Kammermusikalische Miniaturen mit Wucht
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Anna Neubert und Marie Heeschen mit György Kurtág & Kafka-Fragmente - im Kölner Stadtgarten | Foto © Ansgar Skoda
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Bewertung:
Rituale geben Halt. Die Kölner Veranstaltungsreihe „ritual“ verbindet einmal im Monat immersive Konzerte, gemeinschaftliche Hör-Spaziergänge und partizipative Formate, um Musik als verbindendes, rituelles Gemeinschaftserlebnis abseits des Alltagscharakters erlebbar zu machen.
Alle Besuchenden der Performance im Stadtgarten können vor Beginn in einen Beutel von Kuratorin Sophie Emilie Beha greifen, um einen Gegenstand – einen besonderen Stein, einen Edelstein oder einen Ring – zu entnehmen und als Erinnerung aufzubewahren. Die 29-Jährige erklärt den Ablauf des Abends, wodurch das Publikum direkt in das gedankliche Setup hineingezogen wird. Unter ihrer Leitung gehen die Anwesenden vor der Performance schweigsam bei leichtem Nieselregen gemächlich in der Abenddämmerung im Kölner Stadtgarten spazieren. Das lässt jegliche Hektik verpuffen.
Nach dem etwa halbstündigen Gang begeben wir uns in den Konzertsaal. Die Violinistin Anna Neubert und die Sopranistin Marie Heeschen sitzen hier bereits rechts von der Bühne an einem kleinen Tisch und sind in geschäftige, feine Bewegungen versunken. Es gibt wenige dekorative oder illustrative Elemente. Die beiden Akteurinnen tragen schlichte graue Herrenanzüge. In sich vertieft basteln sie aus Aluminiumfolie Figuren und formen konzentriert aus Papier ein Boot und einen Mond. Als sie mit den Erzeugnissen zufrieden sind, stehen die beiden Künstlerinnen auf und bewegen sich im freien Raum. Sie begeben sich vor eine Flipchart und beleuchten diese mit einem Strahler. Sie positionieren die Bastelerzeugnisse nun so, dass sich aus Schemen und Schatten eine Landschaft formt, in der die Figuren unter dem Mond im Boot fahren. Leichte Lichtstreifen durchziehen das Gesamtbild. Bald kommt ein alter Kassettenrekorder zum Einsatz, der durch abgespielte, schwer zuordenbare Klänge irritiert. Die Musikerinnen ahmen die Klänge live nach.
Marie Heeschen singt, scheinbar nachsinnend, mit wenig Vibrato grüblerische, verhangen-melancholische Worte wie „Nimmermehr“, „Ruhelos“ oder „Umpanzert“. Bei Phrasen wie „Nichts dergleichen“ öffnet sie Emotionsräume und setzt mal flattrige, mal schneidende Akzente. Anna Neubert begleitet sie fortan rustikal und eruptiv an der Geige und sorgt mitunter für Ausdruckskontraste, die mitten ins Mark treffen. Als herausfordernde Erzählerin zerlegt Marie Heeschen begründete Gewissheiten. Introspektionen verschachteln sich ineinander. Eingeflochtene, euphorisch schwärmende Ausbrüche irritieren und fahren direkt in die Magengrube – etwa beim Satz: „Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens.“ Der Hall füllt den Raum.
Die Worte „Geschlafen, aufgewacht, geschlafen, aufgewacht, elendes Leben“ laden zu einer Reise durch Dunkelheit und Schattenwelten ein. Die beiden Interpretinnen lassen Widersprüchliches koexistieren und harmonieren im Kern. Wenn sie Nuancen ausleuchten, lassen sie es leicht aussehen. Neubert und Heeschen lassen Sätze schweben sowie brodeln und finden wieder zur Balance. Im traumwandlerischen Gang bekommt man die Melodie nicht immer zu fassen. Neubert sorgt für subtile Zwischentöne, Heeschen singt wunderbar luzide, mal mit samtigem Expressivo, mal rein deklamierend. Bisweilen erklingen auch selbstironisch erscheinende Sätze wie „Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt.“ Der Stadtgarten befindet sich direkt am Bahnhof Köln West.
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In seinem Vokalzyklus Kafka-Fragmente für Sopran und Violine verdichtet der ungarische Komponist György Kurtág private Tagebuchnotizen und Briefzitate von Franz Kafka zu expressiven, musikalischen Miniaturen, die wie vorüberwehende Sprach- und Klangfetzen kleine Gefühlswelten entstehen lassen. Die Aufführung findet anlässlich des 100. Geburtstags des 1926 geborenen Avantgarde-Komponisten statt.
Die von Malin Nagel inszenierte Duo-Performance lässt mit erstaunlicher Wucht Poesie im Klang entdecken. Die kammermusikalische Darbietung handelt von der Fragilität des Lebenssinns.
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Malin Nagel, Anna Neubert und Marie Heeschen nach György Kurtág & Kafka-Fragmente - im Kölner Stadtgarten | Foto © Ansgar Skoda
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Ansgar Skoda - 7. Oktober 2026 ID 16080
Weitere Infos siehe auch: https://www.stadtgarten.de
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