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Neue Musik

Im Spiegel

zwischen

den Stimmen

MALINA, Oper von
Karola Obermüller
& Peter Gilbert


Valer Sabadus in der Titelrolle des Malina am Theater Aachen | Foto © Annemone Taake

Bewertung:    



Beklemmende Realität und andeutungsreiche Konstruktion überlagern sich. Surreale, atmosphärische Traumwelten geraten außer Kontrolle. Eine Ich-Erzählerin ringt um ihr Selbstbild, während sie sich an Gewalterfahrungen und zerstörte Illusionen erinnert. Innen- und Außenwelt greifen ineinander, und ein Spiel aus Nähe und Distanz mit zwei männlichen Partnern beginnt.

Pia Dederichs' düster erscheinendes Bühnenbild wird durch drei meterhohe Spiegel dominiert. Licht- und Feuereffekte an der Rückwand brechen und verdoppeln sich in den großen, präsenten Spiegeln. Es fließt auf der Bühne literweise Kunstblut, mit dem die Ich-Erzählerin sich wiederholt tastend konfrontiert sieht.

Larissa Akbari verkörpert die zentrale, namenlose Erzählerin nicht theatralisch überhöht als rastlos schreibende Diva mit mondäner Erscheinung, wie einst Isabelle Huppert in Werner Schroeters preisgekrönter gleichnamiger Verfilmung von 1991. Sie zeichnet die Protagonistin eher emotional-empfindsam, nahbar-bodenständig und sensibel-präsent. Nur leise werden widersprüchliche, destruktive und selbstverletzende Eigenschaften angedeutet. Die männlichen Widerparts sind attraktive Blickfänge, was zunächst glaubhaft macht, warum die Hauptfigur sich zu ihnen hingezogen fühlt und sogar geneigt scheint, sich ihren Forderungen unterzuordnen. Auf eine körperlich-sinnliche Verbindung wird in Videoprojektionen Ivans mit freiem Oberkörper angespielt.

Der kanadische Bariton Micah Schroeder legt den Liebhaber Ivan als herrisch, kalt und egozentrisch an. Er spielt seine Figur körperlich dominant, laut und distanziert. Er blickt die namenlose Partnerin nicht an, wenn er sie anspricht, sondern stiert ins Publikum. Valer Barna-Sabadus mimt das vermeintlich verständnisvolle und sanfte männliche Alter Ego Malina (ein Anagramm von „Animal“). Der rumänische Countertenor singt mitunter auch aus den Rängen mitten im Publikum, wenn er die Ich-Erzählerin rational mit leerem Blick adressiert und ihr Fragen stellt. Bereits zu Beginn lässt er das Vereinigungsmotiv mit dem weiblichen Ich anklingen, wenn sie gemeinsam „Jaz in ti“ („Ich und du“ auf Slowenisch) singen.

Ingeborg Bachmann selbst schrieb für zwei Opern des Komponisten Hans Werner Henze das Libretto und arbeitete auch in ihrem Roman musikalische Motive und sogar Musiknoten ein. Anlässlich ihres 100. Geburtstags erschienen nicht nur neue Biografien über die 1973 verstorbene Schriftstellerin. Bachmanns einziger vollendeter Roman aus ihrem Todesarten-Zyklus wurde am Theater Aachen von der Librettistin Tina Hartmann und dem Komponistenduo Karola Obermüller & Peter Gilbert in eine Opernfassung überführt. Während der Aufführung wechseln permanent Gesang und Sprechpassagen.

Bachmanns sprachliche Musikalität findet insbesondere in den Wiederholungen zentraler Motive Eingang. Während der Aufführung werden unter anderem Zeilen aus "Eine blasse Wäscherin" (Arnold Schönbergs Pierrot lunaire) zitiert. Obermüller & Gilbert verweisen jedoch auch auf das Oeuvre der amerikanischen Komponistin Ruth Crawford Seeger und setzen sparsam Elektronik ein. Die vorab aufgezeichneten Vokalpassagen mit dem Opernchor Aachen werden live eingespielt. Chanmin Chung dirigiert das Sinfonieorchester Aachen in Kammerbesetzung.

Die Musik treibt den Abend mit rhythmisch markant gesetztem Schlagwerk und einer lautmalerischen, mitunter illustrativen, meist suggestiven Klangsprache an. Fragil und spröde oszillieren und flimmern die Silben, wenn das Ich einen Terror totgesagter Träume und eine Leidenschaft, die Leiden schafft, begreift.

Regisseurin Franziska Angerer und Dramaturgin Isabelle Becker überführen die literarische Vorlage in ein eindringliches Kammerspiel mit hypnotischen Bildern. Die Ich-Erzählerin bemüht sich sichtlich um Ivans eher abweisende Kinder Béla (Melissa Zingsem) und András (Bela Scheuritzel). Auf einer Traumebene lassen auch die Prinzessin von Kagran (Jelena Rakić mit lyrischer Beweglichkeit) und der dunkle Prinz (Bela Scheuritzel) mit hellen, fein balancierten Tönen aufhorchen.

Das Ich verschwindet in Aachen letztlich nicht, wie im Buch, in einem Spalt in der Wand. Die russische Sopranistin Akbari kriecht am Ende in die Hülle einer kopflosen Pferdestatue – womöglich, um als Kentaurin wiedergeboren zu werden? Eventuell deutet sich hier ein Funke Hoffnung an, der den Ausweg aus einer in Trümmern liegenden Welt weist.

Die etwa 85-minütige, einfühlsame Inszenierung kondensiert den vielschichtigen Roman stark, bleibt szenisch mitunter abstrakt, verunsichert und hinterlässt einen teils ambivalenten Eindruck. Es werden lebhaft Gewalterfahrungen Revue passieren gelassen und wichtige Fragen gestellt: Wie lässt sich in einer Gesellschaft, die durch patriarchale Macht, die Verdrängung des Nationalsozialismus und sexuelle Übergriffe geprägt ist, eine gesunde Zukunft visualisieren – auch für gleichberechtigte Partnerschaften?



Larisa Akbari in der Rolle des Ichs und Micah Schroeder als Ivan in Malina - am Theater Aachen | Foto (C) Annemone Taake

Ansgar Skoda - 9. Juni 2026
ID 15897
MALINA (Theater Aachen, 06.06.2026)
Oper von Karola Obermüller und Peter Gilbert
Libretto: Tina Hartmann
nach dem Roman Malina von Ingeborg Bachmann

Musikalische Leitung: Chanmin Chung
Komposition: Peter Gilbert und Karola Obermüller
Regie: Franziska Angerer
Ausstattung: Pia Dederichs
Mitarbeit Regie: Elli Neubert
Mitarbeit Ausstattung: Davy van Gerven
Video: Fabio Stoll
Dramaturgie: Isabelle Becker
Choreinstudierung: Alexander Einarsson
Licht: Yannik Funken
Besetzung:
Libretto … Tina Hartmann
Malina … Valer Sabadus
Ich … Larisa Akbari
Ivan … Micah Schroeder
Prinzessin … Jelena Rakić
Prinz … Ángel Macías
Béla … Melissa Zingsem
András ... Bela Scheuritzel
Opernchor Aachen
Sinfonieorchester Aachen
UA bei den Schwetzinger SWR Festspielen: 24. April 2026
Weiterer Termin (in Aachen): 25.06.2026
Auftragswerk des Theaters Aachen

Weitere Infos siehe auch: https://www.theateraachen.de


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