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Mehr und mehr Museen entdecken Ausstellungen von Künstlerinnen als Publikumsmagneten. Die Gabriele Münter-Sonderausstellung im Kölner Museum Ludwig von September 2018 bis Januar 2019 hatte eine so große Publikumsresonanz, dass Öffnungszeiten zeitweise verlängert wurden. Künstlerinnen wie die Schwedin Hilma af Klint werden in umfassenden Retrospektiven, Biografien und Dokumentarfilmen wiederentdeckt. Eine medienwirksam angekündigte, lang erwartete Sammelausstellung prominenter und wenig bekannter Künstlerinnen ist auch Fantastische Frauen – Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Die große Überblicksausstellung zu surrealen Künstlerinnen aus Europa, den USA und Mexiko vereint 260 Werke von insgesamt 36 Künstlerinnen aus elf Ländern.

Die Schirn widmete sich bereits vor einigen Jahren Künstlerinnen der Avantgarde. Die Ausstellung Fantastische Frauen sollte noch bis zum 24. Mai laufen, pausiert nun leider seit dem 14. März bis mindestens zum 10. April. Zur Eindämmung der Corona-Epidemie bleibt sie, so wie alle anderen Museen und Ausstellungen auch, temporär geschlossen.

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Die Stilepoche und geistige Bewegung des Surrealismus widmet sich seit den 1920er Jahren überwiegend dem Unbewussten, dem Traum und mythischen Grenzerfahrungen. Einen Eindruck der als Höhepunkt des Jahres angekündigten Ausstellung in der Schirn erhält man über eine knapp vierminütige Video-Tour. Der mit 420 Seiten umfangreiche Ausstellungskatalog gibt einen noch facettenreicheren Einblick mit etwa fünfzehn Aufsätzen zur Ausstellung.


„Keine andere künstlerische Bewegung oder Gruppe hat »die Frau« oder »das Weibliche«, den weiblichen Körper, die Sexualität, das »Begehren« (le désir) so sehr ins Zentrum ihrer Texte, Manifeste und auch Kunstwerke gerückt wie der Surrealismus.“ (Ingrid Pfeiffer, Fantastische Frauen in Europa, den USA und Mexiko, Ausstellungskatalog, S. 28)


Auf 350 teils doppelseitigen Farbabbildungen werden stilistisch sehr heterogene Kunstwerke dargestellt. Die Arbeiten reichen von Malerei bis hin zu Objektkunst, inszenierter Fotografie, Materialexperimenten hin zu medienübergreifenden Exponaten. Viele Werke zeigen avantgardistische, mentale und innerpsychische Landschaften. Spielerisch und provokativ verarbeiten Künstlerinnen Motive der Schauerromantik. Lockende Versuchungen präsentieren sich aus einem persönlichen, oft ungewöhnlichen Blickwinkel. Überraschungsmomente und Unbewusstes, die Wildnis und Tiere spielen in vielen Ausstellungsstücken eine Rolle. Neben dem Schicksal bekannter Frauenfiguren spiegelt sich auch die Auseinandersetzung mit antiker Mythologie, Mythen und Sagen vorchristlicher und außereuropäischer Völker in den präsentierten Exponaten.

Einige der vorgestellten Künstlerinnen weigerten sich zu Lebzeiten, als „Surrealistin“ klassifiziert oder in Ausstellungen nur mit Arbeiten anderer Frauen gezeigt zu werden (s. S. 37). Gerade jedoch der Facettenreichtum ihrer künstlerischen Konzepte und die stilistische Vielfalt ihrer Schöpfungen helfen heute die Kunstrichtung des Surrealismus neu zu betrachten.

Freundschaften der Künstlerinnen untereinander werden aufgezeigt. Oft spiegelt sich auch ein ökologisches und feministisches Bewusstsein in den Exponaten. Die Künstlerinnen entwickeln Gegenbilder zu stereotypen Geschlechterdarstellungen ihrer Kollegen. Einige Bilder zeigen so schlafende, schön-passive, nackte Männer und weibliche Figuren, die über sie wachen. Feminine Silhouetten oder Augen spielen motivisch oft eine Rolle. Selbstporträts zeugen davon, wie sich die Künstlerinnen mit dem eigenen Selbst, dem eigenen Körper und eigenen Sichtweisen auseinandersetzen.

