Psychothriller als Hörgenuss
Benjamin Brittens THE TURN OF THE SCREW an der Norske Opera, Oslo
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Bewertung:
Schon als Magnus Staveland als Erzähler im Prolog den ersten Ton anstimmt, ist man erschüttert vom unglaublichen Klang im großartigen Neuen Opernhaus von Oslo. Das einem treibenden Eisberg nachempfundene Gebäude gilt als größtes norwegisches Kulturprojekt der Nachkriegszeit. Nicht nur die Außenfassade aus italienischen Carrara- Marmor und das begehbare Dach versetzen Besucher und Besucherinnen in Verzückung. Auch das Innenleben ist spektakulär. Der Große Saal gleicht in Form, Größe und Struktur dem der Semperoper in Dresden. Das war eine Auflage des Bauherrn. Der hufeisenförmige Saal bietet erstklassige Akustik. Die Zuschauerränge aus tief dunkel geölter Eiche sind nicht nur ein ästhetischer Genuss, sondern tragen zum klaren Klang bei. Der mit 8.500 Leuchtdioden ausgestattete Kronleuchter, der die hohe Decke zum Glitzern bringt, dient auch als akustischer Reflektor.
Aber zurück zur Aufführung: Benjamin Brittens The Turn oft he Screw (nach der 1898 erschienenen gleichnamigen Novelle von Henry James) wird auch als Geisteroper beschrieben. Das ist sie hier absolut nicht. Es handelt sich um ein psychologisches Meisterstück, das die Spannung bis zum Schluss hält.
Ein englischer Gentleman stellt eine junge Gouvernante für zwei Kinder ein, für die er die Vormundschaft hat. Persönlich will er mit ihnen nichts zu tun haben. Sie leben abgeschieden auf einem Landgut, umsorgt von einer Haushälterin (hervorragend: Christine Rice). Diese soll nun erzieherische Unterstützung bekommen. Die junge Frau (großartig: Johanna Wallroth) nimmt sich dieser Aufgabe mit Leidenschaft an.
Bald muss sie feststellen, dass die Kinder, die ihr so ans Herz gewachsen sind, von zwei Geistern bedrängt werden. Es handelt sich um die ehemalige Gouvernante Miss Jessel (Eli Kristin Hanssveen) und den Hausarbeiter Peter Quint (Magnus Staveland), der die Gouvernante zu seiner Geliebten gemacht und schrecklich gequält hat. Aus Verzweiflung hat sie sich umgebracht und möchte jetzt als Tote wieder etwas für ihr verwundetes Herz, nämlich das Mädchen Flora (Camilla Øfsthus).
Noch schlimmer die Geschichte von Peter Quint, der, ebenfalls gestorben, den Jungen Miles (Mikkel Bosrup) zurückhaben will. Dass er das Kind sexuell missbraucht hat, wird nur angedeutet, nie ausgesprochen, und dennoch ist der Schrecken und die Angst jedes Mal gegenwärtig, wenn Quint wieder auftaucht und versucht Miles mit sich zu nehmen. Die Kinder sind hin und her gerissen zwischen Faszination und Angst. Beeindruckend die beiden jugendlichen Darsteller - jeden Ton treffend, entfalten ihre zarten Stimmen einen besonderen Schauer.
Glücklicherweise hat sich der Bühnenbildner (Etienne Pluss) nicht zu einem alten spukhaften Landhaus hinreißen lassen. Den Gesamtrahmen bildet ein riesiger Guckkasten, der aufglüht und so das Geschehen strukturiert. Die übrige Ausstattung schlicht, sie lässt die Sänger und Sängerinnen auch als Darstellende leuchten.
Die Gouvernante, die „ihre“ Kinder beschützen will, wird oft als Wahnsinnige dargestellt, die in ihren eigenen Ängsten gefangen ist. Hier geht es sehr stark auch um das Grauen, das die Kinder erlebt haben. Auch wenn es keine Geister gibt, die Gespenster der Erinnerung sind real.
Wie auch in seinen anderen Werken geht es bei Britten um Homosexualität. Er selbst lebte mit dem Tenor Peter Pears zusammen, 35 Jahre lang. Als er The Turn oft the Screw komponierte, waren homosexuelle Beziehungen in Großbritannien noch verboten. Da er sich aber nicht öffentlich dazu bekannte, wurde darüber hinweggesehen und Britten mit vielen Orden ausgezeichnet.
Auch seine nicht ungefährliche Faszination für Kinder zeigt er hier ebenso wie in seiner Oper Tod in Venedig.
Das Publikum hat mitgefiebert, ob die Gouvernante Miles retten kann. Es geht tragisch aus.
Für norwegische Verhältnisse gab es einen gewaltigen Beifallssturm. Einfach großartig!
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Bildquelle: Den Norske Opera & Ballett
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Isabella Schmid – 3. Februar 2026 ID 15679
THE TURN OF THE SCREW (Neues Opernhaus in Oslo, 30.01.2026)
von Benjamin Britten
Musikalische Leitung: Antonio Mendez
Regie: Peer Perez Øian
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Bianca Deigner
Licht: Martin Flack
Choreografie: Magnus Myhr
Besetzung:
Prolog/ Peter Quint ... Magnus Staveland
Gouvernante ... Johanna Wallroth
Miles ... Mikkel Bosrup
Flora ... Camilla Øfsthus
Mrs. Grose ... Christine Rice
Miss Jessel ... Eli Kristin Hanssveen
Operaorkestret
Premiere an der Norske Opera: 17. Januar 2026
Weitere Termine: 03., 08.02.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.operaen.no
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