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Musical

Ein Leichenschmaus

auf Ehrenbreitstein



Raphaela Crossey als Mrs. Nellie Lovett und Marcel Hoffmann als Büttel Bamford in Sweeney Todd, The Demon Barber of Fleet Street am Theater Koblenz | Foto © Matthias Baus

Bewertung:    



Rachegedanken werden unter der Abendsonne laut. Über dem Rhein sorgen scharfe Klingen für ein Blutbad. Haarscharfe Kehlenschnitte künden von der letzten Rasur. Sonderbare menschliche Pasteten erzählen von Gier und Fleischeslust. Doch einige Totgeglaubte leben bekanntlich länge…

Stephen Sondheims Musical-Thriller Sweeney Todd wurde am THEATER KOBLENZ düster, präzise und pointiert neu inszeniert. Das Regieteam um Markus Dietze & Marie-Theres Schmidt verlegt das mörderische Treiben des rachsüchtigen Barbiers aus dem viktorianischen London in ein dystopisches „Atompunk“-Setting der 1950er- und 60er-Jahre. Aufgeführt als atmosphärisches Open-Air-Spektakel im Retirierten Graben der historischen Festung Ehrenbreitstein entfaltet das Stück eine Mischung aus morbidem Humor, Thrill und gesellschaftskritischer Tragik.

Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie sitzt nicht im klassischen Graben, sondern ist für das Publikum unsichtbar hinter dem Bühnenbild platziert. Im Zentrum der Bühne steht der Pastetenladen von Mrs. Lovett. Dieser ist jedoch kein gemütlicher Bäckerladen, sondern stellt sich als verdrecktes, industrielles Geschäft dar. Statt düsterer Ruß-Ästhetik des 19. Jahrhunderts dominiert eine kalte Szenerie, die an das Atomzeitalter und eine Mischung aus Bunkerlandschaft und einer verlassenen Industriebrache erinnert. Neonfarben, blecherne Kulissen und stilisierte Silhouetten sorgen für eine beklemmende Bildsprache. Die historischen Mauern des Festungsgrabens umschließen dass dystopische Set und verstärken den Eindruck einer bedrohlichen Enge.

Es gibt wenig Zierrat auf der eher kargen, in Grautönen gehaltenen Bühne. Die Kostüme der ärmeren Bevölkerungsschicht und der Hauptfigur wirken funktional, abgenutzt und farblich gedämpft. Stark stilisiertes Kunstblut kommt zum Einsatz. Trotzdem wird die mörderische Eigendynamik aus Rasieren, Blutvergießen und Fleischpasteten-Produktion nicht als plakativer Splatter-Kitsch dargeboten. Hinter dem Makabren bleibt die Tragik einer durch Ungerechtigkeit zerstörten Existenz spürbar.

Eine sich aufbauende Musik lässt rhythmisch vertrackte Motive der Sondheim-Partitur erstarken.

Unter der Leitung des Dirigenten Sejoon Park arbeitet das Orchester scharfkantige Harmonien und lyrischen Balladen facettenreich heraus. Der von Lorenz Höß einstudierte Opernchor kommentiert stimmgewaltig und treffsicher das Grauen. Das Figurenpersonal erscheint beliebig, die potentiellen Leichen austauschbar. Nico Wouterse verleiht dem rachsüchtigen Barbier Sweeney Todd mit enormer stimmlicher Autorität eine beängstigend intensive Bühnenpräsenz. Man spürt die Enge und Ausweglosigkeit, die für ihn stets neue Abhängigkeiten schafft. Als manischer Mörder agiert er mal verzagt und resigniert, dann wieder mit kerniger Wucht erstarkend.

Raphaela Crossey balanciert als groteske, geschäftstüchtige Pastetenbäckerin Mrs. Lovett mit famosem Cockney-Akzent und stimmlicher Flexibilität auf einem Grat zwischen Humor und Skrupellosigkeit. Eingezwängt in ihrer Rolle übt sie betuliche Akte der Fürsorge an ihren Nächsten. Adrian Becker glänzt als sadistischer, moralisch verkommener Gegenspieler Richter Turpin. Marcel Hoffmann mimt den Büttel Bamford als rechte Hand und Handlanger des korrupten Richters Turpin schmierig und opportunistisch mit schmeichlerischen, fast klerikalen Gesängen. Schnelle Wortgefechte wechseln Schlag auf Schlag.

Nando Zickgraf und Claire Austin verkörpern inmitten der moralischen Verderbtheit das hoffnungsvolle Liebespaar Anthony und Johanna. Tenor Junho Lee meistert die anspruchsvollen, rasanten Passagen des extravaganten, kapriziösen und exzentrischen Hochstaplers Barbiers Adolfo Pirelli. Als einer der ersten Widersacher von Sweeney Todd wird seine Figur zügig zum Opfer des mörderischen Barbiers und endet plangemäß als Pastetenfüllung. Leon Jung gefällt als naiver, leichtgläubiger Gehilfe Pirellis, der später traumatisierter Zeuge des mörderischen Treibens im Pastetenladen wird. Mit der rührend aufrichtigen Ballade „Not While I'm Around“ verspricht er Mrs. Lovett seine bedingungslose Beschützerrolle und liefert einen der emotionalen Höhepunkte des Abends. Katja Ladentin sprang schließlich szenisch für die verletzte Cynthia Grose ein, während diese die Partie aus dem Off sang.

Nach dem gleichnamigen Stück von Christopher Bond wird ein Höllensturz und -schlund der Unterwelt geisterhaft voller Leerstellen und Täuschungsgeschichten präsent. Tiefliegende Fragmente von Zärtlichkeit möchten dem Publikum gegen Ende doch noch Moral mitgeben.



Sweeney Todd, The Demon Barber of Fleet Street am Theater Koblenz | Foto © Matthias Baus

Ansgar Skoda - 10. Juli 2026
ID 15942
SWEENEY TODD, THE DEMON BARBER OF FLEET STREET (Festung Ehrenbreitstein, 05.07.2026)
Musikalische Leitung: Sejoon Park
Inszenierung: Markus Dietze und Marie-Theres Schmidt
Choreografie: Steffen Fuchs
Bühne und Kostüme: Christian Binz
Dramaturgische Mitarbeit: Dr. Patrick Mertens
Licht: Julia Kaindl
Choreinstudierung: Lorenz Höß
Mit: Nico Wouterse (Sweeney Todd/Benjamin Barker), Raphaela Crossey (Mrs. Nellie Lovett), Nando Zickgraf (Anthony Hope), Claire Austin (Johanna Barker), Leon Jung (Tobias Ragg), Adrian Becker (Richter Turpin), Marcel Hoffmann (Büttel Bamford), Cynthia Grose (Bettlerin, singend), Katja Ladentin (Bettlerin, spielend), Junho Lee (Adolfo Pirelli) und Michael Hamlett (Mr. Fogg) sowie Tanja Linnekogel, Dietmar Bertram und Sophia Walther (Puppenspieler:innen)
Opernchor
Statisterie
Staatsorchester Rheinische Philharmonie
Premiere am Theater Koblenz: 4. Juli 2026
Weitere Termine (auf der Festung Ehrenbreitstein): 11., 12.07.2026


Weitere Infos siehe auch: https://theater-koblenz.de


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