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Wiederaufnahme

Opernstars in

ländlicher

Idylle



Parsifal bei den Tiroler Festspielen Er| Foto (C) Xiomara Bender

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Sein „Lebens-Abschiedswerk“ nannte Richard Wagner den Parsifal. Eigens komponiert für das Festspielhaus in Bayreuth, das ihm König Ludwig II. bauen ließ. Nur dort durfte es aufgeführt werden, nur so wie Wagner es interpretierte. Dies trug sicher auch zur Mythisierung als religiös-kultische Veranstaltung bei. Ehrfürchtig pilgerten die Menschen auf den „Grünen Hügel“, um dieses Werk zu erleben.

Während Wagner die Erhöhung und die Erlösung des Menschen durch die Kunst aufzeigen wollte, nutzen die Nazis schon vor 1933 den Parsifal, um ihre verachtende Ideologie zu propagieren.

Wieland und Wolfgang Wagner, den Enkeln von Richard Wagner, war es klar, dass es nach dem Krieg eine völlige Neuausrichtung in Bayreuth geben musste. Dies gelang und nicht nur dort. Neben dem Ring der Nibelungen, Tristan und Isolde und dem Fliegenden Holländer gehört er zu den meistgespielten Werken Wagners. Obwohl es im Juli 1882 uraufgeführt wurde, bürgerte sich eine Aufführungspraxis zur Osterzeit ein. Auch wenn kaum ein Besucher noch eine weltanschauliche Orientierung sucht, sondern ein ganz besonderes Kunsterlebnis.

*

So, jetzt kommen wir zu Erl:

Der Parsifal läutet den Beginn der diesjährigen Ostersaison der TIROLER FESTSPIELE ERL ein. Das Festspielhaus mit seiner schwarzen Fassade bildet einen Kontrast zu dem benachbarten weißen, hochaufragenden Passionshaus. Gleich zwei so große Stätten in dem kleinen Dorf zu bespielen, das erfordert schon Mut. Die Einwohner von Erl hätten jedenfalls in zwei Aufführungen im Festspielhaus komplett Platz gefunden. Da muss das Publikum schon von weiter herkommen, und so ist es. Nachdem der weltberühmte Tenor Jonas Kaufmann die Leitung übernommen hatte, strömen die Besucher in das kleine Dorf in Tirol. Während Kaufmann im vergangenen Jahr den Parsifal noch selbst gesungen hat, konnte er diesmal auf die Bekanntheit der Festspiele vertrauen und eine Pause machen. Ausverkauft war die erste Vorstellung dennoch.

Die Inszenierung von Philipp M. Krenn ist eine Wiederaufnahme aus dem letzten Jahr; eine gute Entscheidung.

Der erste optische Eindruck ist schon gewaltig, wenn sich der Vorhang zu der 450 Quadratmeter großen Bühne öffnet: Meterhohe, harfenähnliche Stellwände (Bühne: Heike Vollmer). Während des Abends werden die Wände szenisch passend verschoben, so dass sich immer wieder neue Eindrücke ergeben. Dazu das Lichtdesign von Stefan Schlagbauer - sehr durchdacht und pointiert eingesetzt lässt es die einzelnen Handelnden leuchten und in Klingsors Zaubergarten die Wände psychedelisch bunt erstrahlen.

Als erstes steht Gurnemanz auf der Bühne, und es haut einen um. So platt darf man das in diesem Fall sagen. Was für ein Coup der Festspielleitung, dass sie René Pape (seit Jahrzehnten auf den Opernbühnen dieser Welt zu Hause) für diese Rolle gewinnen konnte. Bässe, auch wenn sie gut sind, können manchmal etwas eindimensional wirken. Hier kann man nur staunen, wie vielschichtig eine Bassstimme sein kann. Im Parsifal gibt es wenig Handlung, und die Protagonisten singen lange Strecken, wobei Gurnemanz das Geschehen oft zusammenfasst und erzählt, was schon alles passiert ist. Das erfordert nicht nur sehr viel Kraft, sondern auch die Fähigkeit die Spannung zu halten. Und das hat René Pape bis zum Schluss bravourös gemeistert.

