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Krimi-Kritik

Allein unter

Nachbarn



Bewertung:    



Auf dem Dachboden spukt es. Das glauben zumindest die Bewohner des Mehrfamilienhauses in der Weichselstraße 10 in Berlin-Neukölln. Nachts hören sie verdächtige Geräusche und reimen sich allerlei zusammen. Irgendwann liegt der Hauseigentümer tot im Hausflur. Die Bewohner erzählen der ermittelnden Kommissarin Liz Feldmann nur das Nötigste, um ja den Anschein der Normalität zu erwecken. Obwohl im Haus eine ganze Menge passiert, scheinen sie aus Bequemlichkeit daran gewöhnt einfach wegzuschauen. Untereinander wird viel getuschelt, aber nur wenig nach außen getragen. Immer mehr gewinnt Feldmann den Eindruck, dass die Bewohner ihr etwas verschweigen. Henning Jensen, der Sohn eines bekannten Strafverteidigers, wird Feldmann als Assistent zur Seite gestellt. Der junge Mann erscheint ihr unfähig und wirkt auf sie in seiner adretten Kleidung wie ein Modegeck. Jensen hat noch keine polizeilichen Erfahrungen und brach schon zuvor zahlreiche Studiengänge ab. Feldmann stellt ihn auf die Probe.

Die Berliner Autorin Juliane Beer erfrischt mit ihrem sechsten Roman Unvermeidliche Beeinflussung, einem spannenden und geistreichen „Neukölln-Krimi“. Im dicht verwobenen Plot werden skurrile Figuren treffend und originell gezeichnet. So erscheinen der Kommissarin bei ihrer Investigation die verdächtigen Hausbewohner in ihrem Interieur unheimlich, ganze Schicksale drohen dahinter zu lauern. Ein Geflecht der Höflichkeit und des schüchternen Getues überdeckt oftmals Neid, Eitelkeit, Mitwissertum, Neugier oder Aberglaube. Engstirnig und voller glühender Vorurteile dabattieren die Nachbarn flüsternd im Hausflur über Gutmenschentum oder die Flüchtlingskrise.

Die wohlmeinende Kommissarin Feldmann wird immer wieder mit gewohnheitsmäßigen Verbrechen der Hausbewohner konfrontiert. So verhält sich etwa Frau Alt, eine Nachbarin des verstorbenen Vermieters, höchst uneinsichtig und frech, als Feldmann sie beim Klauen im Supermarkt zur Rede stellt:


"Frau Alt errötet. Will etwas sagen, ihr Gesichtsausdruck wechselt von verlegen über beschämt zu trotzig. Sie setzt zu sprechen an, doch die Kommissarin kommt ihr zuvor, weil sie ahnt, dass jede Erklärung unsinnig sein wird. 'Frau Alt, das ist nicht mein Bereich', zischt sie, hat jetzt Mühe ruhig zu bleiben. Diese Bande aus der Weichselstraße 10 ist wirklich eine Klasse für sich. 'Legen sie die Ware zurück – und erledigt.' Frau Alt gehorcht, verkündet aber vorher noch: 'Wenn ich Ausländerin wäre, hätten Sie nichts gesagt, oder?', geht hölzern wie eine Marionette zum Regal mit den Drogerieartikeln und holt so geschickt, wie sie die Rasierklingen und das Deo eingepackt hatte, beides nun wieder aus der Tasche. Zum Vorschein kommen außerdem noch ein Reisemanikürset und ein Kamm. Als alles wieder an Ort und Stelle liegt, geht die Diebin wortlos an der Kommissarin vorbei zur Kasse, bezahlt ihr Himbeergelee und verlässt, ohne sich von Feldmann zu verabschieden, den Supermarkt." (S. 122)


Nachdem Juliane Beer bereits in früheren Romanen wie Frau Doktor E. liebt die Abendsonne (2015) mit dem Kriminalsujet liebäugelte, legt sie mit viel Gespür für interessante Figuren und unvermutete Wendungen einen höchst bemerkenswerten Krimi vor, der bewusst auch Fragen offen lässt. Was haust da wirklich auf dem Dach der Weichselstraße 10? Die Investigation dürfte auch erfahrene Krimiliebhaber Erstaunen machen. Es gibt wenige Krimis, die vor Kreativität und Originalität förmlich übersprühen und dabei sogar verschiedene aktuelle gesellschaftliche Debatten streifen. Einige Ideen erscheinen freilich etwas übertrieben, befeuern jedoch durchaus das Leseerlebnis.
Ansgar Skoda - 2. Oktober 2016
ID 9592
Juliane Beer | Unvermeidbare Beeinflussung
156 Seiten
14 € (D), 15 € (AT), 17 SF (CH)
Marta Press, 2016
ISBN 978-3-944442-57-0


Weitere Infos siehe auch: http://www.marta-press.de/cms/verlagsprogramm-belletristik/julianebeer-unvermeidbarebeeinflussung


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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