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Jugendbuch

Wenn die

Masken

fallen



Bewertung:    



In jeder Schulklasse gibt es sie: die guten SchülerInnen und die schlechten. Das Fach Mathematik ist der absolute Prüfstein, an dem sich die Spreu vom Weizen trennt, und entsprechend groß ist der Horror der Spreu, wenn eine Matheklausur ansteht (die Autorin dieses Artikels weiß Letzteres aus eigener Erfahrung). Da fliegt vielleicht sogar vom Konfessionslosen ein Stoßgebet gen Himmel: Alles andere, nur das nicht. Der Debütroman Was wir dachten, was wir taten der 19jährigen Lea-Lina Oppermann beginnt genau an dieser Stelle. Die Matheklausur von Herrn Filler wird von einer Lautsprecherdurchsage unterbrochen: Von einem schwerwiegenden Sicherheitsproblem ist da die Rede, vom Rückzug in einen geschlossenen Fachraum und dem Warten auf weitere Anweisungen. Das ist der Code, dass sich ein Amokläufer in der Schule aufhält, und jede/r weiß Bescheid. Herrn Fillers Autorität beginnt schon jetzt zu bröckeln, denn seine Klasse will die Klausur nicht weiterschreiben. Wenn sie schon jeden Augenblick sterben könnten, dann doch bitte nicht dabei.

Statt einer wilden Schießerei ist aber nur ein leises Klopfen an der abgeschlossenen Tür zu hören. Ein kleines Mädchen hat es nicht rechtzeitig in ihre Klasse geschafft und will hereingelassen werden. Sie weint und fleht immer dringlicher. Das verstößt gegen die Anweisungen, meinen die einen. Man kann doch die Kleine nicht ihrem Schicksal überlassen, sagen die anderen. Wenn das ein Trick sein sollte, dann steht das Leben des einen Mädchen gegen die Leben der 14 anwesenden SchülerInnen der Klasse, lautet der mathematische Ansatz. Irgendwie treffen dann Fiona, das Mathegenie, und Mark, der Außenseiter, die menschliche Entscheidung, sie wollen beide verantwortlich handeln und das Richtige tun. Da Mark am nächsten an der Tür sitzt, schließt er sie wieder auf. Ein verweintes kleines Mädchen steht davor und – der vermummte Amokläufer mit einer Pistole in der Hand. Der beweist auch sehr schnell, dass die Waffe geladen ist und funktioniert, indem er auf die Tür schießt.

Er schießt aber noch nicht auf Menschen, sondern hat zehn Umschläge dabei mit „Wünschen“, die Herr Filler vorlesen muss. Zuerst soll Herr Filler seiner Lieblingsschülerin ins Gesicht spucken. Angesichts der auf ihn gerichteten Waffe tut er das auch. So werden Wunsch für Wunsch weitere kleinere und größere Geheimnisse der Schüler, Schülerinnen und ihres Lehrers entlarvt. Oppermann führt hier viele Beispiele von Problemen auf, mit denen insbesondere Pubertierende zu kämpfen haben: heimliche Ängste, Übergewicht, Essstörungen, Schwärmereien, enttäuschte Gefühle. Die „Wünsche“ werden immer härter bis hin zur gegenseitigen Körperverletzung. Wer A sagt, muss auch B sagen und so eskaliert die Lage allmählich. Was man nicht alles tut, wenn man weiterleben will. Und außerdem hat der Amokläufer erstaunlich detaillierte Kenntnisse über die Klasse.

Oppermann hat hier eine Versuchsanordnung geschaffen, die beispielhaft ist. Der Roman hat drei Erzähler: Herrn Filler, Fiona und Mark, die abwechselnd aus ihrer Sicht die Geschichte schildern. Jeder ist in seinem eigenen Kosmos gefangen. Fiona hat eine überragende ältere Schwester, deren Beispiel sie folgen will, Mark wird von seinem Vater misshandelt und hat viel konkretere Probleme, und Herr Filler versucht verzweifelt, seiner Autorität und seiner Vorbildfunktion nachzukommen. Aber im Grunde ist sowieso alles egal, wenn man gleich sterben wird. Mit jedem „Wunsch“ wird das von Oppermann inszenierte Kammerspiel dichter und dramatischer, ohne dass der Amokläufer auch nur ein Wort gesagt hätte. Sie kreiert einen Bilderbogen zwischen Angst und Widerstand, Feigheit und Wut, Verachtung und zärtlichen Gefühlen. Ein Auf und Ab nicht unähnlich dem Hormonspiegel von Teenagern.

*

Lea-Lina Oppermann begann den Roman schon zu Schulzeiten, nachdem es an ihrer Schule einen Fehlalarm in Sachen Amoklauf gegeben hatte. Sie wurde auf Anhieb mit dem Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet und fand mit Beltz und Gelberg einen renommierten Verleger. Sie wurde 1998 in Berlin geboren, studiert derzeit Sprechkunst und Kommunikationspädagogik und hat schon Pläne für zwei weitere Romane. Das Buch weist eine Reife, ein handwerkliches Können und eine Stilsicherheit auf, die für eine junge Frau ihres Alters bemerkenswert sind. Sie nimmt den Amoklauf zum Anlass, tief in die Gefühle, Unsicherheiten, Ängste, aber auch die Größe und innere Stärke der SchülerInnen vorzudringen. Das Ende ist dann recht abrupt und wir erfahren zu wenig über den Amokläufer und seine Beweggründe. Auf der anderen Seite ist das aber besser als über etwas zu spekulieren, was die junge Autorin glücklicherweise nicht wissen kann. Am Ende ist nicht nur die Maske des Amokläufers gefallen, sondern auch die der ganzen Klasse, inklusive Mathelehrer. Oppermann hat auch klar erkannt, dass nach einem derartigen Ereignis nichts mehr so ist, wie es vorher war.
Helga Fitzner - 2. Dezember 2017
ID 10402
Link zum Buch:

https://www.beltz.de/kinder_jugendbuch/produkte/produkt_produktdetails/34850-was_wir_dachten_was_wir_taten.html


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EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM

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