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Es ist schon so: Navid Kermani ist eine Art Vorzeige-Muslim. Er wurde 1967 in Deutschland geboren, ist der Sohn iranischer Eltern, und ihm ist es gelungen beide Identitäten miteinander zu vereinen. Nicht nur in seiner Wahlheimat Köln sondern auch weit überregional genießt er hohes Ansehen, besonders wenn die Fremdenfeindlichkeit mal wieder hochkocht. Da ist er die Stimme der Besonnenheit und kann durch seine ruhige Art und überzeugenden Argumente für Ausgleich sorgen. Er ist deutscher Publizist, habilitierter Orientalist und wurde 2015 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt, um nur eine der vielen Auszeichnungen zu nennen.

Von 2016 bis 2017 hat er sich auf den Weg gemacht - Entlang den Gräben – eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan - , ist tief in den Osten Europas vorgedrungen und beendete seine Tour in der Heimat seiner Vorfahren, der iranischen Stadt Isfahan, wo noch ein Teil seiner Verwandtschaft lebt. Zugegeben geschah dies in mehreren Etappen, aber er hat dies in Kapitel von 54 aufeinander folgenden Tagen gegliedert.

Gleich am „ersten Tag“ begibt er sich nach Dreesch, der größten Plattenbausiedlung in Schwerin, und schaut vor Ort, wie es denn mit der immer wieder kolportierten Fremdenfeindlichkeit dort aussieht. Er hört sogar einem Vertreter der AfD zu. Die wissen schon, dass die Flüchtlinge nicht an der Armut der Einheimischen schuld sind, an den verfallenen Häuser, den vielen Hartz-IV-Empfängern. Aber dass da Gelder für die Asylanten da sind und für die eigenen Bürger nicht, das empört die Menschen dort schon. Über Berlin geht es weiter nach Polen, und spätestens von dort an wird der Reisebericht belastend. Die Vergangenheit des Genozids an der jüdischen Bevölkerung wird dort viel deutlicher. Kermani erklärt das damit, dass im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts nur verhältnismäßig wenige Juden gelebt hätten, die sehr stark assimiliert waren, in den östlicheren Gebieten machten sie jedoch einen wesentlichen größeren Teil der Bevölkerungen aus, so dass der Massenmord an ihnen viel präsenter ist. Während seines Aufenthaltes in Auschwitz und Birkenau fühlt er sich in die Kollektivschuld der Deutschen einbezogen.

Die Folgen des Zweiten Weltkrieges begleiten ihn ebenfalls bei seiner Reise durch Litauen und auch Weißrussland, wo er Oma Frida trifft. Die war als Jüdin in deutsche Gefangenschaft geraten und hat das KZ überlebt. Wegen dieses Überlebens haben nach dem Krieg die Sowjets sie für eine Spionin gehalten und eingesperrt. Denen ist sie aber nicht böse. Die Deutschen sind schuld, weil die sie erst zur Jüdin gemacht haben. Wenn das nicht geschehen wäre, wäre das andere auch nicht passiert, schimpft sie. Im Prinzip formuliert sie unwissentlich damit das Prinzip "(zer-)teile und herrsche". Eine gespaltene Bevölkerung kann halt leichter gelenkt und auseinanderdividiert werden. Ansonsten hat sie eine sehr gelassene Einstellung zur Politik. Ob Stalin, Chruschtschow oder Breschnew, für Oma Frida haben die keinen großen Unterschied gemacht.

