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Unsere Neue Geschichte (Teil 8)

Essen ist

zu einem

politischen Akt

geworden



Bewertung:    



Über Valentin Thurns Filmdokumentation 10 Milliarden – Wie werden wir alle satt? haben wir schon berichtet. In dem Sachbuch HARTE KOST. Wie unser Essen produziert wird – Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt kommen dieselben Lebensmittelhersteller wie im Film vor, allerdings ausführlicher. Der Autor und Umweltfachmann Stefan Kreutzberger stellt zwischen den erzählerischen Passagen von Valentin Thurn Fakten und Statistiken vor. Durch diesen Wechsel ist das Buch sehr lesbar geworden, auch der Titel Harte Kost trifft den Nagel auf Kopf, denn all die gesammelten Fakten und Geschichten sind in der komprimierten Form nicht gerade leicht verdaulich. Trotzdem ist es für Einsteiger ins Thema gut geeignet, weil es einen relativ breiten Überblick bietet und es Thurn gelungen ist, Vertreter der chemischen Lebensmittelindustrie, des Agrarhandels an der Börse und der Gentechnik zu interviewen wie auch die Befürworter einer ökologischen Agrarwende. Das Buch ist aber so detailreich, dass es für Kenner der Materie immer noch interessante Aspekte zu entdecken gibt. Wegen der vielen Details kann auf den Inhalt nur begrenzt eingegangen werden, und so behandeln wir auch nur am Rande, was in der Filmbesprechung schon erwähnt wurde. Ausgangspunkt ist die Hochrechnung, dass es im Jahr 2050 rund 10 Milliarden Menschen auf der Erde geben wird. Vieles klingt entmutigend, aber Thurn stellt auch verschiedene vielversprechende Alternativen vor.

Es kristallisieren sich mehrere Grundübel für die heute schon schlechte Versorgung mit Lebensmitteln in der Welt heraus. Die Vertreter der Industrie meinen, dass der Hunger nur durch Massentierhaltung, Gentechnik, Monokulturen und den Einsatz von Kunstdüngern und Pestiziden etc. einzudämmen sei. Doch weil diese Maßnahmen die Ressourcen des Planeten vernichten und gesundheitsschädlich sind, hat sich ein weltweiter und wachsender Widerstand dagegen erhoben. Die indische Naturwissenschaftlerin Vandana Shiva, die für ihr Wirken schon 1993 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, führt im Vorwort zu Harte Kost ganz klar auf, dass ein Großteil der Böden bereits ausgelaugt ist, 75 Prozent unserer Wasserressourcen von der industriellen Landwirtschaft verbraucht werden, die ebenfalls für 40 Prozent der Treibhausgase verantwortlich ist. Auch führt sie 75 Prozent unserer Gesundheitsstörungen darauf zurück, so belegen russische und französische Studien die krebserregende und organschädigende Wirkung von genetisch veränderten Pflanzen. Shiva fordert einen Paradigmenwechsel im Nahrungsmittelanbau, denn nicht die industrielle Landwirtschaft, sondern nur die Agrarökologie wäre der „Schlüssel zu einer umweltverträglichen, gesunden und gerechten Ernährung“. (Über die Hersteller von Saatgut und Pestiziden, die allein in Südostasien schon 300.000 Bauern in den Selbstmord getrieben haben, berichteten wir in der Filmbesprechung).

Ein weiteres Übel: Nahrungsmittel werden nicht nach ihrem Nährwert, sondern nach ihrem Ertrag gerechnet und dürfen an der Börse als „Rohstoff“ gehandelt werden. Für den schnellen Profit werden rücksichtslos unsere Ressourcen aufgebraucht: „Doch auf einem toten Planeten gibt es kein Essen“, meint Vandana Shiva. - Valentin Thurn war an der Börse in Chicago, der Zentrale des amerikanischen Agrarkapitalismus, und traf auf den Börsen-Guru Jim Rogers. Der beharrt auf seiner Ansicht, dass nur hohe Preise zu einer Produktionssteigerung führen würden. Die vielen Menschen, die dadurch an Hunger sterben, blendet er offensichtlich aus. Stefan Kreutzberger hat eine Statistik dazu: In Deutschland geben wir rund 10 Prozent unseres Einkommens für die Nahrung aus, in den Entwicklungsländern sind es 70 Prozent. Die Weltbank fand heraus, dass allein die Preissteigerungen von 2010 zusätzliche 44 Millionen Menschen in die Armut getrieben haben.

Dann besteht noch das Problem des Zugangs zur Nahrung bzw. deren Verteilung. Der Welthunger wird nicht durch eine zu niedrige Nahrungsmittelproduktion verursacht – die ist de facto ausreichend gegeben - , sondern durch ungleiche, unfaire, globale und soziale Verteilung. Jeder dritte Mensch muss andauernd oder für lange Zeit hungern. Einer der vielfältigen Gründe dafür ist der Fleischkonsum in den Industrieländern. Wir Deutsche essen durchschnittlich 88 Kilogramm Fleisch im Jahr. Rund zwei Drittel unserer Anbaufläche für Getreide und Ölsaaten wird für Tierfutter verwendet. Da das nicht reicht, wird z.B. in Afrika Viehfutter für unsere Massentierhaltung angebaut, während viele Afrikaner nicht genug Nahrung haben und von Landraub betroffen sind. Sie haben oft kaum Möglichkeiten, Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf anzubauen.

