Kantig-karg
BROKEBACK MOUNTAIN von Charles Wuorinens am Theater Erfurt
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Brokeback Mountain am Theater Erfurt | Foto (C) Lutz Edelhoff
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Bewertung:
Brokeback Mountain ist eine Kurzgeschichte der kanadisch-US-amerikanischen Autorin Annie Proulx (geb. 1935). Sie erschien erstmals 1997 im Magazin New Yorker. 2005 diente die Erzählung dem Regisseur Ang Lee als Vorlage für seinen mit drei Oscars prämierten Spielfilm. In den Hauptrollen der beiden schwulen Cowboys Ennis del Mar und Jack Twist waren Heath Ledger und Jake Gyllenhaal zu sehen. 2014 feierte die Opernfassung von Charles Wuorinens (1938-2020) mit einem Libretto von Annie Proulx in der Regie von Ivo von Howe im Teatro Real in Madrid ihre Uraufführung. Die Oper ist seitdem zweimal auch an deutschen Opernhäusern (Aachen: 2014, Gießen: 2022) aufgeführt worden. Ende März hatte nun eine Inszenierung von Jakob Peters-Messer am Theater Erfurt Premiere.
Die Geschichte von Annie Proulx schildert die über mehrere Jahre bestehende, heimliche Liebesbeziehung zwischen den beiden Cowboys Ennis Del Mar und Jack Twist, die sich 1963 als Saisonarbeiter beim Schafehüten auf dem fiktiven Berg Brokeback Mountain in Wyoming kennen- und lieben lernen. Da ihre Liebe gesellschaftlich nicht anerkannt ist und sie Ächtung und Repressionen fürchten, treffen sie sich, obwohl beide auch verheiratet sind, in Abständen immer wieder und leben in der freien Natur ihr Liebe aus. Natürlich nimmt diese Beziehung eine tragische Wendung. Ennis, der sich nie für ein gemeinsames Leben mit Jack entscheiden konnte, erfährt vom Tod seines Freundes und bereut bitter seine Entscheidung.
Die Grundzüge der Handlung haben Proulx und Wuorinen in ihrer Opernfassung beibehalten. Der Naturaspekt spielt bei Regisseur Jakob Peters-Messer eine große Rolle und zeigt sich schon im kargen Bühnenbild von Pascal Seibicke, der auch für die ländlich geprägten, in den 1960er verorteten Kostüme verantwortlich ist. Der Berg besteht hier aus terassenartig angelegten Bühnensegmenten, die rauf- und runtergefahren werden können. Es liegt Schnee, und ein schiefer Strommast ist im Vordergrund ständig sichtbar. Zwei Wurfzelte dienen den Cowboys als Unterschlumpf auf dem Berg. Später steht hier noch ein für Amerikas Westen typisches Motel-Billboard. Die einzelnen Bühnensegmente bergen unten sehr effizient die Familienbehausungen der beiden und einen Laden für Hochzeitskleider.
Rau ist zunächst auch die Musik, die schon in der Ouvertüre sehr bläserdominiert erscheint. Xylophon und Pauken komplettieren den düsteren Sound des Bergs. Arbeitgeber Aguirre (Yevhenii Dunduk) thront wie ein finsterer Gott mit dem Gewehr und dröhnendem Bass über der Szene. Frauen und Alkohol sind nicht erlaubt. Der redselige Jack (Michael Smallwood) muss oben bei den Schafen bleiben, während der eher wortkarge Ennis (Máté Sólyom-Nagy) unten für die kargen Mahlzeiten sorgt. Das zieht sich im Auf und Ab bis zu einer alkoholgeschwängerten Nacht, in der sich die beiden schließlich näherkommen. In diesen wenigen Szenen der Gemeinsamkeit heitert auch die basslastige Musik mit Streichern hörbar auf. Die Freiheit der beiden in der harten Natur steht hier gegen die Enge der Familienrealität, in der die Frauen der beiden mit ihren Träumen eine andere Lebensrealität bilden.
Diese scheinbar unauflöslichen Gegensätze verdeutlichen das Dilemma der beiden unglücklich Liebenden, die damit auch ihre vernachlässigten Partnerinnen ins Unglück stürzen. Jacks Frau Lureen (Marlene Gaßner) führt mit ihm den Shop für Farmausrüstung ihres Vaters (Alexander Hetman), der der unbefriedigten Frau nachts im Traum erscheint. Ennis‘ Frau Alma (Daniela Gerstenmeyer) drängt ihren Mann einen besser bezahlten Job in der Stadt anzunehmen. Beider Männer Ehen scheitern. Eine nicht abwendbare Tragödie, die durch den vermeintlichen Unfalltod Jacks ihren Höhepunkt findet. Wie ein antiker Chor zieht hier der Opernchor des Theater Erfurt als anklagendes Volk über die Bühne. Den homophoben Mord an Jack spielen sie mit angedeuteten Axtschlägen nach. Szenisch ist das zumeist sparsam gelöst. Stimmlich können vor allem die beiden Titelpartien und ihre Frauen überzeugen.
Im zweiten Akt nach der Pause nimmt das musikalisch recht kantig spielende Orchester unter der Leitung von Hermes Helfricht deutlich an Fahrt auf. Ennis‘ erfolglose Bemühungen bei Jacks Eltern (Jörg Rathmann und Katja Bildt), die Asche des toten Geliebten auf dem Berg verstreuen zu dürfen, münden in einem ergreifend emotionalen Solo von Máté Sólyom-Nagy. Mit seinem blutverschmierten Hemd von damals in der Hand, das er bei Jacks Sachen gefunden hat, bleibt er vom Chor ausgegrenzt deutlich außerhalb der Gesellschaft. Fast wie ein Oratorium endet dieser vorher eher kammerartige und unterkühlte Abend, der mit diesem verspäteten Ausbruch der Gefühle einen gemischten Eindruck hinterlässt.
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Brokeback Mountain am Theater Erfurt | Foto (C) Lutz Edelhoff
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Stefan Bock - 14. April 2026 ID 15802
BROKEBACK MOUNTAIN (Theater Erfurt, 10.04.2026)
Opera in zwei Akten von Charles Wuorinen
Musikalische Leitung: Hermes Helfricht
Inszenierung: Jakob Peters-Messer
Ausstattung: Pascal Seibicke
Licht: Thomas Spangenberg
Dramaturgie: Bartholomäus Pakulski
Choreinstudierung: Markus Baisch
Besetzung:
Ennis del Mar … Máté Sólyom-Nagy
Jack Twist … Michael Smallwood
Aguirre … Yevhenii Dunduk
Alma Beers … Daniela Gerstenmeyer
Mrs. Beers … Katja Bildt
Lureen … Marlene Gaßner
Hogboy … Alexander Hetman
John Twist Senior … Jörg Rathmann
Mrs. Twist … Katja Bildt
Barkeeperin, Verkäuferin … Luzia Ostermann
Bill Jones … Dirk Biedritzky
u.a.
Opernchor des Theater Erfurt
Philharmonisches Orchester Erfurt
Premiere war am 28. März 2026.
Weitere Termine: 03., 27.05./ 06., 14.06.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-erfurt.de
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