Den neu erwachten Nationalismus beschreibt Kermani zuerst in der Ukraine und erinnert daran, „dass die Beschwörung der Nation nicht immer ein Mittel zur Ausgrenzung und Ausdruck der Stärke war“. Bei Völkern, deren Kultur bedroht ist, kann es auch ein Aufstand der Schwachen sein. - Auf der Krim wird es besonders klar: „Es gibt keine Monokulturen, nirgends.“ Wo immer er hin kommt, gibt es ein Gemisch von Völkern. Der Nationalismus und die Spaltung der Bevölkerungen bis hin zu gegenseitigen Massakern begleiten ihn auch bei seinen Stationen in anderen Ländern, sei es Tschetschenien, Kachetien, Armenien, Bergkarabach u. a. Auffallend ist mitunter auch eine Lethargie der Menschen. In Georgien trifft Kermani auf Bischof Jesaia, der das ganz simpel erklärt. Viele zögen die Versklavung der Freiheit vor. Denn für die Freiheit muss man sich einsetzen und in die Eigenverantwortung gehen. - In Aserbaidschan erkundigt Kermani sich bei einem Taxifahrer, ob dieser den Krieg mit Armenien für notwendig gehalten habe. Der Krieg gehe auf die Mächtigen zurück, sagt dieser, es ist die Bevölkerung, die dafür mit ihrem Leben, ihren zerstörten Häusern und Kriegsverletzungen bezahle.

Für Kermani ist die Erinnerungskultur besonders wichtig, und er hat viele Museen besucht. Mitunter wird das Gedenken aber aktiv von den Machthabern verhindert, oder es findet in kleinem Rahmen durch persönliche Initiativen statt. Dieses Wissen ist aber wichtig. Die Renationalisierungswelle in Europa ist bedenklich, und so ist das Lernen von den wiederkehrenden Abläufen aus der Vergangenheit sehr nötig. Die Spirale von Krieg, Massenmorden, Deportationen und Heimatlosigkeit scheint sich unaufhörlich weiter zu drehen. Solche Tendenzen hat Kermani auch in der noch viel früheren Geschichte gefunden, aber durch das zerfallende Sowjetreich sind viele Konflikte zeitgleich ausgebrochen.

Auch setzt sich die Landflucht, das Sterben der Dörfer und die Gentrifizierung der Städte bis in den entferntesten Osten fort, so dass es immer weniger Räume zur Kulturpflege und zum Kulturaustausch gibt, oder einfach Orte, an den man Wurzeln bilden kann, die Heimat sind oder werden könnten, identitätsstiftend und gemeinschaftsfördernd. Für seine letzte Reise nach Isfahan lässt er sich vier Wochen Zeit. Kermani besucht seine Verwandten und hat auch seine Tochter mitgenommen, die in der Zeit dort zur Schule geht. So wird sie mit der Herkunft ihrer Vorfahren und deren Heimat vertraut gemacht, die wie bei ihrem Vater gleichberechtigt neben seiner deutschen Sozialisation stehen kann.

Durch Entlang den Gräben erfahren wir von Menschen und Regionen, die viele von uns nur von den Fernsehnachrichten her kennen. Kermani lässt eine Vielzahl von Menschen zu Wort kommen: Literaten, Politiker, Geistliche, Dorfbewohner, Städter, die dem Leser einen Bezug zu ihrem Schicksal, ihrer Geschichte und ihrem Land geben. Daneben gibt es etliche Zitate und Verweise zur Literatur anderer Autoren, darunter Ossip Mandelstam, von dem der Begriff „Sehnsucht nach Weltkultur“ stammt, Franz Werfels historischer Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh, Bloodlands-Autor Timothy Snyder und viele mehr.

Dazu noch die wunderbaren Erkenntnisse der Menschen, die ihm begegnet sind, wie die Ordensfrau Schwester Mariani mit dem Zitat, dass da, wo Liebe ist, kein Platz für Gewalt sei. Ob Liebe nach all dem umfassenden Kriegs- und Mordgeschehen noch möglich ist, steht in den Sternen. Wenn Kermani nicht gerade in Sperrgebieten wie bei Tschernobyl, im Niemandsland oder in Frontnähe unterwegs ist, bietet sich in den Städten das gleiche Bild. Es sind die selben Konzerne, die dort bis in die entferntesten Winkel ihren Geschäften nachgehen. So ist es fast gleichgültig, ob man sich in Köln, Krakau oder im Kaukasus aufhält. Das Stadtbild ähnelt sich, die Restaurants bieten Hamburger, Pizzen und kaum noch traditionelle einheimische Kost an. Eine Nivellierung sondergleichen. Die Städte werden austauschbar, beliebig und seelenlos.
Helga Fitzner - 24. Februar 2018
ID 10551
Link zum Buch: https://www.chbeck.de/kermani-entlang-graeben/product/20516417


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