|
Schönheit
und Elend
in Koexistenz
|
|
Bewertung:
Die Porträts faszinieren durch eine unnahbare, fast maskenhafte Strenge eingefangener Blicke, die gleichzeitig eine Verletzlichkeit offenbaren. Detailreiche Landschaften schillern bedeutungsoffen als intensive Visionen. Sie vermitteln Gefühle der Unruhe und des Aufruhrs. Frida Kahlo (1907-1954) gelangte im 20. und 21. Jahrhundert zu Weltruhm, was nur den wenigsten Künstlern gelingt. Ihr Leben beschäftigte die Massen, ihr Oeuvre hat eine breite Wirkungsgeschichte. Die mexikanische Malerin entwickelte sich in den frühen 1980er-Jahren in Lateinamerika zu einer Symbolfigur für ein Aufbrechen starrer Geschlechterrollen und sexueller Identitäten.
Seit Jahrzehnten erhält sie gebührende Aufmerksamkeit, etwa in immersiven Ausstellungen mit Videoprojektionen. Der weltweite Hype um die mexikanische Avantgardistin hält an. Anlässlich ihres Geburtsjahres vor bald 120 Jahren würdigt noch bis zum 3. Januar 2027 die Tate Modern in London die wohl bekannteste Kunstschaffende unter der Überschrift Frida: The Making of an Icon als Chronistin ihrer Zeit und ihres Landes.
Träumerisch verband Kahlo die Moderne mit urmexikanischen Motiven, malte theatralische Innenschauen, und thematisierte Weiblichkeit, Gebärfähigkeit oder Schöpfungsmythen. Im kommenden Jahr lässt der Edition-Kalender Frida Kahlo 2027 die Betrachter eintauchen in unterschiedliche Werke der Mexikanerin, verstörende Details und ihre widersprüchliche Bildsprache.
Das für den Januar abgebildete Portrait of Mrs. Jean Wight wurde von Frida Kahlo im Januar 1931 in San Francisco gemalt. Die Porträtierte war ein professionelles Modell und die Ehefrau des Künstlers Clifford Wight, welcher zu dieser Zeit als Assistent und Sekretär für Kahlos Ehemann Diego Rivera an dessen Wandbildern für die Börse arbeitete. Das kleinformatige Ölgemälde zeigt die junge Frau mit elegant frisierter Kurzhaarfrisur, einem hellen Kleid und einer Perlenkette. Sie sitzt vor einer Kulisse, die durch das Stadtpanorama San Franciscos im Hintergrund und einen grünen Vorhang eingerahmt wird. Kahlos frühe professionelle Auftragsarbeit in den USA bezeugt ihr Talent für feine Porträtkunst.
Das Februarmotiv Selbstbildnis auf der Grenze zwischen Mexiko und den USA von 1932, eine politische und weltanschauliche Loyalitätsbekundung für Mexiko, sah ich bereits im Original in der Surrealismus-Ausstellung Fantastische Frauen in Frankfurt. In einer zweigeteilten Landschaft stellt die Malerin die modernen USA dem präkolumbianischen Mexiko gegenüber. Die Protagonistin setzt sich dabei selbst im Bildzentrum mit rosa Abendrobe, Spitzenhandschuhen, Korallenkette und nachdenklichem Blick auf einen Sockel in Szene. In ihren überkreuzten Händen hält sie eine Fahne von Mexiko. In der rechten Bildhälfte entsteht die amerikanische Fahne aus dem Rauch von Fabrikschornsteinen, daneben werden graue Wolkenkratzer dargestellt. Hier deutet sich eine leblose Industrialisierung an, während die linke Bildhälfte von Sonne, Mond und einem Aztekentempel in der mexikanischen Wüste dominiert wird, darunter Götzenbilder und exotische Pflanzen mit tiefen Wurzeln.
