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Buchkritik

Wie wir denken



Wissenswertes aus der Hirnforschung


Bewertung:    



„Unsere Gedanken und Träume, Erinnerungen und Erfahrungen stammen alle aus diesem sonderbaren Hirnmaterial. Wer wir sind, ergibt sich aus den komplizierten Mustern seiner elektronischen Impulse.“

(David Eagleman, The Brain)


*

Ein Buch über unser Gehirn möchte uns etwas über uns selbst erzählen, wie der Untertitel suggeriert. Es stellt zumindest die für den Laien drängenden Fragen: Wie können anderthalb Kilo Gehirnmasse unser ganzes Leben bestimmen? Sicher ist, in diesem Gewebe spielen sich all unsere Freuden und Leiden ab, und wird sie beschädigt, sind wir nicht mehr wiederzuerkennen. Das überraschende Buch The Brain ist aus einer 6-teiligen Fernseh-Dokumentation entstanden, in der Hirnfoscher David Eagleman über seine Forschungserkenntnisse berichtet.

Der renommierte Neurowissenschaftler nimmt den Leser mit auf eine Reise durch das Gewirr aus Milliarden von Hirnzellen und Billionen von Synapsen. Von der Kindheit an erzählt er, wie sich das Gehirn physisch entwickelt, warum es sich gerade so und nicht anders verhält und was diese Entwicklungen im Einzelnen für Auswirkungen haben. So erfährt man, dass Kinder im Alter von 2 Jahren die meisten Synapsenverbindungen haben, danach nehmen diese wieder ab, denn nur die Notwendigen werden gestärkt, die anderen bilden sich zurück. Oder dass bei Taxifahrern der Bereich des Gehirns, der für das räumliche Gedächtnis zuständig ist, mit zunehmender Berufserfahrung wächst. Und auch, dass die veränderte Zeitwahrnehmung in Extremsituationen ein Trugschluss ist. Wir erleben die Zeit immer gleich, nur wenn sehr viele relevante Ereignisse passieren, gaukelt uns das Gehirn vor, die vielen Erinnerungen haben in einer größeren Zeitspanne stattgefunden, daher die Verzerrung.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aber ist, dass wir nicht nur einen Willen oder eine Persönlichkeit haben, sondern dass unser Gehirn quasi ständig aus seinen bisherigen Erfahrungen heraus Bedürfnisse kreiert, die sich teilweise widersprechen und auf dieser Basis in Sekundenbruchteilen Entscheidungen fällt.


„Unser Gehirn ist wie ein Parlament, in dem rivalisierende Parteien um die Vormacht kämpfen. Mal entscheiden wir egoistisch, mal großzügig, mal impulsiv, mal langfristig. Wir sind komplexe Wesen mit vielen Bedürfnissen, die alle das Sagen haben wollen.“


Eagleman kratzt also an der festen Überzeugung, dass jeder Mensch einen eigenen Charakter, ein Gewissen und auch so etwas wie eine Seele habe. Laut seinen Forschungen (und auch denen zahlreicher anderer Wissenschaftler) wird das menschliche Verhalten in jedem Moment neu berechnet und gleicht einem fotografischen Schnappschuss, der auf Basis des gerade kurz Gegenwärtigen ein Bild erzeugt, dass als Basis für eine Handlung dient. Die Summe dieser unglaublich vielen einzelnen Entscheidungen ist dann der Eindruck, den Außenstehende von dem betreffenden Menschen haben. Und er sagt ausdrücklich: Fehler sind vorprogrammiert.


"Unser Leben wird von Kräften gelenkt, die so gewaltig sind, dass wir sie weder verstehen noch beherrschen können.“


Auch aktuelle Entwicklungen aus Medizin und Biotechnologie werden vorgestellt. So kann das Gehirn den Ausfall bestimmter Areale oder einzelner Sinne problemlos kompensieren. Durch Bildung neuer Schaltkreise kann es Prothesen oder Implantate in sein Körperbild integrieren. Ein Anzug namens VEST – den der Autor entwickelte und im Buch vorstellt – hilft Gehörlosen, durch Vibrationen wieder zu „hören“. Dabei können Blinde durch leichte Stromstöße auf ihrem Oberkörper ihre Umgebung „sehen“. Ob die Signale künstlich sind oder nicht, spielt für das Gehirn keine Rolle. Sobald es technisch möglich ist, könnten wir mit Sicherheit auch unsere vorhandenen Sinne erweitern, um elektrische Felder oder ultraviolettes Licht wahrzunehmen. Da öffnet sich ein ungeahntes Fenster der Möglichkeiten, unsere Sinne zu verstärken und ganz neue Erfahrungen zu machen.

Die spannende und mitunter verstörende Lektüre zeigt anhand von Beispielen aus der Forschung, was wirklich im Gehirn vorgeht und was von Menschen und ihrer Phantasie nur frommer Wunsch ist. Anstatt uns davon ängstigen zu lassen oder es als Teufelswerk abzutun, sollten wir diese Erkenntnisse nutzen, um das gesellschaftliche Zusammenleben besser zu organisieren. Wir alle basieren auf denselben Bauplänen, aus denselben Materialien und enthalten alle mehr oder weniger fehlerhafte Codes in unserer DNA. Diese Erkenntnis müsste doch, neben der allgemein befürchteten Optimierungs- und Normierungstendenz, zu mehr Verständnis für den Einzelnen und seine durch vorgegebene biologische Parameter determinierten Eigenheiten führen.

Ohne den Leser mit zuviel Fachtermini und Details zu überlasten, entführt Eagleman in eine unbekannte Welt, die doch jedem von uns vertraut sein sollte. Dieses Paradoxon – dass man erfährt, wie ein Organ, ein Gegenstand quasi, funktioniert und alles Verständnis, alle Fragen und Denkanstöße passieren in dem Moment genau dort – begleitet noch lange über die Lektüre hinaus. Ein interessanter Exkurs durch den vielleicht wichtigsten, komplexesten Teil unseres Körpers und eine ideale Ergänzung zu Yuval Noah Hararis aktuellem Bestseller Homo Deus.
August Werner - 11. Juli 2017
ID 10136
David Eagleman, The Brain
Die Geschichte von dir

Geb., 224 S.
EUR 22,99
Pantheon 2017.
ISBN: 978-3-570-55288-9


https://www.randomhouse.de/Buch/The-Brain/David-Eagleman/Pantheon/e486982.rhd


Post an August Werner

Vgl. auch die Buchkritik zu:
Yuval Noah Harari | Homo Deus



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