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So soll es sein
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Bewertung:
Eigentlich ist es paradox. Einerseits wird ständig behauptet, dass das Lesen aussterbe, die elektronischen Medien das Buch verdrängten. Andererseits quellen die Buchhandlungen über mit Kinderbüchern, mit Angeboten also für die Leser von morgen. Die Vielfalt war noch nie so groß. Neben modernen Kinderbüchern, die inhaltlich und formal von den Reformen des 20. Jahrhunderts geprägt sind, gibt es biedere (Bilder-)Bücher wie zu Großmutters Zeiten und immer wieder neu aufgelegte „Klassiker“ des Genres.
Kinderbücher können, mehr noch als Bücher für Erwachsene, belehren, didaktischen Zielen folgen, sie müssen es aber nicht. Sie können eingesetzt werden als erzieherische Hilfsmittel, aber sie können ebenso gut ästhetische und literarische Bedürfnisse erfüllen. Es sind nicht die schlechtesten Exemplare, wo beides zusammenkommt.
So in dem großformatigen reichhaltig illustrierten „Kindersachbuch“ Wer sagt dir, was normal ist? von Minitta & Melanie Kandlbauer und İrem Kurt. Es erzählt, was in der Vergangenheit als normal galt und was als normal gilt. Es zeigt Beispiele für die Relativität von Normalität und für die Abhängigkeiten vom Gebrauchswert. Es stellt Kategorien wie Nationalität, Alter oder Geschlecht infrage. Und es ermutigt dich zum Widerstand gegen das, was andere von dir sagen. Es erklärt, warum gute Noten kein Muss sind: kurz, es bringt Aufklärung in eine kindgemäße Form. Selbst ein Begriff wie „ziviler Ungehorsam“ ist zumutbar.
Die einzelnen Themen dieses Buchs sind durchaus auch für Erwachsene beherzigenswert. Zum Kinderbuch werden sie durch die verständliche Darstellung mitsamt den Bildern und dadurch, dass und wie sie sich an den Erfahrungen von Kindern orientieren. Die werden nicht unterschätzt, aber auch nicht überstrapaziert. Kinder als Leser werden hier ernst genommen. Dieses Buch ist moralisch, ohne zu moralisieren. Besser geht es kaum. Ist das normal? Leider nicht.
Es wird leider schlimmer. Der Grazer Leykam Verlag, in dem das Buch erschienen ist, gibt ab 2027 seine Kinderbuch-Sparte auf. Michael Stavaric hat in dem Verlag mehrere Kinderbücher und Kindersachbücher veröffentlicht und damit etliche Kinder- und Jugendliteraturpreise eingefahren. „Ein wunderbares Kinderbuchprogramm wird in Österreich aufgegeben, weil man seinen Wert nicht erkennt bzw. unterschätzt. Weil es zu viel kostet“, kommentierte Stavaric in seinem Social-Media-Beitrag.
Dass die Entscheidung des Verlags neben den wirtschaftlichen aus seiner Perspektive auch kulturelle und gesellschaftliche Konsequenzen hat, hob Stavaric ebenfalls hervor:
„Im gesamten Kunst- und Kulturbereich gibt es Kürzungen, Streichungen von Fördermitteln etc. – die Budgets geben es angeblich nicht mehr her. Am Ende wird der Markt schon alles regeln, möchte man fast sagen. Am Ende wird es eine Welt geben, in der ich nicht mehr leben will. Und glaubt mir: Ihr auch nicht!“
Und wer nun entgegnet: das ist eben normal, dem sei’s gesagt: sollte es aber nicht sein.
Thomas Rothschild – 15. Oktober 2026 ID 16097
Leykam-Link zu
Wer sagt dir, was normal ist?
Post an Dr. Thomas Rothschild
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