Die Tschechin Toyen (1902-1980) hinterfragt weibliche Rollenzuschreibungen in ihren Werken:


„Zwischen Kinderspiel und Verführung, Bedrohung und Schöpfungsmythos changiert das Werk und fragt, eventuell auf das Höhlengleichnis anspielend, zugleich nach dem Verhältnis von Präsentation und Repräsentation, von Wirklichkeit und Bildrealität, innerem Modell, psychischer wie realer »Projektion«.“ (Annabelle Görgen-Lammers, Je ne suis pas peintre, Ausstellungskatalog, S. 202)


Häusliche Welten erscheinen bei einigen Künstlerinnen oft als erschreckende, isolierte Lebenswelten. Rollenzuschreibungen der Frau setzen die Belgierinnen Jane Graverol (1897-1984) und Rachel Baes (1912-1983) in ein zwiespältiges Licht. Graverol porträtiert verfremdete Frauenkörper in ungewöhnlichen, häuslichen Zusammenhängen. Baes schafft eine unheimliche und befremdliche Atmosphäre, indem sie weibliche Körper in meist dunkler und bedrohlicher Umgebung hervorhebt. Stilistisch unterscheiden sich nicht nur die Werke der Letztgenannten deutlich. Ästhetisch ungewöhnlich sind etwa auch die Werke der deutschen Schriftstellerin und Zeichnern Unica Zürn (1916-1970), die – großräumig, aber kleinteilig – mäandernde, wimmelnde und wuchernde Liniengespinste und Anagramme schuf.

Der Ausstellungskatalog wirbt auf dem Titelcover mit dem Selbstbildnis mit Dornenhalsband (1940) von Frida Kahlo (1907-1954). Kahlo – jahrzehntelang fast vergessen – gilt aktuell als wohl populärste bildende Künstlerin aller Zeiten und wurde vielfach zur Kultfigur stilisiert; und das nicht erst seit Julie Taymors Hollywood-Verfilmung ihres Lebens (2002) mit Salma Hayek in der Hauptrolle. Es gibt zu ihrem Werk leider kein eigenes Buchkapitel. Tere Arcq verortet Kahlo in ihrem Aufsatz Magische Begegnungen jedoch in einem ganzen Kreis surrealistischer Künstlerinnen in Mexiko. Die Ausstellung zeigt acht ihrer Werke, zu denen neben dem Selbstbildnis mit Dornenhalsband einige, im Katalog abgebildete Stillleben und Selbstporträts zählen.

Zu vielen Künstlerinnen und ausdrucksstarken abgedruckten Werken, wie etwa von der Französin Bridget Tichenor (1917-1990)oder den Däninnen Rita Kernn-Larsen (1904-1998) und Elsa Thoresen (1906-1994), gibt es leider kaum Erläuterungen. Trotzdem ein reichhaltiger, inspirierender und horizonterweiternder Kunstband zum immer wieder schmökern. Bleibt zu hoffen, dass die Originale in Frankfurt ganz bald wieder zugänglich werden.


Ansgar Skoda - 26. März 2020
ID 12116
Für Frida Kahlo-Fans, die der Künstlerin vielleicht nicht nur virtuell bis zum MUSEO FRIDA KAHLO in ihrer mexikanischen Heimat folgen möchten, gibt es 2020 ein weiteres Highlight: Die große Frida-Kahlo-Ausstellung Viva la Frida! zum Leben und Werk der Künstlerin kommt voraussichtlich bereits ab 11 Oktober 2020 bis 28 März 2021 – also für fast sechs Monate – ins Drents Museum ins niederländische Assen. Bis dahin dürfen die Museen ihre Räume wohl wieder öffnen.


Link zum Ausstellungskatalog


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