Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

In memoriam

Anwalt

der Armen

Zum Tod von Jean Ziegler
(1934-2026)


Jean Ziegler, Schweizer Politiker und Autor (1991) | Foto (C) Walter Rutishauser; Bildquelle: Wikipedia



Sein Name wurde in einer Medienlandschaft, die sich mit den unbedeutendsten Zeitgenossen gemein macht, gehütet, als hieße er Lohengrin. Dabei war er einer der wichtigsten europäischen Intellektuellen nicht nur moralisch, sondern auch als politischer Mahner.

Zu den Topoi liberaler Rhetorik gehört das Lob auf den sogenannten „Querdenker“, vorzugsweise in Nachrufen, wenn die Gefahr gebannt ist, dass einem der Gepriesene mit seinem Denken in die Quere kommt. Im Übrigen darf er sich gegen den Konformismus des Denkens nicht allzu sehr querstellen. Wer sich tatsächlich dem allgemeinen Konsens verweigert, wird ausgegrenzt, diffamiert oder ignoriert. Er darf nicht mitspielen. Für ihn ist in der Sandkiste kein Platz. Die freundlichere Variante ist das joviale Schulterklopfen mit dem augenzwinkernden Signal: „Ist ja alles schön und gut, aber so recht ernst nehmen kann man es nicht.“ Die angebliche Liebe zum Querdenken erweist sich als pure Heuchelei.

Dass der Kapitalismus ganz so unproblematisch nicht sei, wie man nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu propagieren versuchte, hat sich seit Ausbruch der jüngsten Finanzkrisen als öffentliche Meinung verbreitet. Erstaunlich freilich ist, wie schnell sich die Verteidiger des Status quo von ihrem Schock erholt haben und zu Business As Usual zurückgekehrt sind. Es wird weitergewurstelt, und wer davon trotz allem profitiert, hat keinen Grund, auf Kosten und Opfer zu achten. Da meldete sich einer jener berüchtigten „Querdenkern“ zu Wort, denen man mit schöner Regelmäßigkeit schrille Töne vorwarft, wenn man sich in Wahrheit um eine Auseinandersetzung mit den Inhalten herumschwindeln wollte.

Jean Ziegler, lange Zeit Abgeordneter der Sozialdemokraten im Schweizer Parlament, begnügte sich nicht mit der üblichen weinerlichen Feststellung, dass der reiche Westen vom Rest der Welt gehasst, vielleicht bedroht werde, sondern er ging den Motiven nach, die dem „Hass auf den Westen“ zugrunde liegen – und er erkannte darin so manche Plausibilität, die jenen entgeht, die nur die eigenen Privilegien und Interessen im Blick haben. Nicht Verbarrikadierung, sondern Solidarität, nicht Hysterie, sondern Verstehen sind die altmodischen Kategorien, die Zieglers Denken bestimmten.

Agitation und Literatur schließen einander nicht aus. Das konnte man eigentlich schon seit Büchners Hessischem Landboten wissen oder seit der Scuola di Barbiana, diesem wunderbaren Büchlein, das 1970 bei Wagenbach erschienen ist. Jean Ziegler stand in der Tradition jener politischen Autoren, die selbst für ihren Zorn den adäquaten Ausdruck finden. Dazu, freilich, muss auch ein kräftiges Wort erlaubt sein. Zuspitzung ist eine bewährte rhetorische Technik, und ein irritierendes Bild macht manches deutlicher erkennbar als eine umständliche Beschreibung. Nur böswillige Entstellung könnte Ziegler Dogmatismus, abstrakte Thesenbildung vorwerfen. Seine Argumentation beruhte im Gegenteil auf Empirie, auf zahllosen Daten, die er, nicht zuletzt als Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, aus aller Welt, mit den Schwerpunkten Nigeria und Bolivien, zusammengetragen hat. Es ist Mode geworden, die Einfühlung in fremde Kulturen als falsche Toleranz oder gar als Vorschubleistung für den Terror zu diffamieren. Mag das noch diskutabel sein, wo es nur bei einer wohlfeilen Geste ohne Kenntnisse bleibt, so ist es mit Sicherheit unangebracht gegenüber Zieglers gut informierter Sympathie für die Benachteiligten auf dieser Welt.