Ebenfalls großartig Michael Nagy als Amfortas. Er ist der einzige aus der Sängerriege des vergangenen Jahres und hatte schon damals höchste Anerkennung bekommen. Er vereinbart hervorragenden sängerischen Ausdruck mit einer großen schauspielerischen Leistung. Fast die ganze Zeit über sitzt er im Rollstuhl. Die Wunde, die er von dem Speerstich Klingsors davongetragen hat, leuchtet rot aus seinem weißen Gewandumhang. Sein Schmerz, wenn sein Vater und die Gralsritter ihn bedrängen den „Heiligen Gral“ zu öffnen, sind fast körperlich spürbar.

Stimmlich wunderbar ist der amerikanische Tenor Jamez McCorkle in der Titelrolle. Schauspielerisch kann er sicher noch gewinnen.

Auch Falk Struckmann, der als Titurel kurzfristig eingesprungen ist, hat seine Sache sehr gut gemacht. Ebenso Ricarda Merbeth als Kundry. Warum man sie allerdings in einen grässlichen rosa Pullover mit überdimensionierten Rollkragen stecken musste, der sich schwer vollsaugte, als sie ins Wasser ging, bleibt ein Geheimnis der Kostümbildnerin Regine Standfuss. Ebenso das Kleid, das der hervorragende Audun Iversen als Klingsor trug. Sollte das seine selbst vorgenommene Entmannung symbolisieren? Das wäre doch zu schlicht.

Ansonsten waren die Kostüme in weiß-beige nämlich sehr gelungen und passten wunderbar zur schon gelobten Lichtführung.

Großen Applaus gab es auch für den Dirigenten Asher Fish und das Orchester der Tiroler Festspiele Erl. Fein setzte es die romantischen Töne um, während es kurz darauf auch aufbrausend intensiv spielen konnte.

Überhaupt die Akustik: Freistehende Wände aus Akazienholz ermöglichen ein Mitschwingen der Architektur, eine steil ansteigende Tribüne nutzt dem optimalen Klang - auch für den Festspielchor (Einstudierung: Olga Yanums). Selbst der zarteste Gesang war gut zu hören und zu spüren. Was für ein schöner Ausklang, als zu „Erlösung dem Erlöser“ der Chor sich seiner antik anmutenden Gewänder entledigt, in Alltagskleidung durch die Zuschauerreihen schritt. Und was für eine gute Idee, die Musiker mit dem Dirigenten zum Schluss aus dem Orchestergraben auf Parkettebene auffahren zu lassen. Das könnte natürlich religiös interpretiert werden. Mir würde aber die Idee mehr gefallen, dass jetzt alle - philosophisch betrachtet - gleich sind; würde zu Wagner passen, der in seiner Jugend ein Revolutionär war. Wenn er von oben runterschaut, könnte er es mögen.



Parsifal mit Ricarda Merbeth (als Kundry) und Jamez McCorkle (in der Titelrolle) - bei den
Tiroler Festspielen Er| Foto (C) Xiomara Bender


* *

Wagner hatte sich damals übrigens das etwas abgelegene Bayreuth für sein Festspielhaus ausgesucht. Hier hoffte er, würde es weder „Zerstreuung suchende Großstädter noch die faulenzenden Badegäste“ geben. Zum Baden ist es an Ostern eindeutig zu kalt. Und Großstädter dürfen gerne kommen! Zu diesem herrlichen Musikerlebnis in den Tiroler Bergen.
Isabella Schmid - 4. April 2026
ID 15788
PARSIFAL (Festspielhaus Erl, 02.04.2026)
Musikalischer Leiter: Asher Fisch
Regie: Philipp M. Krenn
Bühnenbild: Heike Vollmer
Kostüme: Regine Standfuss
Licht: Stefan Schlagbauer
Video: Thomas Achitz
Besetzung:
Amfortas ... Michael Nagy
Titurel ... Falk Struckmann
Gurnemanz ... René Pape
Parsifal ... Jamez McCorkle
Klingsor ... Audun Iversen
Kundry ... Ricarda Merbeth
u.a.
Orchester und Chor der Tiroler Festspiele Erl
Premiere war am 17. April 2025.
Weiterer Termin: 05.04.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.tiroler-festspiele.at


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