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Buchkritik

Lagos


calling



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Wenn die Zeiten unsicher sind und der Blick in die Zukunft sorgenvoll ist, wird Science Fiction zunehmend populärer. Erfolge wie Tribute von Panem und die Metro-Reihe von Dmitri Gluchowski belegen das. Aber gerade an den Randbereichen des Genres finden sich meist die interessantesten Vertreter. Eine starke und kritische Stimme ist die afroamerikanische Autorin Nnedi Okorafor, die in ihrem neuen Buch zeigt, wie ein Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies in Nigeria verlaufen könnte. Okorafor wird dem Afrofuturismus zugerechnet. Diese literarische und kulturelle Ströhmung besteht aus Elementen von Science-Fiction, historischem Roman, Fantasy und magischem Realismus, die mit nicht-westlichen Kosmologien kombiniert werden, um heutige aber auch historische Ereignisse aus der Vergangenheit, die Diskriminierung von people of color bedeuteten, zu bearbeiten, befragen und in einen neuen Kontext zu stellen.

Im Internet wird verbreitet, dass vor der Küste von Lagos, eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt, Außerirdische gelandet seien. Kurz darauf versuchen Militär, religiöse Führungspersönlichkeiten, Diebe und andere Wahnsinnige zu kontrollieren, was für Informationen in den Medien über das Ereignis verbreitet werden. Politische Supermächte beraten über einen nuklearen Präventivschlag, der die Eindringlinge auslöschen soll. Zwischen den 17 Millionen Einwohnern der Stadt und deren Tod stehen schließlich nur noch die außerirdische Botschafterin Ayodele und drei grundverschiedene Menschen: Adaora, eine Meeresbiologin; Anthony, ein in ganz Afrika berühmter Rapper und Agu, ein zweifelnder Soldat. Auf verschiedenen Ebenen werden die persönlichen Probleme der Figuren beleuchtet und in der Folge miteinander verwoben. Soweit das Setting.

Schnörkellos und präzise führt Okorafors Stil durch die Geschichte, vom Strand in die Stadt und zwischendrin zoomt die Erzählerin heraus um die Szenerie von Außen zu beleuchten. Das ist "Spielberg-mäßig" gemacht und erinnert an große Hollywood-Filme, allen voran Independence-Day. Denen fehlt es allerdings oft an durchsetzungsfähigem weiblichen Personal, dass die Geschicke lenken könnte. Bei Okorafor, die als Tochter nigerianischer Einwanderer in den USA aufwuchs, ist das anders,. Allen voran Botschafterin Ayodele ist eine starke und intelligente Frauenfigur, die für den Auftritt auf der großen Leinwand bereit scheint. Freundlich aber bestimmt tritt sie für ihre Ziele ein, insbesondere den Verbleib der Außerirdischen in Lagos.

Der bunten Millionenmetropole, die hierzulande den wenigsten bekannt sein dürfte, setzt sie in ihrem Roman ein vielschichtiges und auch besorgniserregendes Denkmal. Realität und Mythologie sind in Nigeria eng miteinander verbunden, und unterschiedliche Anschauungen bilden nicht selten die Brutstätte für Konflikte. In einer Umgebung aus Angst und Unsicherheit könnte die Ankunft von höheren Wesen aus dem All eine Verbesserung bringen. Doch dies zu erkennen und zu akzeptieren ist sowohl für die Afrikaner wie für die ausländischen Machthaber schier unmöglich. Wer viele Feinde hat, schafft sich weitere, so könnte das Motto der besorgten Mächte in den Verhandlungssälen ebenso wie das der Wahrsager in den Hinterhöfen lauten.

Die Ankunft von Fremden, die bleiben möchten, ist ein hochaktuelles Thema. Bei uns sind es Flüchtlinge aus anderen Ländern, im Roman sind es Wesen aus einer anderen Welt. Die Widerstände und die Ablehnung sind diesselben. Wie können verschiedene Kulturen, Ethnien und Religionen friedlich und gleichberechtigt miteinander leben? Genau dieser Frage scheint das Buch gewidmet. Allein der Ansatz ist es Wert Beachtung zu finden. Der gut konstruierte Handlungsstrang, der den Leser durch die Straßen von Lagos führt, ihn erleben und nachfühlen lässt, was die unterschiedlichen Menschen dort fühlen, ist ein weiterer Grund, den Zukunftsroman zu lesen. An dieser Stelle sei auf das hervorragende Buch von Ytasha Womack verwiesen (Afrofuturism. The World of Black Sci-Fi and Fantasy Culture), das das Phänomen Afrofuturiosmus nicht nur in der Literatur sondern auch in Film, Musik und Kunst ausführlich und bildreich erläutert. Seine Recherchearbeit bildet einen idealen Hintergrund, um die Atmosphäre im Roman anzureichern und insgesamt die Werke von Okorafor zu verorten. Für dieses Jahr sind bei CrossCult weitere Romane von Nnedi Okorafor angekündigt. Man darf gespannt sein.
August Werner - 23. März 2017
ID 9931
Nnedi Okorafor | Lagune
Tb., 370 S.
EUR 18,00
CrossCult 2016
ISBN 9783864258732


Weitere Infos siehe auch: http://www.cross-cult.de/titel/lagune.html


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