. Diese Raumlösung bietet schöne Möglichkeiten, so kann beispielsweise das Spiel auf den vorderen Teil begrenzt werden, oder Figuren sind im hinteren Teil der Bühne zunächst im Freeze zu sehen, bevor sie ins Spiel eingreifen. Und immer wieder wird das Wellenspiel der Wolga projiziert, gewissermaßen als Konstante und Sehnsuchtsort.

Die bedrückende Atmosphäre, die Katjas Alltag prägt, ist bestimmt durch ihre Schwiegermutter Kabanicha (Karin Lovelius), die eifersüchtig über ihren Sohn wacht, ihn wegschickt und zugleich den Bewegungsraum ihrer Schwiegertochter auf ein Minimum einzuengen versucht. Ihr Sohn Tichon (Riccardo Romeo) kann sich dem zu keiner Zeit entziehen, geschweige denn dem etwas entgegensetzen. Romeo nutzt seine wenigen Auftritte, um klarzumachen, dass auch seine Figur nicht zu beneiden ist und unter den äußeren Zwängen und Erwartungen leidet. Szenisch etwas blass bleibt notgedrungen Karin Lovelius als Kabanicha, die für die erkrankte Rosie Aldridge eingesprungen ist. Angeschlagen auch Kimberley Boettger-Soller (Tichons Schwester Varvara), was allerdings kaum zu hören und nicht zu sehen war. Überzeugend ihre Darstellung als lebenslustiger Gegenpol zu ihrer Schwägerin, aber auch als diejenige, die Katja mit ins Verderben zieht. Sie entflieht am Ende der bedrückenden Atmosphäre und geht nach Moskau, ohne Wanja (David Fischer), den Mann ihrer Träume. Und auch Boris Grigorjewitsch (Jussi Myllys), Katjas etwas unverhoffter Liebhaber (eine Anziehung zwischen ihnen wird vor dem ersten Treffen nicht angedeutet) ist in seinen Zwängen verhaftet. Er gibt Katja Ruhe und Geborgenheit – die erste Begegnung zwischen beiden ist von einer Zärtlichkeit und Unbeholfenheit geprägt, die Myllys und Hamvasi sehr schön ausspielen –, ist aber nicht derjenige, der sie retten kann.

Wie sehr alle in ihren Rollen verhaftet sind, zeigt die Inszenierung, wenn Katja Abschied von der Welt nimmt. Wanja, der Lehrer, und sein Freund Kuligin (Roman Hoza) beugen sich über Buch und Partitur und nehmen nicht wahr, das sich Katjas Schicksal vor ihren Augen entscheidet. Kabanicha prüft ihr Äußeres in einem Spiegel, und Tichon lässt sich die Schuhe putzen und richtet seine Krawatte – immer und immer wieder. Abgerundet wird das Ganze durch die gut choreographierten Auftritte der Statisterie – etwa beim Gewitter, vor dem alle Schutz suchen – und durch das Personal der Familie Kabanova: Beobachtende, Wissende, aber auch sie können nicht eingreifen (Alexandra Urquiola als Glascha und Kim Holtappels als Fekluscha). Nur Boris’ Onkel fällt aus dem Rahmen: Sawjol Prokofjewitsch Dikoj (Sami Luttinen) ist ein ungehobelter Trunkenbold, der tut, was ihm gefällt, aber offenbar Qualitäten hat, die auch die harte Kanabicha für ihn einnehmen.

*

Zu der szenischen Dichte und Konzentration in Gürbacas Inszenierung kommt eine überzeugende musikalische Leistung, die Werbung für Janaceks Musik macht. Axel Kober lotet mit den Düsseldorfer Symphonikern jede Nuance der Musik aus, ohne zu versäumen die großen Bögen klingen zu lassen. Auch die Sängerinnen und Sänger glänzen durchweg. Was nur hält das Publikum von dieser Oper ab? Die Musik kann es nicht sein. Manche Vorlieben und Abneigungen im Opernrepertoire bleiben rätselhaft.

Am Ende hat sich Katja Boris’ Jacke übergezogen, geht aber nicht mit ihm weg, sondern wählt den Weg in die Wolga. Die Erschütterung ist von kurzer Dauer, dann hat der Alltag alle wieder im Griff. War da was? Begeisterter Applaus für einen Abend, der nachhaltig Eindruck macht und bewegt.



Katja Kabanowa an der Deutschen Oper am Rhein | Foto (C) Monika Rittershaus

Karoline Bendig - 10. Februar 2026
ID 15689
KATJA KABANOVA (Opernhaus Düsseldorf, 08.02.2026)
Musikalische Leitung: Axel Kober
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Bühne: Henrik Ahr
Kostüme: Barbara Drosihn
Licht: Stefan Bolliger
Dramaturgie: Bettina Auer
Spielleitung: Nils Braun
Besetzung:
Katja Kabanova: ... Sylvia Hamvasi
Marfa Ignatjewna Kabanova ... Karin Lovelius
Tichon Iwanytsch Kabanov ... Riccardo Romeo
Varvara ... Kimberley Boettger-Soller
Sawjol Prokofjewitsch Dikoj ... Sami Luttinen
Boris Grigorjewitsch Dikoj ... Jussi Myllys
Wanja Kudrjasch ... David Fischer
Kuligin ... Roman Hoza
Glascha ... Alexandra Urquiola
Fekluscha ... Kim Holtappels
Düsseldorfer Symphoniker
Premiere an der Deutschen Oper am Rhein: 5. März 2022
Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Genève


Weitere Infos siehe auch: https://www.operamrhein.de


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