Der Monat März zeigt das 1930 entstandene Selbstporträt (auch bekannt als Autorretrato). Die Künstlerin präsentiert sich als Brustbild im Profil, jedoch direkt dem Betrachter zugewandt vor einem intensiv leuchtenden, pinken und neutralen Hintergrund. Ihr Gesichtsausdruck ist streng, ernst und introspektiv. Die Malerin betont ihre charakteristischen, zusammengewachsenen Augenbrauen und ihr dunkles, zu einer traditionellen Hochsteckfrisur gebundenes Haar. Sie trägt ein einfaches, traditionelles mexikanisches Alltagskleid und auffälligen, indigenen Ohrschmuck.
Der April präsentiert das 1953 vollendete Ölgemälde Stillleben mit Wassermelone – ein Arrangement, in dem angeschnittene, saftig rote Melonenstücke dicht hinter kleineren, im Vordergrund liegenden Orangen angeordnet sind. Auf der rustikalen Tischplatte entsteht eine Dynamik aus schweren, voluminösen sowie leichten Formen.
Das Mai-Bild Lucha María, Mädchen aus Tehuacán (1942) zeigt ein junges, indigenes Mädchen barfuß mit überschlagenen Beinen auf einem Felsen. Sie trägt eine gemusterte, geometrische Jacke, einen weißen Rock und ein traditionelles Umhängetuch (Rebozo). Mit einem ernsten und fast melancholischen Blick blickt sie das Publikum an, während sie in ihren Händen ein kleines, getarntes Militärmodellflugzeug hält, ein Verweis auf globale Kriegsereignisse. Über eine karge Wüstenlandschaft erstreckt sich ein geteilter Himmel. Auf der linken Seite (Nacht) steht der Mond am dunklen Himmel über einer Pyramide, auf der rechten Seite (Tag) strahlt die Sonne über einer zweiten. Das arme, aber stolze Mädchen wird so in einen kosmischen Zyklus und in das aztekische Prinzip der Dualität eingebettet.
Frida Kahlos häufige Selbstdarstellungen mit bedeutungsvollen Attributen und volkstümlichen mexikanischen Kleidern sind legendär. In ihren Selbstporträts etwa in den Motiven für die Monate Juni, August, September und November fängt sie ihren Blick ruhig, wachsam und stolz ohne ein Ausweichen oder Lächeln ein. Ihr langes, dunkles Haar ist streng in der Mitte gescheitelt. Im September-Bild trägt sie es offen, in den anderen drei Monatsblättern zu aufwendigen Zöpfen geflochten und mit Textilbändern oder Schals wie eine Krone auf dem Kopf hochsteckt.
Sie adaptiert würdevoll ein älteres mexikanisches Erbe in ihrer Kleidung und in ihrer Haltung. Auf zwei abgedruckten Kalendermotiven (auch beim Covermotiv, das im Juni zu sehen ist) malte sie Klammeraffen an ihrer Seite, die sie beschützend umschlingen. Sie besaß tatsächlich mehrere Affen und sie hielt sich auch Hunde der haarlosen, mexikanischen Hunderasse Xoloitzcuintli. Auf dem August-Bild ist ein solcher im Vordergrund ihres Selbstporträts festgehalten. Solche Begleiter nutzte sie, ebenso wie Papageien und Blumen, in ihren Porträts als tiefgründige Symbole für innere Gefühlswelten, körperlichen Schmerz, unerfüllte Wünsche und ihre mexikanische Identität.
Auch das Juli-Werk Sonne und Leben aus dem Jahr 1947 sah ich bereits im Original in der Frankfurter Surrealismus-Ausstellung Fantastische Frauen. Im Zentrum des Bildes steht eine intensiv rote Sonne als lebensspendende Urkraft mit einem menschlichen Gesicht. Sie besitzt ein drittes Auge auf der Stirn, das für Weisheit, Bewusstsein und Spiritualität steht. Die Sonne ist dicht umgeben von großen, organischen, teils dschungelartigen und fruchtbaren Pflanzen in warmen Gelb- und Grüntönen. Bei genauerem Hinsehen gleichen die Knospen und Samenkapseln den weiblichen Geschlechtsorganen und Gebärmüttern, in denen kleine Föten und Samenzellen zu erkennen sind. Es laufen Tränen über das Sonnengesicht, was Kahlos tiefe Verbundenheit mit dem ewigen Kreislauf der Natur sowie ihren persönlichen Schmerz über ihre eigene Kinderlosigkeit symbolisiert.
