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Krimi

Gentrifizierungs-

Gegner räumen

auf



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Das Maß ist voll. Nach Neukölln wird nun auch Wedding einer solventeren Klientel schmackhaft gemacht und gentrifiziert. Doch vom Boom der Immobilienwirtschaft profitieren nur die Wohnraumeigner. Die Mieter hingegen setzen sich zunehmend gegen die Wohnraumverknappung zur Wehr. Anti-Gentrifizierungs-Initiativen versuchen nicht nur in sozialen Netzwerken Berliner gegen die Verdrängung durch steigende Mietpreise zu mobilisieren. Doch der Kampf um Wohnraum wird mit ungleichen Mitteln geführt.

In Juliane Beers Selbst gerächt beschließen vier Frauen, dass die zahlreichen Berliner Initiativen und Vereine nicht ausreichen, um die Immobiliengesellschaften in ihre Schranken zu weisen. Auslöser für die Gründung einer gewaltbereiten Vierer-Clique ist der Herzinfarkt-Tod einer Seniorin. Diese starb im Zuge der Zwangsräumung ihrer Wohnung. Nachts locken die Frauen nun sorgsam ausgewählte Investoren und Makler in Kneipen, um diese später in Parks kopfüber aufzuhängen. Über einen öffentlichen Blog erhalten die Vier von ihren Lesern zahlreiche engagierte Hinweise für die Auswahl eines nächsten Opfers:



"Auch die Vorschläge, wer hängen soll, häufen sich. Kündigungen, um teurer weiterzuvermieten, und Sanierungen, um die Miete zu verdoppeln, sind die häufigsten Gründe. Oder die Zwangsräumungsklage eines Ferienwohnungshändlers. Er wolle selbst einziehen. Sein Hundertquadratmeterloft am Maybachufer sei ihm zu groß, er wolle bescheidener werden und auf vierzig Quadratmeter im Wedding wohnen. Die Mieterin, schwer behindert mit Sozialrente, soll abhauen. Die Richterin fände das Ansinnen des Eigentümers nachvollziehbar. Die vier beschließen einstimmig, den Ferienwohnungshändler vorrangig zu bearbeiten." (S. 28)


Bald wird gegen die Viererbande ermittelt. Wunderbar politisch inkorrekt porträtiert die Autorin hier einen amtsmüden Ermittlungsbeamten, der vor allem teetrinkend der eigenen Pensionierung entgegenfiebert. Eigenen Eingebungen geht er nur mit dem allernötigsten Elan nach. Eine andere verschrobene Beamtin wechselt als verdeckte Ermittlerin mit übertriebenem Eifer ihre Kostüme, ohne bei ihren Erkundungen allzu fündig zu werden. Doch das Interesse an einer realen Auflösung des Falles scheint ohnehin begrenzt.

In ihrem zweiten Berlin-Krimi arbeitet Juliane Beer mit Fußnoten. Paragraphenzeichen trennen neue Textabschnitte voneinander. Tatsächlich geht es in dem kurzweiligen Roman um die Auslegung von Recht und Gesetz. Die Ungleichheit in der Bundesrepublik ist in Zeiten des Neoliberalismus so groß wie noch nie. Da die Superreichen hierzulande zu gering besteuert werden, wächst der Spalt zwischen Arm und Reich. Orientierungsmarken für ein soziales Zusammenleben schwinden. Keine der etablierten Parteien legte bisher ein überzeugendes Konzept für eine Umverteilung im Sinne von mehr sozialer Balance vor. Dass der Ruf nach einem neuen Gesellschaftsvertrag immer lauter wird, bezeugt Selbst gerächt unzweifelhaft. In ihrem Krimi entwirft Juliane Beer ein Bild der Solidarität zwischen Angehörigen schlecht bezahlter Berufsgruppen. Unzufriedene Bürger treten der Ungleichheit in der Gesellschaft entschieden und umsichtig entgegen. Sie schrecken auch vor Gewalt nicht zurück.

Die Plots ihres Vorgänger-Krimis Unvermeidbare Beeinflussung (2016) und ihres Romans Frau Doktor E. liebt die Abendsonne (2015) überraschten durch unvorhergesehene Wendungen, in denen Gesetzmäßigkeiten und Recht und Ordnung mit Hilfe außergewöhnlicher Mittel hinterfragt wurden. Selbst gerächt ist nun vielleicht eines der radikalsten Werke Juliane Beers. Vermeintliche Gerechtigkeit wird hier zur Auslegungssache Einzelner, die so die gemächlichen Mühlräder der Justiz gehörig herauszufordern trachten. In einem Interview berichtet Juliane Beer, dass sie insbesondere die Schicksale gebrochener Existenzen interessieren. Die Umstände, wie Menschen dazu gedrängt werden, gesetzeswidrig für vermeintlich mehr soziale Gerechtigkeit einzutreten, werden in Selbst gerächt pointiert, bissig und trotzdem frappant glaubhaft beleuchtet. Eine Stärke des manchmal etwas zu süffig fabulierenden Krimis ist das Berliner Lokalkolorit, das einem die Handlungsorte immer wieder bildlich vor Augen führt:



"Das Sitzen auf den Pollern ist natürlich unbequem, aber keine steht auf. Aus Respekt vor der wunderbaren Kreuzberger Nacht, die hier am Kotti gleich vorbei sein wird, nimmt man jetzt noch ein verkrampftes Kreuzbein in Kauf. Die Weinflasche macht die Runde. Es geht darum, das eben Getane zu vergessen. Auch wenn es richtig war. Das Richtige zu tun, fordert einem stets alles ab." (S. 24)

* * *

[Die nächste Lesung der Autorin ist am 7. Juli 2017 im Berliner Periplaneta Literaturcafé.]
Ansgar Skoda - 26. Juni 2017
ID 10110
Juliane Beer | Selbst gerächt
114 Seiten
10 € (D)
Periplaneta Verlag, 2017
ISBN 978-3-95996-051-9


http://www.periplaneta.com/Produkt/art/buecher/selbst-geraecht-buch/


Post an Ansgar Skoda

skoda-webservice.de



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