Man fragt sich schon, wie es so weit kommen konnte, dass die industrielle Landwirtschaft die Menschen und den Planeten derart ausbeuten kann und (noch) darf. Dabei entscheiden wir mit unseren Käufen tagtäglich mit, ob das so weiter geht oder ob wir alternative Lösungen unterstützen. Damit wird die Art unserer Ernährung zu einem politischen Akt, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Drei Viertel aller Deutschen schauen beim Lebensmittelkauf zuerst auf den Preis und bevorzugen Billigprodukte, was angesichts der zunehmenden Armut in unserem Lande verständlich ist. Doch niemand ist dem machtlos ausgeliefert, wenn man z.B. nur so viel kauft, dass man möglichst nichts wegwerfen muss. Ein Drittel der produzierten Nahrung landet niemals auf dem Teller. Valentin Thurn hat das in dem Film Taste the Waste (2011) ausführlich dargestellt. Deswegen hat er sich der Lebensmittelrettung verschrieben und die Internetplattform Foodsharing mitgegründet. Dort kann man Lebensmittel vor der Mülltonne retten und rechtzeitig abgeben bzw. abholen. Über 1,4 Millionen Kilo Nahrung konnte auf diese Art bereits gerettet werden. (Stand: Mai 2015). Wer an regionaler Biokost interessiert ist, kann auf Valentin Thurns Internetplattform Taste of Heimat gehen, wo viele lokale Erzeuger, Anbieter und Restaurants zu finden sind. Lokale Erzeuger haben sich in der Food Assembly zusammengeschlossen, die es in einigen Gegenden bereits gibt und die sich weiter ausbreitet.

Valentin Thurn hat ernsthaft versucht, die Vertreter der Industrie ausgewogen darzustellen, aber das gelang nicht, weil ihre Argumente oder Ansichten einfach nicht überzeugen und sie sich und andere oft täuschen. Sie manipulieren die Natur und arbeiten meist gegen sie anstatt mit ihr. Die Befürworter der ökologischen Agrarwende versuchen dagegen, die natürlichen Kreisläufe wiederherzustellen, den überlebenswichtigen Humus im Boden wieder aufzubauen, natürlichen Pflanzenschutz zu betreiben und gesunde Lebensmittel herzustellen. Deren Konzepte zur Ernährungssouveränität werden ausführlich vorgestellt. Sie haben sich schon vielfach untereinander zusammengeschlossen, sie bilden Gemeinschaften mit den Verbrauchern, sei es in Form von Abnahmegarantien oder eigenen Aktiengesellschaften. So bleibt das Geld in der Region, der es dann wieder zu Gute kommt, anstatt den Fortbestand ausschließlich gewinnorientierter Konzerne zu sichern. Eins wird in Harte Kost besonders klar: Die Billigpreise funktionieren nur, weil die Beseitigung und Folgen der Schäden durch die industrielle Landwirtschaft nicht eingerechnet sind und anderweitig auf den Steuerzahler und kommende Generationen abgewälzt werden. Ein nachhaltig arbeitender Bauer nimmt die Kosten für den Schutz des Bodens auf sich, die sich deshalb auch im Preis niederschlagen, aber den Lebensraum für künftige Generationen verbessern und erhalten. Valentin Thurn meint abschließend, dass die EU-Subventionspolitik auf den Prüfstand gehöre, die jährlich 50 Milliarden Euro überwiegend in die industrielle Landwirtschaft investiert. Da muss auch eine Agrarwende in den Köpfen der Entscheidungsträger her, denn es sind die Kleinbauern, die rund 85 Prozent aller Bauernhöfe in der Welt bewirtschaften.

*

Als Verbraucher haben wir durch unsere Kaufentscheidungen mehr Macht als uns oft bewusst ist. Warum sonst gibt die Werbeindustrie Millionenbeträge aus, um ihre Produkte anzupreisen? Keiner kann uns zwingen, nährstoffarme und ungesunde Nahrung zu uns nehmen. Da bleibt der Genuss so und so auf der Strecke. Ökologisch angebaute Lebensmittel schmecken einfach besser und zeugen von der Wertschätzung, die wir für die Natur haben und auch für uns selbst.
Helga Fitzner - 18. Mai 2015
ID 8647
Valentin Thurn, Stefan Kreutzberger | Harte Kost
Wie unser Essen produziert wird – Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt

Pb., Klappenbroschur, 320 S.
13,5 x 20,6 cm
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 22,90
Ludwig Verlag, 2014
ISBN: 978-3-453-28063-2


Weitere Infos siehe auch: http://www.randomhouse.de/Paperback/Harte-Kost/Stefan-Kreutzberger/e463604.rhd


Post an Helga Fitzner

Unsere Neue Geschichte


10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?



 

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