Bei einem verheerenden Busunfall im Jahr 1925 im Alter von 18 Jahren durchbohrte eine Eisenstange ihren Unterleib und ihr Becken und verletzte dabei auch ihre Gebärmutter. Sie wurde mehrfach operiert, litt fortan unter schweren körperlichen Behinderungen und konnte keine Kinder mehr austragen. Viele ihrer Bilder entstanden nach Operationen und unter dem Einfluss von Drogen oder Medikamenten, um etwa chronische Schmerzen zu lindern.
Das Oktober-Gemälde Zwei Nackte im Wald aus dem Jahr 1939 ist ein Höhepunkt des Kalenders. Es zeigt eine hellhäutige Frau, die ihren Kopf sanft in den Schoß einer dunkelhäutigeren Gefährtin legt. Kunsthistoriker weisen darauf hin, dass die hellhäutigere der beiden nackten Frauen im Bild unverkennbare Züge der Schauspielerin Dolores del Río trägt, eine Freundin und Geliebte Kahlos, der sie das Gemälde auch schenkte. Im Hintergrund werden die beiden etwas abseits in einem Gebüsch von einem Klammeraffen heimlich beobachtet. Er wirkt hier wie ein aufmerksamer Wächter oder ein Zeuge einer intimen, geheimen Szene. Der Affe repräsentiert hier eine ungezähmte, vorurteilslose Naturkraft, die Kahlos eigene bisexuelle Identität und sexuelle Freiheit ohne moralische Bewertung der westlichen Welt begleitet.
Zwei Nackte im Wald wird in der Kunstwissenschaft häufig als diskreter Hinweis auf ihre Bisexualität interpretiert. Es ist eines ihrer explizitesten Werke zur weiblichen Intimität. Es bricht mit den traditionellen, oft für den männlichen Blick geschaffenen Aktdarstellungen der Kunstgeschichte und zeigt stattdessen eine Szene tiefer, tröstender Verbundenheit zwischen zwei Frauen. Darüber hinaus symbolisiert das Zusammenspiel der hellhäutigen und der dunkelhäutigen Frau – ähnlich wie in Die zwei Fridas – Kahlos ständige Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Doppelidentität (ihren europäischen und indigen-mexikanischen Wurzeln).
Im Dezember-Motiv, dem Porträt von Doña Rosita Morillo aus dem Jahr 1944 fing Kahlo liebevoll eine alte Frau in stiller Würde ein. Es zeigt die gealterte Mutter ihres guten Freundes und Mäzens Eduardo Morillo Safa. Doña Rosita sitzt in einem schlichten, dunklen Kleid vor einem dichten Hintergrund aus grünen Blättern. In dem Gemälde blickt sie den Betrachter direkt, ruhig und ernst an. Ihr Gesichtsausdruck wirkt dabei nachdenklich und in sich gekehrt, strahlt jedoch gleichzeitig eine tiefe und würdevolle Gelassenheit aus. Sie lächelt nicht, wodurch ihr Blick eine respektgebietende Sanftheit erhält. Die alte Frau strickt auf dem Bild, und der Faden scheint direkt mit den Pflanzen im Hintergrund verflochten zu sein – ein Symbol für die Verbundenheit des Alters mit dem Lebenskreislauf.
Frida Kahlos mitunter radikale Bildsprache ist aufrüttelnd, und so lauert etwa der Tod symbolisch in einigen Bilddetails stets als leise Vorahnung.
Ansgar Skoda - 22. September 2026 ID 16052
Kalender-Link zu
Frida Kahlo 2027
Post an Ansgar Skoda
skoda-webservice.de
Bücher | Kalender
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
AUSSTELLUNGEN
BIENNALEN | KUNSTMESSEN
INTERVIEWS
KULTURSPAZIERGANG
MUSEEN IM CHECK
PORTRÄTS
WERKBETRACHTUNGEN von Christa Blenk
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|