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Nellie Oswald, die Heldin von Traumprinz, dem neuen Unterhaltungsroman von David Safier, steht am Rande des Abgrunds. Der größenwahnsinnige Künstler Damien Moore will die Welt in einen dunklen Ort verwandeln und hat auch die Macht dazu. Nellie weiß nicht, ob sie das verhindern kann, aber soll sie es nicht wenigstens versuchen? Die letzten 48 Stunden waren eine einzige Katastrophe, und jetzt das. Dabei fing alles so schön an, als sie vor zwei Tagen mit ihrem neuen Freund Bendix in der warmen Badewanne lag. Dumm war nur, dass dessen Verlobte, von der Nellie nichts wusste, einen Tag zu früh nach Hause zurückkehrte... Ein Fiasko für die komplexbeladene und sich als unattraktiv empfindende Nellie. Sie ist eine erfolglose Comic-Zeichnerin und betreibt mit dem introvertierten Comic-Nerd Lenny einen kleinen Buchladen mit einschlägiger Literatur. Lenny will Nellie von ihrem Liebeskummer ablenken und geht mit ihr auf eine Ausstellung des berühmten Künstlers Damien Moore, der wie ein New-Age-Guru gefeiert wird. Als ihr eine leere Kladde mit asiatischen Schriftzeichen auf dem Buchdeckel in die Hände fällt, ist sie von ihr fasziniert. Das Buch wurde Moore von einem chinesischen Mönch überreicht, aber anstatt es Moore zurückzugeben, läuft Nellie damit davon. Wütend und verletzt durch ihren Liebeskummer fängt sie an, darin zu zeichnen. Wenn sie schon keinen Traumprinzen im Leben hat, dann malt sie sich halt einen. Er sieht Bendix sehr ähnlich, ist aber größer, männlicher, edelmütiger, ein echter Traumprinz eben: Und so steht er dann auch leibhaftig vor ihr. Das Buch in Nellies Händen ist magisch.

Ein solches Buch ist in den falschen Händen sehr gefährlich, und so beschließt Nellie, Damien Moore aufzusuchen – ohne Buch – um herauszufinden, was er damit vor hat. Mit ihrem Traumprinzen im Schlepptau, den sie im Comic-Laden nicht alleine lassen kann, fährt sie mit der U-Bahn durch Berlin ins Hotel Adlon, wo der Künstler residiert. Der Traumprinz stammt aus dem Fantasieland Amanpour und heißt Retro, und retro passt irgendwie für ihn, denn mit dem modernen Berlin ist er ziemlich überfordert. Während Retro im Foyer des Adlon wartet, besucht Nellie den Künstler Moore auf seinem Zimmer und muss feststellen, dass der Übles plant und das Buch auf keinen Fall zurückbekommen darf. Nellie gelingt die Flucht vor ihm und seinen hünenhaften schwedischen Leibwächtern. Inzwischen ist Lenny im Besitz des Buches und hat darin gemalt. Seine Fantasiegestalt ist ein Mädchen namens Evila, die einfach nur bösartig ist. Sie zwingt ihn, Phiolen mit Ebola und Atombomben zu zeichnen...

*

David Safier wurde 1966 in Bremen geboren, wo er seine ersten Erfahrungen als Journalist sammelte. Als Hauptautor entwickelte er u. a. die Fernsehserie Berlin, Berlin mit, für die er den Grimme-Preis und andere Auszeichnungen erhielt. Mit seinem Debütroman Mieses Karma (2007) traf er sofort ins Schwarze: Eine rücksichtslose Fernsehjournalistin stirbt einen plötzlichen Tod und wird als Ameise wiedergeboren. Wenn sie ihre Familie wiedersehen will, muss sie sich die Inkarnationsleiter heraufarbeiten, durch Ansammlung von gutem Karma. Safiers Romane wurden schnell zum Kult. Obwohl die Konstellationen durchaus ähnlich sind. Es sind meist alltägliche Menschen, die in eine ungewöhnliche Situation geraten. In Jesus liebt mich trifft Marie auf Jesus, der vier Tage vor der Apokalypse noch mal auf Erden wandelt, in Plötzlich Shakespeare muss sich eine Frau aus der Jetztzeit ihren Körper mit Shakespeare teilen, und in Happy Family rettet eine Ehefrau und Mutter ihre in garstige Gestalten verwandelte Familie. Sein Roman 28 Tage gehört nicht in diese Reihe. Darin arbeitet Safier teilweise die Geschichte seiner jüdischen Familie während des Holocausts auf. Danach schrieb er Mieses Karma 2 und hat jetzt mit Traumprinz einen Roman vorgelegt, der wieder die Bestsellerlisten stürmen dürfte.

Safiers Haupthelden sind meist Heldinnen. Viele von ihnen sind aus dem normalen Leben gegriffen und werden mit sagenhaften, mystischen und hanebüchenen Situationen konfrontiert. Sie müssen das Schubladendenken und gesellschaftliche Normen mitunter weit hinter sich lassen. Dazu gehören Figurprobleme, Damenbärtchen und Erfolglosigkeit in Ehe und Beruf. Diese Vorstellungen und Anforderungen an sie nehmen sie aber sehr ernst und führen sie genau dadurch ad absurdum. In Safiers Universen zählen am Ende immer Solidarität und Liebe, denn gemeinsam sind seine Figuren stark. Im Lauf der Romane, so auch Nellie und ihr Traumprinz, finden sie zunächst einmal zu sich selbst und dann möglicherweise zueinander. Deutlicher als in den vorherigen Büchern wird in Traumprinz die Verantwortung für das, was wir erschaffen, thematisiert, und Nellie stößt sympathischerweise immer wieder an die Grenzen ihres Heldenmutes. Auch wenn sie manchmal tolpatschig und verunsichert ist, so weiß sie doch im Herzen immer, was zu tun ist. Es ist gerade dieser Funken Ernst und Tragödie, der die Komödie so gut funktionieren lässt.

*

Wenn es nicht gerade zum Schreien komisch ist, bekommt man beim Lesen das Schmunzeln nicht aus dem Gesicht. Die wundervollen und zahlreichen Illustrationen von Oliver Kurth tun ihr Übriges, die heutige Welt entstehen zu lassen wie auch das Fantasiereich von Amanpour mit seinen Göttern, wie Lambrusco, dem Gott des Weines oder Hormona, der Göttin der Fruchtbarkeit. Wer wissen will, wer oder was Schmoog, Jompnickel oder Simsalabimsa sind, wird seine helle Freude beim Durchblättern haben. Mit dieser Lektüre hat zumindest die dunkle Jahreszeit ihren Schrecken verloren: der November kann kommen.
Helga Fitzner - 30. Oktober 2016
ID 9647
Weitere Infos siehe auch: http://www.rowohlt.de/hardcover/david-safier-traumprinz.html


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