"In Wirklichkeit brauchen wir doch den Reichtum Europas, um die große friedliche Aufgabe der letzten Jahre dieses Jahrhunderts zu erfüllen, nämlich die der Überwindung der grenzenlosen Armut auf anderen Kontinenten unseres Planeten" schrieb der Sozialdemokrat Bruno Kreisky in seinen Memoiren. Bruno Kreisky ist 1990 gestorben. Das zwanzigste Jahrhundert ist zu Ende gegangen, ohne dass Europa Kreiskys Mahnung beherzigt und die große Aufgabe erfüllt hätte. Die Flüchtlingsströme, die heute aus anderen Kontinenten vor Hunger und Krieg nach Europa strömen, waren vorauszusehen. Aber man verschloss davor die Augen und war und ist weiterhin nicht bereit, mehr als ein paar Krümel vom Reichtum Europas abzugeben. Kreisky und einige andere seiner Generation sowie wenige Jüngere wie eben der unermüdliche Jean Ziegler blieben Rufer in der Wüste – eine Redensart, die in diesem Zusammenhang einen erschreckend ironischen Beiklang erfährt.

Man hat Ziegler angekreidet, dass er von einem „wirtschaftlichen Weltkrieg“ spreche und davon, dass jeder Hungertod eines Kindes der Mord an einem Kind sei. Natürlich sind das Metaphern. Aber kommen sie der Wirklichkeit nicht sehr nahe? Treffen sie nicht genau den Sachverhalt, wo der vermeidbare Tod von Millionen billigend hingenommen wird? Dass die Globalisierung die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mittel ist, kann man nur um den Preis der Doppelzüngigkeit leugnen. Und auch der Kolonialismus wurde meist zum Krieg, wenn und wo sich die Kolonialvölker gegen ihre Ausbeutung wehrten. Jean Ziegler: „Die Gewalt, die durch die viel zitierte ‚unsichtbare Hand’ des Marktes ausgeübt wird, und die Monopolisierung des Reichtums durch die transkontinentalen Oligarchien setzen die drei früheren Unterdrückungssysteme in verstärkter Form fort.“ Die Metapher von der „unsichtbaren Hand“ stammt aus der ökonomischen Theorie von Adam Smith, mit den drei Unterdrückungssystemen sind die Eroberungen zu Beginn der Neuzeit, der Sklavenhandel und der Kolonialismus gemeint.

Ziegler scherte keineswegs alle antiwestlichen Äußerungen und Aktionen über einen Kamm. Er differenzierte sehr genau. Aber grundsätzlich gilt: „Wir erleben eine Zeit der Wiederkehr der Erinnerungen. Plötzlich besinnen sich die Völker auf die Demütigungen, die Schrecken, die sie in der Vergangenheit erlitten haben. Sie haben sich entschlossen, vom Westen Rechenschaft zu fordern.“ Der Westen aber will den Hass der armen Völker nicht verstehen: „Denn das Gedächtnis des Westens ist hochfahrend, jedem Zweifel unzugänglich. Das der südlichen Völker dagegen ist ein verwundetes Gedächtnis. Und der Westen weiß nicht, wie tief und schwer diese Wunden sind.“

Jean Ziegler stellte einen Vergleich an mit der nationalsozialistischen Vergangenheit: So wie das kollektive Bewusstsein erst nach Jahrzehnten an einem Punkt angelangt war, an dem es die Realität des Holocaust zuzulassen bereit war, so erwacht es erst jetzt, mit großer Verspätung, in Bezug auf die verdrängte Erinnerung der einstigen Kolonialvölker. Ziegler zitierte den einstigen ägyptischen Staatspräsidenten Nasser: „Wenn die Kreuzzüge in Europa den ersten Schimmer der Renaissance ankündigten, so haben sie für unser Land den Beginn des dunklen Zeitalters eingeläutet. Unser Volk hat ganz allein den Schock dieser Schlachten erlitten; sie ließen es vollkommen verarmt und hilflos zurück.“ Es lohnt sich, über diese Worte nachzudenken, ehe man vom Clash Of Civilizations tönt.

Im Jahr 2011 hatten die Salzburger Festspiele Jean Ziegler als Festredner eingeladen und danach wieder ausgeladen. Man mochte ihn seinem Publikum nicht zumuten. Mit Herrmann Josef Abs gab es keine Probleme.

Heute ist Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren gestorben.
Thomas Rothschild – 10. Juni 2026
ID 15899
Weitere Infos siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Ziegler


Post an Dr. Thomas Rothschild

Bücher

CD

ROTHSCHILDS KOLUMNEN



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



  Anzeige:


LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

DEBATTEN

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren, Bibliotheken, Verlage

UNSERE NEUE GESCHICHTE
Reihe von Helga Fitzner



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)